Corona-Jahrestag in Hamm

„Inhuman“: Hunsteger-Petermann über den Beginn der Pandemie

Als am 12. März 2020 die ersten beiden Corona-Fälle in Hamm bekannt wurden, traf Thomas Hunsteger-Petermann als Oberbürgermeister alle wichtigen Entscheidungen.

Wie chaotisch waren die ersten Wochen, als beinahe täglich neue Regeln vom Land kamen?
Nach einer Ratssitzung saßen wir im Kurhaus zusammen. Erst hieß es, dass der Einzelhandel geschlossen wird und dann, dass er doch aufbleibt. Wir hatten die passende Allgemeinverfügung abends fertig und sind nach Hause gegangen. Als ich morgens wieder ins Büro kam, war die Lippewelle schon am Telefon und wollte wissen, warum der Einzelhandel nun doch schließen muss. Davon hatte ich selbst zu dem Zeitpunkt noch gar nichts gehört. Ich habe in meinen immerhin 40 Jahren als Kommunalpolitiker so eine chaotische Situation nicht erlebt.
Die Infektionszahlen sind zunächst rasant angestiegen, um dann wieder kontinuierlich zu fallen. Haben Sie gedacht, dass die Pandemie da schon überstanden ist?
Ich habe eigentlich geglaubt, dass wir etwa Ende August mit dem Gröbsten durch sind. Ich habe jeden Tag darauf gewartet, dass wir bei Null Fällen landen. Dafür habe ich der Pressestelle extra gesagt, dass ich das selbst verkünde, wenn es so weit ist. Nachdem wir dann bei sechs Fällen waren, ging es schlagartig wieder hoch.
Thomas Hunsteger-Petermann im August 2020. Über die erste Zeit der Corona-Krise sagt er heute: „Ich habe in meinen immerhin 40 Jahren als Kommunalpolitiker so eine chaotische Situation nicht erlebt.“
Hätte man da anders einschreiten müssen?
Wenn wir von Anfang an eine härtere Linie gefahren wären, hätten wir es schneller überstanden. Aber da kann man als Kommune keinen Alleingang machen. Ein großes Problem ist nach wie vor die beengte Wohnsituation. Wenn sechs Menschen auf 50 Quadratmetern wohnen, ist die Gefahr einer Ansteckung natürlich höher. Aus meiner Sicht gibt es jetzt nur ein einziges, nachhaltiges Rezept: Wir müssen Impfen um jeden Preis.
Klappt das?
Ich glaube ja. Ich hoffe einfach, dass da nicht wieder die ganze Bürokratie hustet. In anderen Ländern wird im Drive-In oder in der Kirche geimpft – eben überall, wo es geht. Das muss jetzt auch in Deutschland klappen. Da muss die Politik auch mal ein paar Vorschriften im Schrank lassen. Die Gesundheit geht vor.
Wie sehr haben Sie sich über den Schlingerkurs von Bund und Ländern geärgert?
Diese Kleinstaaterei verstehen die Leute nicht. Das, was die Leute hören wollen – und das gilt heute noch – sind klare Vorgaben. Ob sie damit einverstanden sind, ist nicht einmal entscheidend. Das Hin und Her kann man den Menschen nicht erklären. Nach dem ersten Lockdown gab es deshalb einen Stimmungswandel.
Was für Fehler sind in Hamm gemacht worden?
Einen konkreten Fehler, der auf unsere Kappe geht, haben wir nicht gemacht. Beim Auftreten in bestimmten Umfeldern hätte ich vielleicht restriktiver sein müssen.
In welchen Umfeldern?
Ich nenne jetzt keine Gruppen; ich will da keine Stimmungen erzeugen. Aber bestimmte Gruppen halten sich einfach nicht an die Regeln.
Hätte man etwa bei der aus dem Ruder gelaufenen Großhochzeit mehr Daten sammeln müssen?
Teilweise ging das nicht, weil die Leute blockiert haben und die Infos so nicht zu kriegen waren. Wir haben alles erhoben, was zu erheben war. Den Apparat, der dafür nötig ist, mussten wir ja auch erst einmal aufbauen – und dann musste entschieden werden, was wichtig ist und was weniger wichtig. Ich glaube schon, dass wirklich gut gearbeitet worden ist. Wir sind bei Null angefangen und wussten da noch nicht einmal, wo Null liegt.
Trotz Kontaktbeschränkungen kamen Sie als OB manchmal nicht umhin, Menschen persönlich zu treffen. Hatten Sie Angst, sich zu infizieren?
Ganz selten. Man muss da einen gewissen Optimismus haben. Unsere Leute konnten den dummen Spruch, „Ich habe den Segen des heiligen Vaters, mir passiert nichts“, irgendwann nicht mehr hören. Wenn es passiert wäre, wäre es passiert. Hätte ich entscheiden dürfen, hätte ich aber die Priorität beim Impfen anders gesetzt.
Inwiefern?
Als erste hätte ich den Gesundheitsapparat und die Infrastrukturen wie Polizei, Pfleger und Krankenschwestern geimpft. In den Altenheimen sind die Infektionen ja nicht von den Alten gekommen, sondern von den Pflegern hineingetragen worden. Das war katastrophal. Menschen sind gestorben und konnten sich noch nicht einmal von ihren engsten Verwandten verabschieden, weil keine Besucher erlaubt waren. Das war in höchstem Maße inhuman.

Corona und seine Schicksale (zwei Beispiele von vielen):

Die Reitmayers aus Hamm: In ihrer Familie schlug Corona besonders hart zu

Beliebter Hammer Arzt Nicolaus Ueberfeldt gestorben - Ein Nachruf

Was hat das mit Ihnen ganz persönlich gemacht, das zu wissen und trotzdem die harten Regeln durchsetzen zu müssen?
In der Situation gab es viele Briefe mit Schilderungen persönlicher Schicksale – über den Verlust geliebter Menschen und auch über Beerdigungen, zu denen niemand hingehen konnte. Da muss man sehr abgehärtet sein, wenn einem das nicht die Tränen in die Augen treibt.
Was wird – auch wirtschaftlich gesehen – nachhallen?
Wir werden erst einmal Veränderungen erleben, die sowieso schon angefangen haben, aber stark forciert worden sind. Teile des Einzelhandel wird es nicht mehr oder nur in stark veränderter Form geben. Wenn jetzt die 80-Jährigen das Bestellen im Internet und zurückschicken der Pakete problemlos hinbekommen, werden die das ja nicht wieder ablegen, wenn die Krise vorbei ist. Der lokale Handel wird sich deshalb radikal verändern. Das wird auch erst einmal negative Auswirkungen für Hamm haben.

Rubriklistenbild: © Mantler (Archiv)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare