Jugend-Psychotherapeutin neu in Rhynern

Corona und die Gefahren für die Jugend

Mila Ould Yahoui ist als Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin neu in Rhynern.
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Mila Ould Yahoui ist als Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin neu in Rhynern.

Rhynern - Welche Auswirkungen kann die Corona-Zeit auf die Entwicklung der jungen Menschen haben? Ein Thema, mit dem sich auch Mila Ould Yahoui beschäftigt. Sie ist approbierte Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin. Am 1. Januar wird sie ihre Praxis von Dorsten nach Rhynern verlegen, in die Räume der ehemaligen Zahnarztpraxis im Dohmwirthhof-Komplex an der Reginenstraße.

Kein Spielen mit Freunden, kein Auspowern im Sportverein, kein Abhängen mit Kumpeln, keine Partys am Wochenende. Die Liste lässt sich fast endlos fortsetzen. Aber auch in verkürzter Form deutet sie an, wie sehr die Pandemie auch die Kinder und Jugendlichen trifft. Selbst gehören sie kaum zu den Risikogruppen, ihre Angst vor einer Ansteckung hält sich womöglich deshalb in Grenzen – und doch müssen sie auf so viel verzichten und zeigen sich überwiegend solidarisch. Das geht sicherlich nicht spurlos an den Kindern und Heranwachsenden vorüber.

„Insgesamt finde ich, dass die jungen Menschen bislang erstaunlich gut mit der Situation umgehen“, schildert sie ihre Erfahrungen und Beobachtungen. Gerade sie, die zumeist vor Bewegungsdrang nur so strotzen, müssten mit argen Einschränkungen zurechtkommen. Dafür hielten sich die Proteste in Grenzen, die meisten fänden sich mit der Situation ab. „Aber“, sagt Ould Yahoui, „so langsam werden die Kinder und Jugendlichen auch mürbe. Es müssen Alternativangebote geschaffen werden.“

Spielsucht, Mobbing, Einsamkeit

Denn hinter den Kontaktbeschränkungen verstecken sich auch Gefahren, denen Ould Yahoui in ihrem Berufsleben immer wieder begegnet. Da ist zum einen Thema „Zocken“, das Spielen von Computerspielen. Dass Kinder und Jugendliche hier und da zu viel Zeit am Bildschirm verbringen, ist nicht neu. Nicht selten entwickelt sich daraus eine echte Spielsucht. „Das ist ein wirklich schwieriges Thema“, gibt die Expertin zu. Hier seien die Familien gefragt, gerade jetzt, wo ihre Kinder ja auf die Medien angewiesen sind, ihnen ein Tagesablauf vor PC, Tablet oder Smartphone geradezu vorgeschrieben wird. „Die Familien müssen darauf achten, ausreichend Zeit miteinander zu verbringen“, gibt Ould Yahoui einen Tipp.

Nicht nur aus der Zockerei, aber auch aus ihr, kann eine Einsamkeit entstehen. Außenseiter im Verein und in den Schulen gehören ohnehin oft zu ihren Patienten. „Sie haben Probleme, Freunde zu finden, da auch das Selbstvertrauen fehlt. Oder sie haben Eigenschaften, die andere stören“, erklärt die Psychotherapeutin. Der Wegfall sämtlicher sozialer Kontakte mache das Leben für diese jungen Menschen sicherlich nicht einfacher. Denn das Mobbing, das sie womöglich in der Schule erleben, könne über die sozialen Netzwerke noch ausgeprägter sein, warnt sie.

Und jetzt kommt auch noch Weihnachten? Ein Weihnachtsfest, wie es vermutlich in den meisten Familien noch nie gefeiert worden ist. „Wir sollten nicht den Fehler machen und alles zu negativ sehen. Was ist eventuell positiv an dieser Art, Weihnachten zu feiern?“, fragt die Verhaltens- und Traumatherapeutin und nennt Beispiele:

Ist der Stress in den Vorweihnachtstagen nicht deutlich geringer? Ist das nicht sogar entlastend?

Gibt es nicht Verwandtenbesuche, die wir bislang eher als lästig ansahen?

Können wir als Familie nicht die guten, alten Brettspiele wieder rausholen?

Kann ich in diesem Jahr nicht einfach mal wieder einen Brief oder eine nette Karte schreiben anstelle einer WhatsApp-Nachricht?

Mila Ould Yahoui ist gespannt auf die weiteren Wochen in der dunklen Jahreszeit und noch mehr auf ihre neue Herausforderung in Rhynern. Die Themen der neuen Patienten werden vielleicht ähnlich sein wie in Dorsten, die Menschen sind aber in jeden Fall andere. Jede Umgebung, in der Kinder aufwachsen sei anders. In Rhynern scheine es, als würden die Kinder noch viel draußen spielen und gut behütet aufwachsen. Dennoch schütze dies nicht vor Verhaltensauffälligkeiten.

Ess- und Schlafstörung bis zu ADHS und Autismus nennt sie als ihre Schwerpunkte. Sie behandelt die Menschen bis zum 21. Lebensjahr und weist darauf hin, dass Jugendliche ab 15 selbst entscheiden dürfen, ob sie eine Therapie annehmen. Ohnehin solle das selbstbestimmte Leben selbstverständlich sein. Als Leitspruch ihrer Praxis zitiert sie gerne Curt Götz: „Man sollte die Dinge nehmen, wie sie kommen. Aber man sollte dafür sorgen, dass die Dinge so kommen, wie man sie nehmen möchte.“

Zur Person

Mila Ould Yahoui ist 42 Jahre alt, in Kiel aufgewachsen. Nach der Schulzeit studierte sie zunächst Humanmedizin im Grundstudium und anschließend den Diplomstudiengang Sozialwesen und Gesundheit. Bereits während des Studiums sammelte sie Praxiserfahrungen in der Jugendarbeit. Nach einer Zwischenstation in Berlin kam sie ins Ruhrgebiet, wo sie das Studium zur Psychotherapeutin mit dem Arbeitsschwerpunkt Kinder- und Jugendliche absolvierte. Begleitet von mehreren Fortbildungen behandelt sie seit 2012 eigene Patienten, mittlerweile in eigener Praxis. Mit dem Umzug 2018 nach Welver wollte sie sich in dieser Region niederlassen und darf nun zum 1. Januar 2021 ihre Kassenpraxis in Rhynern eröffnen. jb

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