Prof. Dr. Wolfgang Kamin gibt Einblicke

30 positive Kinder und Jugendliche - Die Lage in der Kinderklinik des EVK

Wirbelwind auf der Krankenstation: Corona prägt im Tagesablauf auch die Kinderklinik des EVK Hamm.
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Wirbelwind auf der Krankenstation: Corona prägt im Tagesablauf auch die Kinderklinik – schwere Fälle sind bisher zum Glück ausgeblieben.

Auch in der Kinderklinik an der Werler Straße in Hamm bestimmt Corona das Geschehen. Allerdings gibt es keine spezielle Abteilung für die intensivmedizinische Betreuung von kleinen Corona-Patienten. Wir haben nachgefragt, wie dort derzeit der Alltag abläuft und wo die Herausforderungen liegen.

Hamm - „Im Laufe des vergangenen Jahres sind nur wenige mit Corona infizierte Kinder vorstellig geworden, die längerfristig im Krankenhaus betreut werden mussten“, erläutert Klinikdirektor Prof. Dr. Wolfgang Kamin, Leiter der Kinder- und Jugendmedizin, im Gespräch mit dem WA. (News zum Coronavirus in Hamm)

Kinder, die in der Kinderklinik stationär aufgenommen werden sollen, werden einmalig getestet. Bis zur Bekanntgabe des Testergebnisses gelten sie grundsätzlich erst einmal als Verdachtsfälle und werden isoliert untergebracht. Bei kleineren Kindern kann eine Begleitperson mit aufgenommen werden. Unter bestimmten Auflagen darf auch zusätzlich zu der Begleitperson noch jemand zu Besuch kommen, allerdings ist die Besuchszeit begrenzt. Ältere Kinder- und Jugendliche erhalten bei negativem Corona-Test einen Zimmergenossen.

„Zudem haben wir auf den Stationen bei uns W-Lan. Man kann den Besuch bei uns also überleben“, sagt Kamin - und lacht.

Das Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Kamin:

Wie oft kommt es vor, dass besorgte Eltern sich mit einem Corona-Verdacht in der Notaufnahme melden? Und wie oft ist der Verdacht begründet?
Kinder sind in der kalten Jahreszeit häufig von verschnupften Nasen und hartnäckigem Husten betroffen. In die Notaufnahme sollten sie aber nur gehen, wenn sie heftige Atemnot oder Fieber (Körpertemperatur höher als 38,5 Grad Celsius) haben oder sich der Allgemeinzustand deutlich verschlechtert hat. Ein Corona-Verdacht besteht natürlich immer bei diesen Symptomen und wird grundsätzlich auch wie ein Corona-Fall behandelt. In sehr wenigen Fällen bestätigt sich dann die Infektion mit dem Sars- CoV2-Virus.
Nutzen berufstätige Eltern die Notaufnahme der Klinik häufiger, um Wartezeiten bei Kinderärzten zu umgehen beziehungsweise weil die Öffnungszeiten der Praxen gar nicht mit ihren Arbeitszeiten zu vereinbaren sind?
Aktuell sind die Vorstellungen in der Kinder-Notaufnahme sehr gering, viele Patienten und deren Eltern vermeiden den Kontakt zum Krankenhaus. Die Masken scheinen auch gegen die anderen viralen Erkrankungen wie etwa die Influenza gut zu helfen. Früher war das ein Problem, dass Eltern in Sorge um ihr Kind lieber auf Nummer sicher gehen wollten. Unverändert sollte die Notaufnahme für die schweren Fälle bleiben. Eltern sollten sich die Frage stellen, ob das Kind so schwer erkrankt ist, dass es wahrscheinlich im Krankenhaus bleiben muss – damit kann man ganz gut einschätzen, ob man besser beim niedergelassenen Kinderarzt oder in der Notaufnahme aufgehoben ist.
Bislang hat es in Hamm noch kein Kind gegeben, das wegen Corona intensivmedizinisch betreut werden musste. Sollte so ein seltener Fall vorstellig werden, wohin wird das Kind übermittelt?
In Deutschland gibt es meines Wissens nach keine Corona-Intensivstation für Kinder, was aber nicht heißt, dass wir nicht darauf vorbereitet sind, diesen Einzelfall bei uns zu betreuen. Wir können die entsprechenden Hygienemaßnahmen dafür herstellen, gegebenenfalls durch Sperren von Bereichen.
In Zahlen ausgedrückt: Wie präsent ist Corona im Kinderklinik-Alltag?
In dieser Jahreszeit haben wir immer fünf bis sechs Kinder in der Verdachtsabklärung. Davon sind nur wenige positiv, jedoch haben wir bisher seit April 2020 circa 30 positive Kinder und Jugendliche betreut, die meisten mit blanden (mild, sanft, Anm. der Red.) Symptomen, eins oder zwei auch mit schwereren Beschwerden, keines davon intensivpflichtig. In anderen Kinderkliniken sieht es ähnlich aus. Wobei wir natürlich eine große Klinik sind und entsprechend mehr Fälle haben.
Haben kleinere Kinder Verständnis für die Schutzmaßnahmen?
Kleineren Kindern ist natürlich viel schwieriger zu erklären, warum es wichtig ist, Abstand zu anderen zu halten. Da braucht es schon viele Ablenkungsmanöver!
„Früher war das ein Problem, dass Eltern in Sorge um ihr Kind lieber auf Nummer sicher gehen wollten“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Kamin. „Unverändert sollte die Notaufnahme für die schweren Fälle bleiben.“
Wenn ein Kind beispielsweise mit akuten Beschwerden wie etwa einer Blinddarmentzündung in die Klinik kommt, aber noch nicht geklärt ist, ob es Corona-negativ ist – wie wird mit solchen Fällen verfahren?
Grundsätzlich wird jeder Patient als potenzieller Infektionsüberträger behandelt. Mit unseren Schnelltests können wir innerhalb von einer Viertelstunde relativ sicher eine hohe Infektiosität ausschließen oder einen Verdacht bestätigen. Wir haben in unserer Klinik für diesen Fall ausgeklügelte Konzepte, wie wir zum Schutz aller vorgehen müssen, die auch gut funktionieren.
Wenn Kinder und Jugendliche ohne Begleitperson zunächst einmal als Verdachtsfall im Einzelzimmer landen, womöglich vor einer Operation, schürt das nicht Ängste? Und wie gehen Sie damit um?
Wir haben viel Erfahrung damit, Kindern Ängste zu nehmen. Unsere Mitarbeiter sind gut geschult und mit unserem Spielzimmer können wir dazu auch für ein bisschen Ablenkung sorgen.
Wie ist es um Verletzungen bestellt, die durch Gewalteinwirkungen entstehen? Die Pandemie ist für viele Familien ein Stresstest – führt das zu vermehrten Verletzungen durch häusliche Gewalt?
Wir sehen aktuell keinen gravierenden Anstieg an Verdachtsfällen auf Kindeswohlgefährdung.
Viele Kontaktbeschränkungen dienen vor allem dem Schutz der Erwachsenen, aber es sind oft die Kinder, die in vielfacher Hinsicht darunter leiden. Wie wirkt sich das auf deren Psyche aus? Welche Langzeitfolgen sind zu erwarten, wenn junge Menschen so früh verinnerlichen, dass der direkte Kontakt zu Menschen gefährlich, gesundheitsschädigend und sogar tödlich sein kann?
Natürlich wirken sich solche besonderen Situationen auf Kinder aus. Tatsächlich ist es aber so, dass Kinder erstaunlich resilient sind und besondere Schutzmechanismen aufbauen, um unbeschadet durch eine Krise zu kommen. Aber natürlich muss man als Eltern sein Kind anschließend genau beobachten und gegebenenfalls auch Hilfe in Anspruch nehmen.
Das Tragen des Mund-Nase-Schutzes nimmt dem Klinikpersonal einen Teil der Mimik, die gerade für Kinder so wichtig ist und macht Gespräche für beide Seiten schwer verständlich. Wie geht das Personal damit um?
Sympathie zu bekunden, geht auch durch die Maske und man sollte die Macht der Sprache und deren Tonfall nicht unterschätzen!
Sind die Klinik-Clowns aktuell noch im Einsatz?
Leider können wir das aus Infektionsschutzgründen zurzeit nicht anbieten.

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