„Die Organisation ist unerträglich“

Impfen in Hamm: Frustrierter Hausarzt spricht Tacheles

Letztlich ist es etwas mehr Rücksichtnahme, vielleicht auch Disziplin, die Fritz-Ulrich Kewer von den Patienten einfordert. Denn der Internist mit Hausarztpraxis und sein Team in Hamm-Heessen sind zurzeit fast nur mit der Organisation von Terminen für die Corona-Impfungen beschäftigt.

Hamm - Mehrarbeit entstehe vor allem dadurch, dass sich Patienten offenbar an mehreren Stellen für Impfungen anmelden, sagt Hausarzt Fritz-Ulrich Kewer. Wenn sie dann das Vakcin verabreicht bekommen haben, würden sie allerdings „vergessen“, die anderen vereinbarten Termin abzusagen. Darüber sprach Kewer mit WA.de. (News zum Coronavirus in Hamm)

Wie ist die Lage in Ihrer Praxis bezüglich der Corona-Impfungen?
Trotz der hohen Arbeitsbelastung haben wir das Impfen unserer Patienten als Herausforderung angesehen und diese Aufgabe im Team vorgeplant und frühzeitig mit hohem persönlichem Einsatz realisiert. Bei mir in der Praxis hat es sich Rebecca Baier zur Aufgabe gemacht, die Impftermine zu organisieren. Ich bewundere immer wieder ihre große Geduld und Freundlichkeit trotz zum Teil unverschämter Bemerkungen von Anrufern.
Wir wurden nicht nur einmal am Telefon für die Entscheidungen der Bundesregierung angeschrien und beschimpft. Das Freundlichste sind da fast noch Vorwürfe wie „Sie sind Schuld, wenn wir unseren gebuchten Urlaub nicht antreten können, weil Sie uns keinen Impftermin geben“. Dass wir aber Impfstoff nicht in ausreichender Menge geliefert bekommen, interessierte den Anrufer nicht.
Die Organisation der Impftermine nimmt also einen großen Teil der Arbeit ein?
Ja, die Organisation der Impfungen ist zurzeit einfach unerträglich geworden. Viele Patienten haben sich an mehreren Stellen einen Impftermin geben lassen – bei uns und im Impfzentrum. Und dann haben sie sich beim Gynäkologen der Ehefrau mal eben mitimpfen lassen, sich aber an den anderen Stellen nicht abgemeldet. Das führt dazu, dass wir oft beim Anruf mit der Terminvergabe hören: „Nein wir sind schon geimpft, bei Ihnen hat uns das zu lange gedauert.“
Zur Erinnerung: Die Verteilung des Impfstoffes liegt nicht in unseren Händen. Also muss Frau Baier allein für eine Impfdosis fünf bis sieben Anrufe tätigen: Sind die Termine für die Erst- und Zweitimpfung dann vergeben, gibt es wiederum viele, die den zweiten Termin tauschen wollen, weil sie in Urlaub fahren wollen oder irgendetwas anderes anliegt. Das ist verständlich, bedeutet aber für uns einen erheblichen Mehraufwand. Wir in der hausärztlichen Praxis haben nicht so viele Mitarbeiter wie das Impfzentrum und müssen trotzdem die gleiche Arbeit schultern.
Haben zurzeit erhebliche Mehrarbeit bei der Impftermin-Organisation: Rebecca Baier und Dr. Fritz-Ulrich Kewer.
Welche Möglichkeiten haben Patienten, bereits vereinbarte Termine wieder abzusagen?
Es gibt in unserer Praxis verschiedene Wege, einen Impftermin abzusagen: Da ist zum einen das Telefon, das zurzeit aber leider häufig besetzt ist wegen der andauernden Änderungswünsche auf den Impflisten. Dann gibt es unseren Rezept-Anrufbeantworter, der 24 Stunden am Tag erreichbar ist. Nachrichten kann man uns außerdem nicht nur per Fax und E-Mail rund um die Uhr schicken, sondern auch mit unserer Praxis-App.
Glauben Sie, dass sich die Situation im Herbst, mit Schließung der Impfzentren, entspannen wird?
Die Corona-Impfungen werden dann mehr zur Sache der Haus- und Fachärzte werden. Das belastet unseren Alltag seit mehr als einem Jahr. An dieser Stelle kann ich immer wieder nur sagen, wie froh ich über meine Mitarbeiter bin. Ich war oft frustriert und kurz davor, mich aus dem Impfgeschehen zurückzuziehen, weil es nur mit Nachteilen behaftet war. Das Ehepaar Baier hat mir dann immer wieder gesagt: Das bekommen wir schon hin. Ich habe mich auf sie verlassen können und es nicht bereut.
Müssen bei Ihnen aktuell hausärztliche Kernaufgaben zurückstehen?
Durch die Pandemie haben sich unsere Schwerpunkte deutlich verlagert. Ich muss immer wieder Patienten mit ernsthaften Erkrankungen daran erinnern, dass wir die einzelne Diagnostik oder den stationären Aufenthalt jetzt benötigen und nicht warten können, bis die Pandemie beendet ist. Viele ältere und chronisch kranke Patienten hatten Angst davor, wegen irgendwelcher Beschwerden zum Arzt zu gehen und haben einfach länger gewartet, um sich nicht dem Risiko einer Ansteckung auszusetzen. Ich denke wir werden lernen müssen, mit der Pandemie zu leben. Das ist eine Gemeinschaftsaufgabe, für die wir die Unterstützung aller Mitmenschen benötigen. Ich rate trotz der niedrigen Inzidenzzahlen zur Vorsicht und Beibehaltung der Schutzmaßnahmen, damit aus dem schönen Sommer kein heißer Herbst wird.
Kommen zurzeit weniger „normale“ Patienten zu Ihnen, werden also womöglich Krankheiten verschleppt?
Ein ganz klares Ja aus den vorhin genannten Gründen. Ich versuche dann, auch einmal telefonisch zu beraten und dann die nächsten diagnostischen Schritte zu besprechen. Vielfach können manchmal fast irrational anmutende Ängste durch bessere Information reduziert werden.

Rubriklistenbild: © Kewer

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