Qual der Wahl in Hamm

Hausärzte wollen bald impfen - Harte Entscheidungen zu treffen

Bis Dienstagmittag können die 85 Hausarztpraxen in Hamm jeweils 18 bis 50 Dosen des Biontech-Impfstoffs in der Apotheke bestellen. Den Stoff erhalten sie ab 6. April. Doch die Hürden sind hoch und die Probleme groß.

Hamm - Hausärzte müssen bald entscheiden: Welcher ihrer Patienten würde wohl eine Infektion mit Covid-19 nicht überleben oder einen sehr schweren Verlauf haben – wer braucht die Impfung also zuerst? „Man muss den Leuten klar machen, dass nicht jeder Impfberechtigte sofort drankommen kann“, sagt Dr. Matthias Bohle, Hausarzt und Sprecher des Ärztevereins in Hamm. 500 bis 600 Patienten hätten wegen ihres Alters oder Erkrankungen einen Anspruch, schätzt er – allein in seiner Praxis. (News zum Coronavirus in Hamm)

Der Ansturm ist groß. Es rufen teils derart viele Patienten mit Fragen zum Impfen an, dass die Telefonanlage ausfällt, erzählt der Arzt. Seine Patienten sollen nun eine E-Mail schreiben, wenn sie geimpft werden möchten. Seine Kollegen würden ähnlich verfahren, nimmt er an.

Bundesweit sollen laut Kassenärztlicher Vereinigung pro Woche jeweils eine Million Impfdosen bereitstehen. Die Impfreihenfolge muss auch in den Praxen eingehalten werden. Einen Anspruch auf das Vakzin haben derzeit Patienten mit höchster und hoher Impfpriorität – und insbesondere die zweite Gruppe ist groß und wächst in diesen Wochen. So zählen dazu unter anderem Menschen ab 70 Jahren, aber auch zahlreiche Patienten mit Vorerkrankungen, etwa Adipöse mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 40, Diabetiker mit Komplikationen, schwer Depressive (für eine Übersicht hier klicken).

Hausärzte impfen in Hamm: oft an Belastungsgrenze

„Ich habe noch nie so viele Patienten mit einem extrem entgleisten Diabetes erlebt wie in diesem Winter“, sagt Bohle, der auch Diabetologe ist. Er hat den Eindruck, dass die Zahl der Stoffwechselerkrankungen deutlich gestiegen ist. Viele seiner Patienten hätten zudem zugenommen. „Vier, fünf Kilogramm allein im Winter sind nichts.“ Außerdem stieg die Zahl der psychischen Erkrankungen, viele Patienten seien belastet durch Homeoffice, finanzielle Sorgen, Familien durch die fehlende Kinderbetreuung. Immerhin: Atemwegserkrankungen verbreiteten sich in diesem Winter kaum.

Dennoch stießen die Ärzte und ihre Mitarbeiter oft an die Grenzen ihrer Belastbarkeit – auch deshalb, weil in Hamm binnen eines Jahres mindestens zehn Prozent der Hausarztpraxen geschlossen haben und die übrig gebliebenen Praxen die Patienten übernähmen. „Alles rund um Corona kommt obendrauf“, sagt Bohle. Impfen will er nun in Randzeiten.

Geringe Praxisdichte in Hamm

1090 Patienten kamen 2019 in Hamm auf eine Arztpraxis – das geht aus Daten hervor, die IT NRW als statisches Landesamt am Freitag veröffentlicht hat. Berücksichtigt wurden alle Praxen, unabhängig von ihrer Fachrichtung und Größe. Landesweit kommen 964 Einwohner auf eine Praxis, Hamm liegt auf Rang 34 von 51. Die beste Einwohner-Praxis-Relation erzielen Bonn (562) und Münster (632), die schlechteste der Kreis Kleve mit 1240 Einwohnern pro Praxis.

Hausärzte impfen in Hamm: Absagen durchaus möglich

Logistisch sei das zu meistern: Der Biontech-Impfstoff kann im Kühlschrank der Praxen aufbewahrt werden. Bohle ist zuversichtlich, dass seine Kollegen und er alle Dosen verabreichen werden.

Dennoch droht Ärzten und Patienten weiterer Impf-Frust: Die KV bittet die Ärzte, so viele Impftermine zu vergeben, wie sie Impfdosen bestellen – und erklärt weiter: „Leider ist es insbesondere in der Anfangszeit nicht unwahrscheinlich, dass Sie Termine absagen müssen, weil Sie weniger Dosen erhalten als bestellt wurden.“ So werden sich wohl einige Patienten erst über einen Impftermin freuen, der dann doch wieder abgesagt werden muss.

Rubriklistenbild: © dpa

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