Falsche Mail des Jobcenters

Corona-Helfer erlebt böse Überraschung - plötzlich soll er zahlen

Den Schutzanzug hat er auch heute noch: Michael Hesse erlebte als Corona-Helfer unverschuldet eine Odyssee.
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Den Schutzanzug hat er auch heute noch: Michael Hesse erlebte als Corona-Helfer unverschuldet eine Odyssee.

Michael Hesse aus Hamm wollte eigentlich nur helfen, als er sich freiwillig für Dienste am Corona-Mobil meldete. Dieser Einsatz kam ihn jetzt (fast) teuer zu stehen. Der Grund: eine falsch verschickte Mail des Jobcenters.

  • Michael Hesse aus Hamm hat in der Krise am Corona-Mobil ausgeholfen.
  • Im Mai dann der Schreck: Er fällt aus der Familienversicherung raus.
  • Hesse sollte über 2.500 Euro nachzahlen - und das alles wegen einer falschen Mail.

Hamm – Willkommen im digitalen Zeitalter. Automatisierte Melde- und Mahnverfahren prägen längst die Arbeitsabläufe in Behörden und behördenähnlichen Einrichtungen. Was einem blüht, wenn nicht mehr Menschen, sondern Maschinen in einer Angelegenheit entscheiden, macht der Fall von Michael Hesse aus Hamm auf beängstigende Weise deutlich. Einmal in Gang gesetzt, ist ein digitalisierter Prozess kaum mehr aufzuhalten...

Michael Hesse (61) ist Krankenpfleger, Rettungsassistent, Stabsunteroffizier im Sanitätsdienst und hat auch eine Justizvollzugsausbildung vorzuweisen. Eigentlich einer, um den sich die Pflegebranche reißen müsste. Doch für den Hammer hatte es jahrelang nur zu befristeten Arbeitsverhältnissen gereicht – mal in Hamm, mal in Niedersachsen, mal in den neuen Bundesländern. 2011 endete letztmals ein solches Beschäftigungsverhältnis, danach war es Michael Hesse leid. Das Jobcenter hatte ihm mitgeteilt, dass er wegen seines Alters kaum mehr zu vermitteln sei, und seine deutlich jüngere Ehefrau übernahm nach erfolgreicher Umschulung fortan die Rolle des Hauptverdieners. Hesse sattelte zum Hausmann um und kümmerte sich um die Kinder. So weit, so gut.

Corona-Helfer soll plötzlich zahlen 

Als im März die Corona-Pandemie ausbrach und allerorts händeringend Freiwillige gesucht wurden, meldete sich der 61-Jährige pflichtbewusst zur Stelle. Er kam bei der Stadt Hamm unter und half nun gelegentlich fürs Gesundheitsamt bei der Probennahme auf den Corona-Mobilen aus. Vier Stunden tat er das im März, 16 im April und acht im Mai. Dafür erhielt er eine kleine Aufwandsentschädigung von insgesamt gut 500 Euro.

Am Corona-Mobil der Stadt Hamm konnten sich Patienten auf das Coronavirus testen lassen. Die Stadt brauchte dort auch Unterstützung von freiwilligen Helfern. (Symbolbild)

Am 6. Mai trudelte dann Post von der Knappschaft bei ihm ein. Die Krankenkasse teilte ihm mit, dass er bei ihr nun nicht mehr über seine Frau familienversichert sei, sondern obligatorisch freiwillig versichert. „Nach unseren Unterlagen hat Sie Ihre zuständige Agentur für Arbeit bei uns zum 31. März 2020 abgemeldet.“ Damit verbunden waren Beitragsforderungen für die Monate April, Mai und Juni in Höhe von 2613 Euro.

Corona-Helfer soll zahlen: Das Problem mit der Krankenkasse

Tatsächlich hatte es ein solches Schreiben gegeben. Zwar nicht von der Arbeitsagentur, sondern vom Jobcenter Hamm. Und dort hatte jemand einen falschen Knopf gedrückt und ein sechs Jahre altes und längst überholtes Dokument an die Knappschaft geschickt.

Alle Versuche, diesen Fauxpas aus der Welt zu schaffen, liefen ins Leere. Michael Hesse telefonierte ohne Unterlass, verschickte erst Briefe, dann Faxe und schließlich Einschreiben an die Knappschaft. Nichts geschah. Auch das Jobcenter wandte sich – so zumindest die Aussage der Stadt auf WA-Anfrage – an die Krankenkasse, räumte den angeblich durch eine EDV-Umstellung verursachten Irrtum ein und versuchte den Fehler rückgängig zu machen.

Er sei über seine Frau versichert, an dem kostenfreien Status ändere auch die Tätigkeit als Coronahelfer nichts. Auch die Kassenärztliche Vereinigung schaltete sich laut Hesse für ihn ein, konnte aber auch nichts ändern. Die Beitragsforderungen der Knappschaft standen weiterhin im Raum. „Inzwischen habe ich es mit den Zweigstellen der Knappschaft in Hamm, Essen, Bochum und Oberhausen zu tun. Ich wurde zu einem Schuldner gemacht, weil ich geholfen habe“, schrieb Hesse schließlich Mitte August in seiner Not an den WA.

Corona-Hilfe wird um ein Haar teuer: Anruf bringt die Wende

Ein Anruf unserer Redaktion bei der Knappschaft-Pressestelle brachte schließlich die Wende. „Da die übermittelte Meldung des Jobcenters irrtümlich erstellt wurde, ist die im Raum stehende Beitragsforderung obsolet und die bisherige Familienversicherung wird für den Versicherten weiterhin beitragsfrei fortgeführt. Hierüber wird unser Kunde noch einmal informiert“, teilte die Versicherung am Montag, 24. August, mit.

Zum Hintergrund sagte ein Knappschaftssprecher, dass alle Korrespondenz in dem Fall maschinell abgewickelt worden war. „Bis automatisierte Verfahren gestoppt sind, dauert es.“ Im Zuge des weiteren Mahnverfahrens wäre der Irrtum aber irgendwann aufgefallen und ausgemerzt worden. Vor zehn Jahren wäre es gar nicht so weit gekommen, weil dann ein leibhaftiger Sachbearbeiter den Fall bearbeitet hätte.

Michael Hesse wähnte sich mehr als zwei Monate ohne Krankenversicherungsschutz. Seine Arbeit als Corona-Helfer gab er deshalb auf. „Das war mir dann doch zu gefährlich.“

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