Mediziner für Abkehr vom Inzidenzwert

Corona-Lage zappenduster? Chefarzt plädiert sogar für Lockerungen

Lockerungen und eine Abkehr vom Inzidenzwert - dafür plädiert Chefarzt Dr. Markus Unnewehr aus Hamm mit Blick auf das allgemeine Corona-Infektionsgeschehen.

Hamm – Angesichts von 835 Corona-Infizierten und einer Inzidenz von 247,9 (Stand Donnerstag, 22. April) scheint die Lage in Hamm endgültig zappenduster zu sein. Doch die Realität ist eine andere. Das sagt Dr. Markus Unnewehr mit Blick auf das allgemeine Infektionsgeschehen und die Lage in den Hammer Krankenhäusern. Unnewehr ist Chefarzt der Pneumologie und Infektiologie an der St.-Barbara-Klinik, hat im Lauf der Pandemie Hunderte Covid-19-Patienten behandelt und zählt zu den kompetentesten Corona-Experten der Stadt. (News zum Coronavirus in Hamm)

Sars-CoV-2Medizinische Bezeichnung des Virus
Covid-19Bezeichnung für die durch das Virus ausgelöste Krankheit
Coronaviren/CoronaBezeichnung für eine Familie von Erregern. Es gibt unterschiedliche Corona-Stämme

Corona: Virus gefährlicher geworden? Dr. Markus Unnewehr aus Hamm spricht von „Drohkulisse“ der Politik

Insbesondere von der großen Politik wird seit Wochen verbreitet, das Virus sei ansteckender und auch gefährlicher. Die erste These stimme, sagt Unnewehr, aber das sei auch keine Überraschung. Raschere Übertragungen seien zu erwarten gewesen und seien seit Monaten zu beobachten, so der Mediziner. Dass das Virus aber auch im Einzelfall gefährlicher sein soll, lasse sich wissenschaftlich nicht belegen. Unnewehr spricht deshalb von einer „Drohkulisse“ der Politik.

In Hamm sei die Quote der im Krankenhaus behandelten Covid-Patienten seit Beginn der Pandemie kontinuierlich zurückgegangen. Seit Weihnachten/Neujahr habe sie sich nochmals halbiert und liege nunmehr bei 7 Prozent. Ähnlich sei es mit den tödlichen Verläufen. Zum Jahreswechsel habe die Quote bei etwa 4 Prozent gelegen, jetzt liege sie bei einem Prozent. Dass nun mehr jüngere Patienten auf den Intensivstationen liegen, sei ebenfalls nicht verwunderlich. „Es fehlen schließlich die alten Menschen. Die Entwicklung verläuft parallel zum Impffortschritt und lässt sich auch in Hamm wunderbar beobachten“, so Unnewehr.

Covid-Verläufe: Belegungszahlen auf Intensivstationen laut Unnewehr nur bedingt aussagekräftig

Schwere Covidverläufe sind laut Dr. Markus Unnewehr „fast immer“ bei Personen mit schweren Vorerkrankungen zu beobachten. „Dass wir zuvor komplett gesunde Leute beatmen müssen, ist die große Ausnahme.“ Grundsätzlich gelte: Je jünger ein Covid-Patient, desto häufiger komme es auch im Krankenhaus zu einer raschen Genesung. Die Belegungszahlen auf den Intensivstationen seien ebenfalls nur bedingt aussagekräftig. Häufig würden dort Patienten für ein, zwei Tage beobachtet und anschließend wieder auf eine Normalstation verlegt. Wichtiger sei die Betrachtung der beatmeten Patienten.

Bedient nicht die Alarmglocke: Chefarzt Dr. Markus Unnewehr (rechts, hier auf einem Archivbild vor Einführung der Maskenpflicht) zusammen mit Dr. Rainer Löb vor dem Aufgang zur Infektionsstation an der Barbara-Klinik.

Corona-Inzidenzwerte lassen Lockerungen in weite Ferne rücken - für Chefarzt Unnewehr nicht nachvollziehbar

Ein Inzidenzwert unter 100 ist in Hamm in weite Ferne gerückt. Am Donnerstag waren weit über 800 Menschen infiziert, der Inzidenzwert stieg ebenfalls. Probleme wegen der Zahl der Coronapatienten gebe es nicht, so Unnewehr. „Die Lage ist entspannt, und das schon seit Monaten.“ Sollte es tatsächlich noch einmal ein größeres Ausbruchsgeschehen geben (was er nicht glaube), könnten binnen weniger Tage beispielsweise geplante Operationen abgesagt und zusätzliche Kapazitäten geschaffen werden. Corona-Ausbrüche unter Krankenhausmitarbeitern – wie zuletzt noch geschehen – mit sich anschließender Quarantäne seien hingegen ein größerer Gefahrenfaktor für das System.

Lockerungen der Corona-Maßnahmen: Dr. Markus Unnewehr befürwortet Überlegungen

Auch laut Unnewehr ist in Kürze die gesamte Risikopopulation in Deutschland geimpft. Warum als also nicht über Lockerungen nachdenken? Unnewehr würde das befürworten: „Warum soll ich mit einem negativen Schnelltest oder als geimpfter nicht in ein Café gehen dürfen? Es gibt nun einmal Menschen, denen es wichtiger ist, ihre Enkelkinder zu sehen oder in den Urlaub zu fahren, als einen 100-prozentigen Coronaschutz zu haben. Auch das muss anerkannt werden und hat seine Berechtigung“, sagt Unnewehr.

Die Gesellschaft steuere einer „kollektiven Psychose“ entgegen. Viele Menschen hätten nun einmal kein Einfamilienhaus samt Garten. „Diese Leute sind doch auf die Öffentlichkeit und die Parks angewiesen.“ Statt über Ausgangssperren nachzudenken, wäre es ratsam, den Menschen auch mit Blick auf Ramadan zu sagen: „Wenn ihr euch treffen wollt, dann draußen mit Abstand, anstatt euch in eure Wohnungen zu verziehen.“

Schon im vergangenen Jahr fiel der für viele Hammer obligatorische Maigang flach. Und auch in diesem Jahr will die Stadt unterbinden, dass es zu größeren Ansammlungen entlang üblicher Routen kommt.

Rubriklistenbild: © Robert Szkudlarek/Digitalbild

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