Abi erst drei Wochen später: Abiturienten in Hamm zwischen Chaos und Erleichterung

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Die Abiturientin Michelle Hutyra bereitet sich auf ihre Prüfungen vor.

Trotz aller Belastungen durch das Coronavirus müssen die Abiturienten doch ran: Sie werden ihre Prüfungen ab dem 12. Mai schreiben. Das ist drei Wochen später als ursprünglich geplant. Nun stecken sie in der Vorbereitung - die in Coronazeiten mitunter holprig verläuft.

Hamm – In den vergangenen beiden Wochen war viel los in den Whatsapp-Gruppen der Hammer Abiturienten. Bei dem Nachrichtendienst tauschen sie sich aus: Mal schrieb jemand, die Abiprüfungen fänden erst im kommenden Jahr statt, den Abiturienten stehe ein Jahr Leerlauf bevor. Andere behaupteten, die Prüfungen seien weiter ab 21. April geplant. Wieder andere erklärten, sie hätten gehört, man müsse in der Schule in Quarantäne. Corona-Zeit, das ist auch Gerüchte-Zeit – und das bedeutet viel Verunsicherung für die Schüler, die kurz vor dem Abschluss stehen.

Seit Freitag gibt es Klarheit. NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer erklärte, dass die Abiturklausuren stattfinden, allerdings drei Wochen später als ursprünglich geplant. Am 12. Mai soll es losgehen. „Ich finde, das ist eine gute Entscheidung“, sagt Michelle Hutyra, Abiturientin an der Friedensschule. Sie hatte eigentlich gefordert, dass es ein sogenanntes Durchschnittsabitur geben sollte: Die Abiturklausuren wären entfallen, der Abischnitt wäre auf Basis der Quartalsnoten der Oberstufe gebildet worden. Hutyra befürwortete dies unter anderem, weil die Schüler in der Krise unter starkem Stress stehen. Und doch findet sie es gut, dass Gebauer anders entschieden hat: „Sonst hätten wir vielleicht im Vergleich zu anderen Jahrgängen ein Abitur zweiter Klasse gehabt.“

Einige lernen noch immer neuen Stoff

Die drei Wochen Verschiebung gebe den Schülern zusätzliche Zeit. Und die scheint nötig zu sein. Die Vorbereitung auf das Abitur verläuft mitunter holprig. Drei Wochen Schule standen den Absolventen noch bevor, als die Landesregierung beschloss, den Unterricht auszusetzen. Einige Lehrer hatten schon den gesamten Stoff für die Prüfungen vermittelt. „Einige Kollegen müssen jetzt aber auch noch neuen Stoff durchnehmen“, sagt Leon Moka, Schulleiter der Friedensschule. Diese neuen Themen lernen die Schüler nun digital kennen – und das funktioniert nicht überall gleich gut.

Nach Ausbruch des Coronavirus in Hamm: Keine einheitliche Lösung für das digitale Lernen

So verfügen einige Schulen seit Jahren über Lernplattformen. Schüler und Lehrer sind geübt darin, sich dort auszutauschen. An anderen Schulen wurden diese Plattformen vor zwei Wochen aus dem Boden gestampft. Schulleiter Moka erklärt, dass eine einheitliche Lösung sicher wünschenswert wäre – die gab es aber nicht. „Glücklicherweise sind die Schulen so kreativ, dass man überall eine Lösung gefunden hat“, lobt er.

Die Lernbedingungen unterscheiden sich nun stark, von Schule zu Schule, Lehrer zu Lehrer, Schüler zu Schüler. „Einige haben zu Hause nicht so gutes Internet, dass sie die Lernplattform gut nutzen können“, erzählt Michelle Hutyra. Alles laufe ruckelig. Manchmal sei der Server überlastet, über den die Lernplattform und Videochats mit den Lehrern laufen. Dann könne man die Lehrer kaum verstehen. „Teilweise ist das Chaos“, sagt sie.

Manche gut auf eigenständiges Lernen vorbereitet, andere nicht

Die Abiturienten müssen so im Zweifel selbst dafür sorgen, sich auf die Prüfungen vorzubereiten. Und auch hier unterscheiden sich die Voraussetzungen offenbar. „Ich habe den Eindruck, dass wir sehr früh gelernt haben, eigenverantwortlich zu lernen“, berichtet Jana Harink, die ihr Abitur am Märkischen Gymnasium macht. Es falle ihr leicht, die Wiederholung fürs Abitur selbst zu organisieren. Lena Mentz hingegen, Stufensprecherin der Abiturienten am Gymnasium Hammonense, hat den Eindruck, dass es vielen Mitschülern schwerfalle, sich hinzusetzen und zu lernen. „Die erste Woche frei fühlte sich an wie Coronaferien“, sagt sie. Auch sie habe in der ersten Woche vergleichsweise wenig gelernt. Danach sei sie richtig in die Abivorbereitung eingestiegen: „Mir war klar, dass die Prüfungen noch kommen“, sagt sie.

Anderes Ende der Schulzeit als gedacht

Für Mentz ist es wichtig, gute Klausuren zu schreiben. Sie will Medizin studieren, braucht dafür einen guten Durchschnitt. „Die Abiturklausuren bieten für uns noch einmal die Chance, den Schnitt zu verbessern.“ Mentz bedauert, dass ihre Schulzeit so anders endet als gedacht. „An meinem allerletzten Schultag hatte ich nur sechs Stunden. Am Nachmittag habe ich dann erfahren, dass ich nie wieder Schule habe. Das war schon komisch“, sagt sie.

All das, was in den vergangenen Jahren selbstverständlich war, fiel aus: das Treffen am letzten Schultag auf dem Burghügel, der Abischerz, die Mottowoche. „Das ist schon sehr schade, wir haben uns dazu viele Gedanken gemacht“, sagt Mentz. Wie ihre Mitschüler hofft sie, dass wenigstens der Abiball Ende Juni stattfinden kann. Eigentlich wollte Mentz im Mai mit drei Schulkameradinnen nach Mallorca fliegen. Aus der Reise wird nichts – geplant war sie in dem Zeitraum, in dem nun Klausuren anstehen.

Bange Frage: Wie geht es nach dem Abschluss weiter?

Ungewiss ist auch, wie es nach dem Abschluss weitergeht. Michelle Hutyra will ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Jugendhilfeeinrichtung in Werne machen. „Ich wollte am 1. Juli anfangen, weiß aber noch nicht, ob das klappt.“ Lena Mentz wollte vor dem Studienanfang arbeiten – und hat nun womöglich fünf Monate frei. „Ich würde jetzt gerne planen, was ich in der Zeit mache, habe aber den Eindruck, dass ich gar nicht erst damit anfangen muss. Es kommt sowieso anders“, sagt sie.

Coronavirus in Hamm - weitere Infos hier:

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