Rechnerisch gutes Ergebnis in Hamm

Corona prägt Ausbildungsbilanz: Viele Schulabgänger nicht erreicht

Ausbildung und Corona: Die Teams der Arbeitsagentur von Holger Wortmann und Christin Scharf haben die Aktion „Up to date“ umgesetzt, um Arbeitgeber und Bewerber zusammenzubringen – mit Erfolg.
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Ausbildung und Corona: Die Teams der Arbeitsagentur von Holger Wortmann und Christin Scharf haben die Aktion „Up to date“ umgesetzt, um Arbeitgeber und Bewerber zusammenzubringen – mit Erfolg.

Rein rechnerisch ist es die seit Jahren beste Halbzeitbilanz des Ausbildungsmarktes in Hamm, doch so recht glücklich sind der Vorsitzender Geschäftsführung der Agentur für Arbeit, Thomas Helm, und seine Beraterteams damit nicht. Die Auswirkungen von Corona lassen sich in der Ausbildungsstatistik deutlich ablesen.

Hamm – Auf 453 unversorgte Bewerber kamen im März 448 Stellenangebote, also hätte fast jeder Bewerber – zumindest theoretisch – die Chance auf ein Ausbildungsverhältnis. In den Vorjahren kamen auf jede freie Stelle rechnerisch zwei Kandidaten. Auch die Zahl der Bewerber insgesamt (932) ist im Vergleich zum März der Vorjahre deutlich gesunken.

Das klingt erst einmal gut, doch Helm liest die Zahlen anders. „Die Schulabgänger sind da, aber wir erreichen viele von ihnen nicht und sie tauchen nicht in der Statistik auf“, so der Geschäftsführer. „Es handelt sich ja um freiwillige Meldungen, also nur einen Teil des Marktes. Die Zahl der Bewerber insgesamt müsste höher sein.“

Corona bremst Berufsberatung aus

Aufgrund der Corona-Pandemie und der Beschränkungen hätten die Beratungen der Agentur nicht wie gewohnt in den Schulen stattfinden können. Zwar würden die Schulen alternative Beratungsangebote der Arbeitsagentur aktiv bewerben, doch die Pandemie sei für die Schulen in ihrem Alltag an sich schon eine so riesige Kraftanstrengung, dass das bisherige Angebot bei allen Bemühungen nicht zu kompensieren sei.

Helm glaubt, dass viele Schulabgänger nun zunächst den Weg ins Studium, zum Kolleg oder andere weiterführende Schulen einschlagen. Er fürchtet aber auch, dass einige gar keine Ausbildung beginnen. Helm: „Ich bin überzeugt, dass wir manchen zu einem späteren Zeitpunkt wiedersehen.“

Ausbilder in Betrieben werden bezuschusst

Viele Jugendliche seien sicherlich mit der jetzigen Situation ohne „Face-to-Face“-Beratung auch überfordert: erst einmal eine Hotline (unter Berufsberatung: Telefon 910-1111; Arbeitgeberhotline: 0800/4555520) anzurufen oder eine E-Mail zu schreiben. Wer dies tue, könne allerdings profitieren, zum Beispiel vom neuen Landesprogramm „Kurs auf Ausbildung“, das Coachings, Bewerbungshilfen und eine möglichst passgenaue Stellsuche bietet.

Helm appelliert umgekehrt aber auch an die Betriebe, trotz Pandemie Ausbildungen nicht von der Agenda zu streichen. Hier sei eine Zurückhaltung deutlich spürbar. Helm: „Betriebe sollten sich für die Zeit nach Corona aufstellen. Irgendwann werden die Fachkräfte fehlen.“ Er gibt auch zu bedenken, dass die Auspendlerzahl in Hamm über der der Einpendler liege. Über das Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ würden Ausbilder in den Betrieben bezuschusst. Den Arbeitgeberberatern der Agentur sei es gelungen, in den insgesamt 1263 ausbildungsberechtigten Betrieben 62 zusätzliche Ausbildungsstellen einzuwerben. Zum Beispiel Friseure würden jetzt wieder melden.

Besonders gefragt bei den unversorgten Bewerbern sind kaufmännische und medizinische Berufe. Sie treffen noch auf ein vergleichsweise üppiges Angebot an unbesetzten Stellen. Schwieriger haben es dagegen Bewerber für den handwerklichen Bereich, wie beispielsweise Tischler oder Schreiner, für die es kaum offene Stellen gibt.

Virtuelle Vorstellungsgespräche in Zeiten der Pandemie

Um Arbeitgeber und Bewerber in Zeiten der Pandemie und des Lockdowns zusammenzubringen, hat die Agentur für Arbeit Hamm Hamm mit dem Arbeitgeberservice und der Berufsberatung die Aktion „Up to date“ aufgelegt. Mit Erfolg, wie Christin Scharf, Teamleiterin der Berufsberatung vor dem Erwerbsleben, und Holger Wortmann, Teamleiter Arbeitgeberservice, feststellen.

In einem eigens dafür eingerichteten Studio in den Räumen der Arbeitsagentur an der Bismarckstraße wurden sieben Arbeitgeber aus gewerblich-technischen Bereich (unter anderem Chemie, Elektrotechnik, Metallverarbeitung) und 23 ausgewählte, motivierte Bewerber zusammengebracht. Per Skype führten sie ein halbstündiges Vorstellungsgespräch.

Die Jugendlichen konnten sich zuvor für einen der teilnehmenden Arbeitgeber entscheiden. Die Kandidaten wurden von den Mitarbeitern der Agentur eingehend auf das Gespräch vorbereitet. Die Arbeitgeber erhielten vorab einen Profilbogen des Bewerbers. Hervorgegangen sind aus der Aktion bisher drei Ausbildungsverhältnisse und mehrere Kurzpraktika.

Die Aktion sei von beiden Seiten als Alternative zum persönlichen Vorstellungsgespräch sehr gelobt worden, sagen Scharf und Wortmann übereinstimmend. „Die Mitarbeiter haben mir den Druck genommen. Ich kann das Format nur empfehlen. Es hat mir einen Ausbildungsplatz beschert“, zitiert Wortmann das Feedback eines Teilnehmers. Arbeitgeber hätten umgekehrt die Vorauswahl der Jugendlichen und die Vorbereitung durch die Agentur begrüßt. Die Aktion soll in anderen Branchen (KFZ, Verwaltung/Büro/Sekretariat, Energietechnik, Metall- und Maschinenbau) wiederholt werden.

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