Corona in Hamm nach den Herbstferien

Schüler freuen sich auf Schulstart, fürchten aber neue Quarantäne

Mit Maske in die Schule: Viele Schüler hoffen in Hamm, dass sie nicht in Quarantäne müssen.
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Mit Maske in die Schule: Viele Schüler wie dieses Mädchen hoffen in Hamm, dass die Maskenpflicht vor Infektionen schützt und sie nicht in Quarantäne müssen. (Symbolbild)

Neele Hansen und Batol Tayeb freuen sich auf das Ende der Herbstferien. Die Schülersprecherinnen der Sophie-Scholl-Gesamtschule in Hamm wollen ab Montag in den Unterricht, wollen Lernen, in ihrer Stufe, von ihren Lehrern. Doch wie lange wird das gelingen?

Hamm – In etwa einem Dutzend der 59 Hammer Schulen sind zwischen September und dem Beginn der Ferien Mitte Oktober Corona-Fälle aufgetreten. Dutzende Schüler und Lehrer waren infiziert, mehr als 800 standen unter Quarantäne. Als Hotspots gelten Schulen aber nicht. Der Stadtverwaltung erscheint es als wahrscheinlich, dass die Schüler sich im privaten Umfeld infiziert haben.

Auswirkungen hatten die hohen Zahlen dennoch – weil viele Schüler auf Distanz lernen mussten. Wie das geklappt hat, schildern Tayeb und Hansen exemplarisch, von anderen Schulen wird Ähnliches berichtet. Die beiden schildern unabhängig voneinander, dass ein Teil ihrer Lehrer einfach Aufgaben auf der Lernplattform IServ hochladen habe. Sie hätten im Distanzunterricht aber keine Inhalte und auch keine Fragen beantwortet. „Ich finde, dass man sich manche Themen nicht gut selbst beibringen kann“, sagt Hansen.

„Es steckt sich bald wieder einer an“, sagt Tayeb, 16 Jahre alt und in der zehnten Klasse der Scholl-Schule. Dann müsse sie wieder in Quarantäne. Tayeb erzählt, einige ihrer Mitschüler hätten aufgegeben. „Sie glauben, dass sie alleine eh nichts verstehen, und machen dann nichts mehr.“ Ihr Fazit: „Wir verlieren gerade unsere Zukunft.“

Schüler in Hamm fürchten neue Quarantäne: Nicht alle werden erreicht

Schulleiterin Bärbel Gröpper-Berger sagt, ihre Schule sei eigentlich gut auf den digitalen Unterricht eingestellt. Die Schule hat ein Konzept dazu entwickelt. Viele ihrer 110 Kollegen setzten es um, gäben sich große Mühe beim Distanzunterricht.

Doch auch sie sieht, dass so längst nicht alle Schüler erreicht werden. „Einige Schüler wechseln in den Ferienmodus, wenn sie nicht in der Schule sind“, sagt Gröpper-Berger. Sie verwechselten die Quarantäne mit schulfrei. Im Präsenzunterricht falle das sofort auf. Man könne die Schüler ansprechen. Doch auf Distanz funktioniere das nicht. Einige gingen einfach nicht ans Telefon. „Ich habe Videounterricht angeboten, mit dem ich nur ein Viertel der Schüler erreicht habe“, sagt die Schulleiterin.

Zusätzlich fehlt es an der Ausstattung: Gröpper-Berger schätzt, dass etwa 350 ihrer mehr als 1200 Schüler Tablets bräuchten. „Das Geld reicht nur für 250.“ Zudem sind Tablets bestellt. Doch auch mehr als ein halbes Jahr nach Ausbruch der Pandemie sind die Geräte nicht da.

Schüler in Hamm fürchten neue Quarantäne: Tablets fehlen vielerorts

Die Sophie-Scholl-Schule ist kein Einzelfall. Die zum Lernen nötigen Tablets fehlen an vielen Schulen in der Stadt. Wer mit Schülern und Familien spricht, merkt deutlich, wie groß der Einfluss des Elternhauses auf den Lernerfolg ist. So erzählt etwa eine Mutter mit Kindern an der Maximilian- und der Friedensschule, dass ihre Kinder gut von zu Hause gelernt hätten. „Die haben ihre Aufgaben gemacht, darauf konnte ich mich verlassen.“ Die Familie hat genügend Geräte. Den Präsenzunterricht begrüßt sie trotzdem, weil die Kinder dann Kontakt zu Gleichaltrigen haben. Doch um den Lernerfolg sorgt sie sich auch beim Distanzlernen nicht.

Ähnlich beschreibt es eine andere Mutter an der Sophie-Scholl-Schule. Ihr Kind ist in einer Tablet-Klasse, der digitale Unterricht funktioniere sehr gut. „Da kann eher mein Sohn mir was erklären.“ Dennoch hofft auch sie wie Schüler, Lehrer und Eltern an vielen anderen Schulen, dass lange persönlich unterrichtet werden kann.

Schüler in Hamm fürchten neue Quarantäne: Lob fürs Galilei-Gymnasium

Elisabeth Harren geht es ähnlich. Die Elternvertreterin am Galilei-Gymnasium hat drei Kinder an der Schule, 17, 16 und 13 Jahre alt. Zwei der drei standen zeitweise unter Quarantäne, weil sie Kontakt zu infizierten Mitschülern und Lehrern hatten. Ärgerlich sei das, sagt Harren. Doch deshalb würde sie keinen Distanzunterricht empfehlen. „Die Schüler möchten nicht mehr zu Hause bleiben. Sie möchten gerne in die Schule gehen.“ Harren lobt den Umgang des Galilei-Gymnasiums mit dem Coronavirus. Auch ohne Maskenpflicht hätten viele Lehrer gut erklärt, wie wichtig es sei, Hygieneregeln einzuhalten. Fast alle Schüler hätten freiwillig Masken getragen. Dass jetzt eine Maskenpflicht kommt, findet sie richtig.

Die Schülersprecherinnen an der Sophie-Scholl-Schule fragen sich allerdings, ob die Hygienemaßnahmen ausreichen. „Es wäre vielleicht gut, die Klassen zu teilen“, sagt Tayeb. Dies empfiehlt beispielsweise das Robert-Koch-Institut. Das Land NRW lehnte dies in dieser Woche aber ab. Tayeb hingegen fände es sinnvoll, weil ihr das Risiko von Infektion oder Quarantäne als hoch erscheint. „Ich hätte lieber zweimal in der Woche Unterricht in der Schule als gar nicht mehr.“

Auf eigene Faust können Schulen das nicht umsetzen. „So etwas muss angeordnet werden“, sagt Gröpper-Berger. Die Schulen können solche Maßnahmen nicht beschließen – auch dann nicht, wenn sie ihnen sinnvoll erscheinen. Gesundheitsamt oder Schulministerium seien zuständig.

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