Prof. Dr. Böcker fordert unbequeme Corona-Entscheidungen

Hammer Chefarzt: Inzidenz darf nicht mehr der Maßstab sein!

In ganz Deutschland wird deutlich über eine Abkehr vom Inzidenzwert als praktisch bestimmendem Faktor für die Corona-Einschränkungen diskutiert. Der Ärztliche Direktor des Marienhospitals in Hamm hat dazu eine klare Meinung.

Hamm – Seit Monaten hängt das Leben aller Menschen von einem Wert ab. Noch immer bestimmt die Inzidenz, wie viele Familienmitglieder wir treffen, welchen Freizeitaktivitäten wir nachgehen können. Dieser hauptsächliche Fokus auf eine Zahl wird schon lange kritisiert. Oberbürgermeister Marc Herter hat sich genauso wie viele Mediziner und Experten verschiedener Ebenen bereits seit Monaten für andere Parameter ausgesprochen. Mittlerweile ist auch bundesweit Bewegung in das Thema gekommen. Gut so, findet Prof. Dr. Dirk Böcker, Chefarzt der Klinik für Kardiologie und Ärztlicher Direktor am St.-Marien-Hospital. (News zum Coronavirus in Hamm)

„Die Inzidenz hat ausgedient. Da sollte man auch nicht mehr zu lange dran festhalten“, sagt er. Lange sei die Inzidenz ein idealer Marker gewesen, um politische Entscheidungen zur Pandemie-Bekämpfung zu treffen. Durch die steigende Impfquote passe dieses Werkzeug aber nicht mehr so gut.

Fällt die Inzidenz tatsächlich bald weg, braucht es allerdings neue Parameter. Wie die aussehen könnten, kann auch Böcker nicht genau sagen. Die Auslastung der Intensivstationen hält er aber im Gegensatz zu anderen Experten für untauglich.

Weist der Inzidenz die Tür: Prof. Dr. Dirk Böcker vom St.-Marien-Hospital in Hamm.

Neuer Corona-Weg in Hamm: Intensiv-Auslastung untauglich

„Wenn diese Zahl zu hoch ist, hat man praktisch keine Steuerungsmöglichkeit. Wenn dann etwas aus dem Ruder läuft, ist es erst einmal zu spät“, erklärt der Mediziner. Die Inzidenz bei den Menschen über 50 könne dagegen ein guter Mittelweg sein. Die Menschen dieser Altersgruppe seien schließlich zu einem gewissen Teil geimpft, andere hätten noch gar keine Immunisierung.

England, wo zum 19. Juli beinahe alle Corona-Maßnahmen wegfallen, sei ein willkommenes Experiment, aus dem für Deutschland wichtige Schlüsse gezogen werden könnten. „England ist uns im Verlauf der Pandemie sechs Wochen voraus“, erklärt Böcker. Die Inzidenz war dort Ende Mai niedrig und stieg zuletzt wieder deutlich – auf 333,9 am Dienstag. „Die Sterblichkeit ist trotzdem niedrig, die Aufnahmerate in den Krankenhäusern steigt im niedrigen Bereich. Für eine aussagekräftige Todesrate muss man aber noch einmal sechs Wochen warten“, so Böcker. An den Folgen der dortigen Corona-Politik könne Deutschland das eigene Handeln gut ausrichten.

In der nächsten Zeit brauche es aber klare Entscheidungen, betont Böcker. Vor allem mit Blick auf die vierte Welle: „Wenn die Inzidenz auf 300 steigt – und das wird sie, wenn die vierte Welle kommt – muss eine Entscheidung getroffen werden, was zu tun ist.“ Und diese Entscheidung müsse für NRW Armin Laschet als Ministerpräsident – ganz nebenbei auch Kanzlerkandidat der Union – treffen.

Neuer Corona-Weg in Hamm: Ruf nach klaren Positionen

Das Infektionsgeschehen im Herbst werde sich zu einem Großteil bei den unter 30-Jährigen abspielen. „Lässt man die Welle dann ungehindert laufen, weil Kinder und Jugendliche ohnehin nur selten schwer erkranken. Oder beschließt man, dass es uns wichtiger ist zu verhindern, dass doch einige krank werden oder etwa Long-Covid bekommen und ein paar über 60-Jährige auf der Intensivstation landen. Das ist eine klar gesellschaftspolitische Entscheidung.“ Todesfälle werde es weiterhin geben. „Die Frage ist nur, wie viele nehmen wir in Kauf?“

Die Welle werde hauptsächlich in Schulen, Kitas und Betrieben, in denen viele Eltern arbeiten, voll durchschlagen. Bis dahin müsse deshalb auch dringend geklärt werden, wie die Quarantäne geregelt wird. „Wird zum Beispiel bei zwei infizierten Kindern gleich die ganze Klasse unter Quarantäne gestellt oder werden nur die beiden Betroffenen und allenfalls ihre direkten Sitznachbarn nach Hause geschickt? Da braucht es auch eine Entscheidung.“

Die Inzidenz hat ausgedient. Da sollte man auch nicht mehr zu lange dran festhalten.

Prof. Dr. Dirk Böcker, Ärztlicher Direktor des St.-Marien-Hospitals

Und die werde auch entscheidend für die Lage in den Krankenhäusern sein. Denn: Die Versorgung der Covid-19-Patienten in Hamm hat bisher gut funktioniert. Auch wegen der guten Zusammenarbeit der Kliniken, sagt Böcker. „Ich erwarte auch nicht, dass wir bei einer weiteren Welle Schwierigkeiten bekommen. Da könnte es aber ein anderes Problem geben.“ Wenn viele (geimpfte) Mitarbeiter als Eltern von infizierten Kindern und Jugendlichen weiterhin in Quarantäne müssten, werde es schwierig, die Arbeitsfähigkeit aufrecht zu halten.

Noch wichtiger als ein klarer politischer Pfad sei nur das Impftempo. „Vor allem junge Leute und Eltern – etwa von Kindergarten- oder Grundschulkindern – sollten sich impfen lassen. Das ist der Weg, um das Theater entscheidend zu reduzieren.“

Neuer Corona-Weg in Hamm: Virus bald nur noch wie Grippe?

Dass neue Varianten wie die jetzt grassierende „Delta“ den Impfschutz völlig zunichte machen, glaubt Böcker nicht. „Dass die Impfstoffe schlechter wirken – vielleicht nur noch halb so gut – wird passieren. Trotzdem wird die Krankheitsschwere immer geringer ausfallen.“ Das sehe man aktuell an den Altenheimen, in denen sich trotz der Impfungen auch immer wieder Bewohner infizieren, aber deutlich weniger schwer erkranken.

„Mit jedem Zyklus, den das Virus durch unsere Gesellschaft nimmt, wird die Gefahr einer schweren Erkrankung geringer, weil die Teilimmunität steigt.“ In spätestens zwei bis drei Jahren werde jeder Mensch mit dem Virus Kontakt gehabt haben. Entweder als Infizierter, Geimpfter oder aus beiden Gründen. „Dann verläuft eine Erkrankung in etwa wie eine Grippe. Man wird ein bisschen krank und das war es dann in den meisten Fällen.“

Die Pandemie habe sich schließlich auch nicht darum zu einem so großen Problem ausgewachsen, weil das Virus besonders aggressiv wie etwa Ebola ist. „Viel mehr hatte noch niemand auf der Welt zumindest eine Teilimmunität. Diese Gleichzeitigkeit vieler Betroffener war die Herausforderung“, so Böcker. „Ich erwarte also nicht, dass wir uns in zehn Jahren immer noch zwischen einem Lockdown oder der Gefahr von 150.000 Sterbefällen hin- und herbewegen. Diese Pandemie ist ein Problem, das immer kleiner werden wird. Und das geht umso schneller, je schneller wir uns impfen lassen. Jeder Einzelne kann hier einen Beitrag leisten.“

Rubriklistenbild: © Andreas Rother

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