Der Gitarrist aus Hamm und die Pandemie

„Corona ist eine Katastrophe“ - sagt der Metal-Musiker Victor Smolski

Homeoffice statt Liveshows. Victor Smolski und seine Band Almanac.
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Homeoffice statt Liveshows. Victor Smolski ist Mitte März das letzte Mal mit seiner Heavy-Metal-Band Almanac vor Zuschauern aufgetreten.

Ob das Konzert seiner Band Almanac am 30. Januar im Hammer Hoppegarden stattfinden kann? Heavy-Metal-Gitarrist Victor Smolski schwankt zwischen Hoffnung und Realismus. Die gesamte Szene befinde sich in einer „Schockstarre“, sagt er.

Hamm - Seit gut 20 Jahren hat der Kopf der Band Almanac seinen Probenraum in der Kulturwerkstatt, und das Konzert zum Jahresbeginn in Hamm ist seit einiger Zeit für ihn und seine Band immer ein willkommener Auftakt in ein neues Tourjahr. So war es auch in diesem Jahr – ehe Corona eine nahezu ausverkaufte Tour zusammen mit den Schockmetallern von Lordi nach sieben erfolgreichen Gigs von jetzt auf gleich stoppte.

„Erst haben wir geglaubt, wir könnten die Tour im September fortsetzen, dann haben wir die Konzerte weiter auf Februar 2021 verschoben, jetzt soll die Europatour mit Lordi im September 2021 fortgesetzt werden“, beschreibt Smolski, wie das Virus immer wieder den Terminplan von Musikern durcheinanderwirbelt.

Keine Perspektive für Musiker

„Für Künstler ist Corona eine große Katastrophe“, sagt der Gitarrist und Komponist. Er sieht die Gefahr, dass die gesamte Struktur der Musikbranche zusammenbricht. „Die ersten Bands haben sich aufgelöst, weil sie überhaupt keine Perspektive sehen“, weiß Smolski. Profimusiker hätten angefangen, sich einen neuen Job zu suchen, Hobbymusiker entscheiden sich für andere Hobbys. Clubs, in denen vor Corona jedes Wochenende Livekonzerte stattfanden, stehen seit Monaten leer. „Die gesamt Szene befindet sich in einer Schockstarre“ , konstatiert der Gitarrist.

Viele neue CDs floppen

Dass manche Musiker die Zeit ohne Liveauftritte kreativ genutzt hätten und neue CDs produziert hätten, lässt der 52-Jährige nicht gelten. Ja, AC/DC hätte eine sehr erfolgreiche CD auf den Markt gebracht. „Aber dass jemand wie Ozzy Ozbourne nach zehn Jahren Pause ein Album mit vielen Gästen wie Elton John oder Slash veröffentlicht hat, hat kaum jemand mitbekommen“, hält Smolski dagegen.

Die meisten CDs, die im Sommer rausgebracht wurden, seien gefloppt, sagt der Bandleader und nennt auch den Grund: „Die allermeisten Fans kaufen sich eine CD und das ganze Merchandising wie T-Shirts erst, wenn sie die Band live gehört hört haben.“ Und das ist alles in diesem Jahr weggefallen. Weil keine Konzerte oder Festivals wegen Corona erlaubt waren. Und weil die Alternativen aus Angst nicht angenommen wurden: Im riesigen Zelt von Circus Probst hätten namhafte Bands vor 60 Leuten gespielt.

Liveauftritte zur Finanzierung fehlen

„Viele Bands refinanzieren mit den Einnahmen aus ihren Konzerten die Kosten für die Zeit im Studio, wenn sie eine CD aufnehmen“, erläutert Smolski. Doch die Konzerte seien ja fast alle ausgefallen. Dazu komme, dass die Plattenfirmen kaum Einnahmen hätten und sie die Finanzierung für CD-Produktionen herunterschraubten und keinen Vorschuss mehr gewährten. Ein Teufelskreis.

Auch Smolski hat in den vergangen Monaten als Gastmusiker bei vielen Bands im Studio mitgewirkt. Die meisten Alben seien aber noch nicht erschienen, weil das Interesse der Fans zurückgegangen sei. Smolski: „Da herrscht ein Riesenstau, die Platten müssen irgendwann raus.“

Gitarren-Unterricht aus dem Homeoffice

Als absehbar war, dass es in diesem Jahr mit Liveauftritten und direkten Begegnungen nichts mehr wird, hat sich der Heavy-Metal-Gitarrist schon im Sommer zu Hause im Beckumer Studio eingerichtet und sich ins Homeoffice begeben. „Die Umstellung auf Online war genau der richtige Schritt“, schildert Smolski. Viele Gitarristen, die auch in Vor-Corona-Zeiten allein wegen der Entfernung nicht zu ihm zum Unterricht nach Hamm in die Kulturwerkstatt kommen konnten, suchten jetzt den Kontakt. Smolski: „Die Online-Schule ist förmlich explodiert.“

Natürlich sei auch der Gitarren-Unterricht via Zoom kein adäquater Ersatz für den direkten Kontakt, gleichwohl könne man viel vermitteln: Tipps für die richtige Technik beim Gitarrespielen, aber auch Hilfen beim Songschreiben, Komponieren, Aufnehmen von Demos oder sonstige technische Unterstützung.

Wichtig ist dem 52-Jährigen, dass die Menschen die Freude an der Musik behalten und die Kultur weiter wertschätzen. Genau das vermisst er bei vielen Politikern.

„Kultur steht für viele von ihnen an letzter Stelle. Finanzielle Hilfe kommt bei den meisten Musikern gar nicht an“, kritisiert Smolski. Und wenn es Hilfe gebe, sei die für Künstler nicht passgenau. Die Novemberhilfen, die beispielsweise Gastonomen 75 Prozent der Einnahmen aus dem Vorjahresmonat erstatten, nützten laut Smolski Musikern oft gar nichts. „Die sind nämlich oft im Dezember auf Weihnachtstour und proben dafür im November, haben also in dem Monat gar keine Einnahmen. 75 Prozent von nichts ist nichts“, sagt Smolski bitter. Da hätte man besser das gesamte Jahr als Berechnungsgrundlage nehmen und durch zwölf teilen sollen.

Keine klaren Konzepte aus der Politik

Der Gitarrist bemängelt zudem, dass die Politik im Sommer, als die zweite Welle absehbar gewesen sei, keine Konzepte erarbeitet habe. „Alles dicht machen, ist einfach. Warum hat man nicht Konzepte für Konzerte in großen Clubs entwickelt – mit Abstand, Masken, meinetwegen auch Plexiglaswänden oder Kopfhörern?“, fragt Smolski.

Dabei sieht der 52-Jährige durchaus die Gefahr des Virus. Er selbst habe Menschen in seinem Bekanntenkreis, die das Virus gehabt hätten – solche, die kaum etwas gemerkt haben, aber auch einige, die daran gestorben sind. Smolski: „Corona ist ein ernst zu nehmendes Problem.“ Aber auch eines, das Existenzen vernichtet – auch und gerade von Künstlern, Schauspielern und Musikern.

Denjenigen, denen Kultur nicht so wichtig ist, sagt Smolski: „Es müsste einen Tag lang keine Musik zu hören sein, weder im Radio, noch im Fernsehen, noch im Internet – dann wüssten die Menschen, was Musik ausmacht.“

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