So groß ist die Belastung für das medizinische Personal

„Intensivstationen am Limit“ - Dr. Rainer Löb zur Lage in Hamm

Dr. Rainer Löb (links) ist Ärztliche Direktor und Chefarzt an der Barbaraklinik.
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Dr. Rainer Löb ist Ärztlicher Direktor und Chefarzt an der Barbaraklinik.

Das Coronavirus ist auch für Ärzte und Pflegekräfte in den Krankenhäusern der Stadt Hamm eine Herausforderung. Das gilt vor allem für die Situation auf den Intensivstationen - aber eben nicht nur.

Hamm - Über die Lage auf den Hammer Intensivstationen sprach WA.de mit Dr. Rainer Löb, Chefarzt der St.-Barbara-Klinik und Intensiv-, Notfallmediziner und Krankenhaus-Hygieniker. (News zum Coronavirus in Hamm)

Herr Dr. Löb, mit welchem Gefühl betreten Sie derzeit die Intensivstation?
Ich sehe es wie die Kollegen, die dort arbeiten: Wir wünschen uns, dass bald alles vorbei ist und die bevorstehenden Impfungen dabei helfen. Aber was „bald“ genau bedeutet, wissen wir natürlich nicht. Ich habe großen Respekt vor den Teams auf den Stationen.
Sieht es dort heute anders aus als im Frühjahr?
Ja. Damals haben wir alles für Covid-19-Patienten freigehalten. Das machen wir jetzt nicht mehr. Wir versorgen jetzt auch wieder mehr andere Notfallpatienten und führen notwendige Operationen durch. Wir müssen ja auch Menschen zum Beispiel mit Herzinfarkten und Unfallopfer versorgen. Dabei haben wir seit Dezember deutlich mehr Corona-Patienten auf unseren Stationen als im Frühjahr. Die Kapazitäten der Intensivstationen sind am Limit, manchmal auch darüber. Das gilt für alle drei Akut-Krankenhäuser in Hamm. Wir arbeiten sehr gut zusammen und tauschen uns täglich über die Lage aus.
Haben Sie keine freien Betten mehr?
Wir haben freie Betten, die wir nicht betreiben können, weil uns das Personal dafür fehlt. Der Aufwand bei Covid-Patienten ist außerordentlich hoch. Eine Pflegekraft versorgt auf der Intensivstation üblicherweise zwei bis drei Patienten, bei Covid-19 kann einer nur noch weniger Patienten versorgen.
Warum ist das so?
Es sind schwerkranke und infektiöse Patienten. Die Pflegekraft muss mit dem Erkrankten in einem abgeschirmten Bereich bleiben. Deshalb brauchen wir auch noch einen Springer, der Materialien herbeiholt. Eine Schicht ist üblicherweise für zwölf Intensivpatienten zuständig. Unter Covid-Bedingungen reicht es ohne Unterstützung nur noch für weniger.
Was macht die Arbeit mit Corona-Patienten so aufwendig?
Die Mitarbeiter müssen eine vollständige Schutzausrüstung anlegen. Normalerweise trägt man auf der Intensivstation sogenannte Bereichskleidung, das ist quasi OP-Kleidung in anderer Farbe. Mitarbeiter, die Covid-Patienten pflegen, tragen mindestens Schutzkittel, Handschuhe und eine FFP-3-Maske sowie Schutzbrille und/oder Visier. Die filtert 99 Prozent der gefährdenden Partikel aus der Atemluft, ist entsprechend dicht und muss dicht angelegt werden. Den Widerstand beim Ein- und Ausatmen merkt man deutlich.
Bekommen die Mitarbeiter auf der Intensivstation Verstärkung?
Wir haben auch Personal aus anderen Bereichen in die Intensivstationen versetzt, aber die Möglichkeiten sind da begrenzt. Unter Covid-Bedingungen ist auch das Anlernen schwierig. Und wir haben ja auch einige Covid-Patienten auf den Normalstationen, auch da brauchen wir mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Sind Mitarbeiter an Covid-19 erkrankt?
Ja, und zwar schon im März. Damals müssen sie sich extern angesteckt haben, später gab es auch einige wenige Übertragungen, die im Dienst stattgefunden haben müssen. Grundsätzlich kennen die Kollegen sich gut mit den Schutzmaßnahmen aus. Zwischenzeitlich hatten wir auch Masken vom Bund, die nur 70 statt 95 Prozent der Partikel aus der Atemluft gefiltert haben, vermutlich lag darin ein Teil des Problems.
Mussten die erkrankten Ärzte und Pfleger auch im Krankenhaus behandelt werden?
Im Einzelfall ja. Es ist aber Gott sei Dank niemand gestorben. Aber natürlich kennen wir die Langzeitauswirkungen der Erkrankung noch nicht.
Bleiben positiv Getestete im Dienst?
Nein. Positiv Getestete sind in Quarantäne zuhause. Wir hatten vor einer Weile für kurze Zeit eine durch das Gesundheitsamt genehmigte „Arbeitsquarantäne“ bei ausgewählten Kolleginnen und Kollegen, die Kontaktpersonen waren. Dies allerdings nur, wenn keinerlei Krankheitssymptome auftraten und regelmäßige Corona-Tests gemacht worden sind.
Hat „Corona- Personalausfall“ Auswirkungen auf die Zahl der zur Verfügung stehenden Betten?
Nein, dafür betrifft es aktuell zu wenige Mitarbeiter.
Wie groß ist die Impfbereitschaft?
Wir fragen das regelmäßig ab und gehen davon aus, dass 72 Prozent der Mitarbeiter sich impfen lassen wollen. Die Zahl steigt täglich. Es gibt dabei keinen Unterschied zwischen Mitarbeitern auf den Stationen und der Verwaltung. Alle Einstellungen, die in der Gesellschaft verbreitet sind, finden Sie auch in einem Krankenhaus.

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