„Die Kinder leiden spürbar“

Lockdown in Hamm: So emotional bewerten Promis die Verlängerung

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Lockdown und immer neue Verlängerungen: Auch in Hamm wächst der Frust über die trostlose Situation spürbar. (Symbolbild)

Lockdown, die nächste Runde. Was macht das eigentlich mit den Hammer Bürgern? Wir haben uns gezielt umgehört.

Hamm - Die Bundeskanzlerin hat zusammen mit den Länderchefs wieder einmal neue Maßnahmen beschlossen; der Kampf gegen das Coronavirus und seine mutierten Verwandten ist noch lange nicht vorbei. In einer Telefonumfrage haben wir bei Persönlichkeiten aus dem Bereich Kultur, Kirche, dem Sport, der Geschäftswelt und eben mitten aus der Gesellschaft nachfragt, was das mit ihnen macht. (News zum Coronavirus in Hamm)

Uwe Röhrig, Schausteller: Ich bin der Meinung, dass jetzt der richtige Moment ist, die erforderlichen Maßnahmen durchzuführen. Meine Stimmung schwankt bald wöchentlich zwischen Hoffnung und Bangen – je nach Nachrichtenlage. Wenn sich die Menschen an die Schutzverordnung halten und gleichzeitig auch geimpft wird, habe ich die Hoffnung, dass wir dieses Jahr wieder einen Stunikenmarkt veranstalten können.

Uwe Röhrig hofft auf ein Comeback des Stunikenmarkts in diesem Jahr.

Holger Wissemann, Abteilungsleiter Swim-Team: Die Maßnahmen-Verschärfung hätte schon viel eher kommen müssen, das hätte man nach dem Lockdown kurz vor Weihnachten schon erahnen können. Die Salami-Taktik der Bundesregierung und die halbherzigen Entscheidungen halte ich für falsch, sie sollte sich ein Beispiel an Neuseeland nehmen. Dort hat es harte Einschränkungen gegeben, die zum Erfolg geführt haben.

Uli Holesch, Veranstaltungsleiter Kulturwerkstatt: Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Maßnahmen Ende Januar beendet sein werden. Und so müssen wir die Konzerte mit jeder Verlängerung des Lockdowns scheibchenweise absagen. Ich bin froh, dass wir jetzt diese grauen Tage haben, weil es mich nicht unbedingt nach draußen zieht.

Uli Holesch ist froh, dass die Tage eh schon grau sind.

Jutta Elbers, Künstlerin und Gastronomin: Wenn die Zahlen sind, wie sie sind, macht es keinen Sinn, die Regelungen zu lockern. Wir wollen schließlich alle nicht, dass sich der Lockdown bis in den Sommer hinzieht, auch was das „Hardy‘s“ betrifft. Ich setze meine Hoffnung auf die Impfungen. Masken finde ich auch durchaus sinnvoll. In Bezug auf den Arbeitskreis Kunst bin ich schon deprimiert, dass keine Ausstellungen stattfinden können. Ich bin kein depressiver Typ, darum reißt mich der Lockdown nicht in ein tiefes Loch.

Gerd Pickl-Gilberg, Arzt im Ruhestand: Mit einer Verlängerung bin ich voll einverstanden, für mich persönlich habe ich sie bis zum 30. Juni verlängert. Nur nicht das Golfspiel – die Sinnhaftigkeit des Verbots in NRW erschließt sich für mich nicht. Prinzipiell ist meine Stimmung gut und verhalten optimistisch, wir sind Privilegierte. Das einzige, was mich noch fuchst, ist das Verbot in Bayern, zu Urlaubszwecken die eigene Ferienwohnung aufzusuchen.

Bernd Mönkebüscher, katholischer Pfarrer: Ich atme wie alle anderen auf, wenn die Zahl der Corona-Infizierten sinken. Ich verstehe nicht jede Einschränkung, ordne sie aber ins große Ganze ein: Dass möglichst wenig Menschen erkranken oder sterben, dass aber dennoch auch Lebensfreude weiter möglich ist. Deswegen finde ich die beiden Vokabeln „verschärfen“ und „lockern“ nicht passend. „Schützen“ klingt gewinnender. Ich frage mich, wie es mit den mutierten Viren weiter geht. Das macht mir Angst. Mein Mitgefühl gilt den Trauernden, die durch Corona einen Menschen verloren haben und sich nicht richtig von ihm verabschieden konnten.

Pfarrer Bernd Mönkebüscher sorgt sich um die Virus-Mutation.

Dieter Büter, Leichtathletik-Trainer: Ich persönlich glaube, eine Verlängerung ist nötig, weil wir nicht wissen wo wir wirklich stehen. In meinem Bekanntenkreis sind einige, die die Verlängerung für übertrieben halten. Ich glaube, wenn wir noch drei Wochen durchhalten, plus Impfung, sind wir so weit, dass gelockert werden kann.

Rafet Baslarli, Maschinentechniker: Die Verlängerung der Maßnahmen ist absolut der richtige Weg. Es geht darum, das bis jetzt Geschaffene zu sichern. Nach meiner Meinung ist es auch eine Maßnahme gegen das mutierte Virus, und wie sich das Virus ausbreitet, liegt ganz maßgeblich an unserem eigenen Verhalten.

Maria Hagenschneider, Maria-2.0.-Aktivistin: Die Verlängerung ist angemessen. Jedoch wäre es wichtig, Perspektiven aufzuzeigen, wie das Leben auch wieder in Begegnungen stattfinden kann, wenn weitere Mutationen oder andere Viren auftauchen sollten oder wenn die Gefahren bestehen bleiben. Stichwort: Zukunftswerkstatt mit kreativen Köpfen, die dem Leben wieder Farbe geben

Otmar Alt, Künstler: Die Menschen müssen geschützt werden. Der Zeitraum, den diese Seuche schon andauert, ist natürlich viel zu lang. Vielleicht sind wir Menschen auf so etwas nicht ausreichend vorbereitet worden. Meine Stimmung ist gar nicht gut. Insgesamt elf Ausstellungen von mir können nicht stattfinden. Da haben wir jetzt diese wunderschöne Ausstellung im Gustav-Lübcke-Museum, und keiner darf sie sehen. Das ist nicht gut für die Psyche.

Otmar Alts „Stimmung ist gar nicht gut“.

Tanja W. Schreiber, Erzählerin und Theaterbetreiberin: Bei aller Dramatik, die das Ganze mit sich bringt für Wirtschaft und Kultur: Bei den hohen Todeszahlen reichen die bisherigen Maßnahmen offenbar noch nicht aus, um die Zahlen zu drücken. Ich mache mir natürlich auch Sorgen um das wirtschaftliche Vorankommen, ich sehe aber die Notwendigkeit der Verschärfung ein. Wenn wir jetzt alle Kräfte mobilisieren, hoffe ich, dass das Virus in einigen Wochen so beherrschbar ist und Öffnungen wieder möglich sind. Gesundheit und Menschenleben stehen an erster Stelle. Dem Corona-Januar entsprechend ist meine Stimmung gedämpft. Tatsächlich fehlt mir der Kontakt zu anderen Menschen, ebenso wie meine Arbeit, also die Kultur.

Carsten Berg, Wasserball-Trainer: Grundsätzlich stehe ich hinter den Maßnahmen. Eine große Gefahr birgt das mutierte Virus. Leider wurden viele der Maßnahmen nicht transparent genug erklärt. Die ersten sechs Wochen des Lockdowns im November waren leider verschenkt, die Regierung hätte eher schärfer durchgreifen müssen. Immer nur scheibchenweise neue Einschränkungen zu verkünden ist der falsche Weg. Zudem fehlen Lösungen und Perspektiven. Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, warum die Schüler der Abschlussklassen nicht zur Schule gehen können. Platz genug ist dort ja vorhanden, wenn die anderen Schüler zuhause lernen.

Carsten Berg kritisiert das scheibchenweise Vorgehen der Politik.

Jürgen Wieland, Alt-Oberbürgermeister und früherer Hauptschul-Rektor: Man sollte als Bürger den Maßnahmen der Regierung gegenüber ein gutes Maß an Grundvertrauen entgegenbringen, es aber auch mit einer Prise Skepsis verbinden: Wenn ich meine Enkel sehe, muss ich sagen, dass die Schließung der Schulen in meinen Augen eine überzogene Maßnahme ist. Die Kinder leiden spürbar darunter und es besteht die Gefahr, den Kontakt zur Gemeinschaft zu verlieren. Zu der Tristheit der Wintertage wird bei mir selbst der Verlust der sozialen Kontakte und der kulturellen sozialen Kontakte immer deutlicher spürbar. Der Austausch von Meinungen gehört zu uns und bereichert uns. Diesen Mangel spüre ich, und er wird täglich spürbarer.

Freddy Pieper, Sänger und Antiquitätenhändler: Ich finde das eine Oberkatastrophe für die Gastronomie und den Einzelhandel, gerade die haben doch gute Schutzkonzepte gehabt. Ich weiß nicht, wer das bezahlen soll. Man darf zwar die Sicherheit nicht aus Augen verlieren, aber man muss sich auch berechtigte Sorgen um Zukunftsängste machen. Ich finde, das ist alles mittlerweile was für‘n Arsch, weil ich immer mehr realisiere, dass nicht nur der Job weggebrochen ist, sondern auch Folgejobs nicht stattfinden. Ich sehe die Sinnhaftigkeit nicht mehr.

Freddy Pieper beklagt „eine Oberkatastrophe für die Gastronomie und den Einzelhandel“.

Dr. Ulf Sölter, Museumsdirektor: Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Ich finde es ganz wichtig, dass das gemacht wird. Aber ich sehe auch, dass die Kultur leidet. Gerade das Museum ist ein Haus, in dem man den Zugang gut kontrollieren kann, da gäbe es durchaus Möglichkeiten für Teilöffnungen. Und dann das Wetter: Der Faktor Licht fehlt mir, aber ich bin guter Dinge. Ich habe viel Anlass zur Dankbarkeit: Andere haben es viel schwerer, die in ihrer Existenz bedroht sind. Da geht es mir echt gut im Vergleich und darum fällt es mir schwer, zu sagen, ich hätte schlechte Laune.

Günter Darenberg, Tennis-Trainer: Ich schwanke zwischen Emotionalität und Rationalität. Einige der Maßnahmen sind mit Sicherheit sinnvoll und gut. Problematisch ist es aber, wenn man den Menschen alles nimmt, dann wird die Bereitschaft, die Maßnahmen zu tragen immer geringer. Wie kann es sein, dass die Menschen nicht nach Winterberg fahren dürfen, dort aber gleichzeitig mit einem großen finanziellen Engagement Bob-Meisterschaften stattfinden? Da haben sich die Relationen komplett verschoben.

Mario Gadiel, Handwerksmeister und Brauer: Ich finde die Verlängerung nicht sehr produktiv. Gerade im Gastrobereich und im Einzelhandel haben alle, wie gefordert, Hygienekonzepte umgesetzt. Dass das jetzt noch weiter rausgezogen wird, finde ich nicht gut. Ich meine, dass die Stimmung bei den Menschen kippt, dass sie sich noch weiter verschlechtern wird. Die Infektionszahlen gehen doch gerade etwas nach unten – da bei den Schutzmaßnahmen noch mal ‘ne Schippe draufzulegen, ist unverhältnismäßig. Die Stimmung bei uns ist gut, weil wir richtig viel zu tun haben: Metallbaumäßig ist die Auftragslage gut und was unser Hammona-Bräu angeht, ist die Nachfrage ungebrochen groß.

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