Prof. Dr. Dirk Böcker aus Hamm über Corona

„Kein vielversprechendes Medikament gegen das Virus“ - Covid-19 ist laut Chefarzt unberechenbar

„Um das Coronavirus ganz loszuwerden, wäre es am besten, jeder würde für 14 Tage auf einen Baum klettern, und zwar alleine“, sagt Prof. Dirk Böcker, Chefarzt in Hamm. Aber auch er weiß, dass das nicht geht. Aber wie sonst? Wir haben seine Meinung abgefragt.

Hamm - Prof. Dirk Böcker ist Chefarzt der Klinik für Kardiologie, Intensivmedizin und Allgemeine Innere Medizin am St.-Marien-Hospital und behandelt seit Beginn der Pandemie Patienten mit dem Coronavirus. Viele Zusammenhänge sehe man inzwischen in einem helleren Licht, sagt er. Und beklagt zugleich, dass es nach wie vor kein vielversprechendes Medikament gibt. Zum Thema Vorsorge und Lockdown hat er eine klare Meinung. (News zum Coronavirus in Hamm)

StadtHamm
RegierungsbezirkArnsberg
Einwohner179.916 (31. Dez. 2019)
OberbürgermeisterMarc Herter

Covid 19 noch immer unberechenbar: Chefarzt aus Hamm über die Corona-Lage in Deutschland

Das Virus kennen wir jetzt seit acht Monaten. Können Ärzte es heute besser behandeln als zu Beginn der Pandemie?
Leider nicht wesentlich. Es gibt bislang kein vielversprechendes Medikament gegen das Virus selbst. Allerdings kommen seit einigen Monaten zwei Medikamente zum Einsatz, die die Prognose verbessern: Wir haben festgestellt, dass bei Covid-19 Gerinnungsstörungen eine große Rolle spielen. Viele Patienten sterben an Embolien. Also setzen wir Gerinnungshemmer ein, sie senken die Sterblichkeit sicher um ein knappes Viertel.
Und das Zweite?
Das ist Cortison. Man gibt es in der entzündlichen Phase, auch das verbessert die Prognose deutlich. Aber andere, neuere Wirkstoffe wie Remdesivir zeigen nicht den Effekt, den wir uns erhofft haben und haben dabei deutliche Nebenwirkungen.
Prof. Dr. Dirk Böcker: „Steigen die Zahlen weiter, müssen wir entscheiden: Wen behandeln wir? Den Patienten mit Covid-19? Oder die anderen?“

Corona in Deutschland: „Am besten, jeder würde für 14 Tage auf einen Baum klettern“

So mancher schaut sich die Sterblichkeitsrate an und findet, dass der Lockdown und weitere Maßnahmen unverhältnismäßig sind. Was denken Sie?
Um das Virus ganz loszuwerden, wäre es am besten, jeder würde für 14 Tage auf einen Baum klettern, und zwar alleine. Dann hätten wir das Virus nicht mehr, weil sich niemand mehr anstecken könnte. Das geht aber natürlich nicht: Daher müssen wir die Verbreitung anders verringern. Die Gesundheitsämter können derzeit die vielen Kontakte nicht mehr nachvollziehen. Und wenn die Infektionszahlen weiter steigen und damit – zeitlich verzögert – die Zahl der Patienten in den Krankenhäusern steigt, kommen wir in Bereiche, wo es knapp wird.
Schon vor Covid-19 gab es Tage, an denen die Intensivstationen zu 90, 95 Prozent ausgelastet waren. Steigen die Zahlen weiter, müssen wir entscheiden: Wen behandeln wir? Den Patienten mit Covid-19? Oder die anderen? Ich denke da an New York im Frühsommer: Da wollte man keinen Herzinfarkt haben, einfach weil nicht klar war, ob und wann man behandelt würde.
Trotzdem: Wir haben in Hamm bisher etwa 2400 Covid-19-Fälle insgesamt, die ganz große Welle an Todesfällen hat es noch nicht gegeben.
Viele dieser Fälle sind erst jetzt in der zweiten Welle aufgetreten. Bei Covid-19 wissen wir, dass die Behandlungszahlen mit Verzögerung steigen. Von der Infektion bis jemand ins Krankenhaus muss, dauert es oft zehn Tage. Dann dauert es weitere zehn Tage, bis Patienten auf die Intensivstation müssen und noch einmal 10 bis 14 Tage, bis sie sterben, falls die Krankheit keinen guten Verlauf nimmt. Es ist auch in Hamm damit zu rechnen, dass die Zahl der Patienten in Kliniken weiter steigt, ebenso die Zahl derer, die auf Intensivstationen liegen.
Als Anfang 2020 Medien aus Italien und China berichteten, ging man von einer Sterblichkeit zwischen vier und sechs Prozent aus.
Die Zahlen aus Bergamo waren nicht übertragbar. Zu Beginn der Pandemie fehlte es an Testkapazitäten: Es wurden nur Menschen getestet, die schon sehr krank waren. Viele Covid-19-Kranke wurden gar nicht erfasst. Die Sterblichkeitsrate erschien höher, weil in der Statistik viele Infizierte nicht auftauchten. Aber das Virus ist sehr gefährlich, daran hat sich nichts geändert.

Kontakte bis weit ins nächste Jahr einschränken: So sieht der Chefarzt die aktuelle Corona-Lage

Sehen Sie einem Erkrankten an, welchen Verlauf Covid-19 bei ihm nehmen wird, wenn er in die Klinik kommt?
Nein, das kann man nicht klar sagen. Bekannt ist, dass ein hohes Lebensalter eine wichtige Rolle spielt. Einige Patienten sind übrigens so alt, dass sie nicht mehr intensivmedizinisch behandelt werden möchten. Aber auch Patienten mit schwerwiegenden Vorerkrankungen sind besonders gefährdet. Und mitunter nimmt die Coronavirus-Erkrankung auch bei jüngeren und vorher Gesunden einen Verlauf, mit dem man als Arzt nicht gerechnet hat.
Ist der Lockdown weiter nötig? Oder müssen wir einfach warten, bis der Impfstoff da ist?
Auf jeden Fall wird es sicherlich bis weit in das nächste Jahr nötig sein, dass jede und jeder Einzelne diejenigen Kontakte, die nicht zwingend nötig sind, erheblich einschränkt. Denn Kontakte sind die Voraussetzung für die Virusverbreitung. Dabei gibt es in großen Gruppen viel mehr Kontaktmöglichkeiten als in kleineren. Diese Reduktion der Kontakte wird jetzt erzwungen, durch den sogenannten „Wellenbrecher-Lockdown“.
Das Ziel dieser Maßnahme ist es ja, die Neuerkrankungen soweit zu verringern, dass die Gesundheitsämter wieder die Erkrankungsfälle alle nachverfolgen können. Natürlich wäre es für die Zeit danach sehr wünschenswert, wenn diese Kontaktvermeidung freiwillig und möglichst umfassend geschieht, wenn wir uns also alle möglichst vernünftig verhalten.
Welche Hoffnungen setzen Sie in den Impfstoff?
Wie gesagt, auch nach Beendigung der jetzt verordneten Einschränkungen werden Kontaktvermeidungen nötig bleiben, und zwar so lange, bis ein Impfstoff nicht nur da ist, sondern auch sehr viele Menschen geimpft sind. Insofern setze ich große Hoffnungen auf einen wirksamen Impfstoff, denn schön sind die Einschränkungen unserer Kontakte ja wirklich nicht.

Rubriklistenbild: © ARD-„Tagesthemen“ / Screenshot WA

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