Experten fragen: Wie soll Schwimmunterricht nachgeholt werden?

Kein Schwimmunterricht durch Corona: Jeder dritte Zehnjährige kommt nicht sicher durchs Wasser

Kinder und Jugendliche springen ins Wasser
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Bild aus anderen Tagen: Kinder und Jugendliche können derzeit nicht schwimmen lernen.

Aufgrund der Corona-Pandemie sind die Lehrschwimmbecken nun Leerschwimmbecken: Derzeit darf keiner ins Wasser. Das kann ernste Folgen haben. Der Schwimmunterricht fällt aus - obwohl viele Kinder nicht sicher schwimmen können.

Hamm – In der Corona-Pandemie bleibt viel Bildung auf der Strecke - und dabei kann es im Fall des Schwimmunterrichts um Leben und Tod gehen. Schließlich ist ein Mensch, der ins Wasser fällt und nicht schwimmen kann, in Lebensgefahr. 2019 gab es am Haarener Baggersee solch einen traurigen Fall mit einem Kind. Nun entsteht in Hamm durch die Pandemie eine Lücke. In Schulen und Vereinen gibt es seit Monaten keine Schwimmausbildung.

Bundesweit teilt die Deutsche Gesellschaft für Lebensrettung (DLRG) mit, dass laut einer Forsa-Umfrage etwa 59 Prozent aller Zehnjährigen nicht mehr sicher schwimmen können. Ganz so dramatisch erscheinen die Zahlen in Hamm und Umgebung nicht. Das Schulsportdezernat der Bezirksregierung Arnsberg geht auf seiner Homepage für seinen Einzugsbereich bei den Grundschülern von einer Quote von 33 Prozent aus, die sich nicht sicher im Wasser bewegen können. „Das ist eine Zahl, die ich so mittragen könnte“, sagt Udo Brakelmann, Vorsitzender der DLRG-Ortsgruppe Hamm, die sich wie die Ortsgruppen Heessen und Hamm-Nordwest auch um die Schwimmausbildung von Anfängern kümmert. Normalerweise.

Schwimmenlernen in Corona-Pandemie: Becken sind seit fast einem Jahr geschlossen

Die Ortsgruppe Hamm war 2020 mit den aktuellen Anfängerkursen, die 20 Stunden umfassen, zu zwei Dritteln durch. „Am 14. März wurde das Becken in der Erlenbachschule geschlossen. Seitdem haben die Kinder kein Wasser mehr gesehen“, so der Vorsitzende, der der DLRG seit 1978 angehört. Etwa 60 Kursteilnehmer waren davon betroffen – sie sollen nach Ende des Lockdowns für Schwimmhallen ihren Kurs noch zu Ende bringen. Wobei sich die Frage stellt, ob da nicht viel von dem Erlernten verloren gegangen ist?

„Schwimmen lernt man definitiv nur im Wasser. Onlineangebote machen da keinen Sinn“, so Brakelmann, der darauf verweist, dass neben dem Erlernen der Technik ja allein schon die Wassergewöhnung ganz entscheidend ist. Vor allem sei auch wichtig, die Anfänger individuell anleiten zu können. Deshalb meint er auch, es sei sinnvoll, Kinder schon im Alter von fünf Jahren, also vor der Schule, ans Schwimmen zu bringen. Nach seiner Einschätzung darf man in Sachen Schwimmfähigkeit auch nicht den Lehrern den Schwarzen Peter zuschieben: „Bei heutigen Klassengrößen und bei Becken, die wie in der Erlenbachschule 16,75 Meter-Bahnen haben, ist es schwer, alle Kinder im Blick zu behalten.“

Uwe Brakelmann DLRG-Vorsitzender in der Ortsgruppe Hamm

Die Anfängerschulungen im Bereich der Ortsgruppe werden von sechs DLRG-Mitgliedern betreut, die Ehrenamtler sind. Auf der aktuellen Warteliste stehen 68 Schwimmanfänger.

Kein Schwimmunterricht durch Corona: Eigentlich soll die Zahl der Nichtschwimmer sinken

Dass die rund 6600 Schüler der 27 Grundschulen in Hamm derzeit keinen Schwimmunterricht haben, läuft auch den Konzepten des Schuldezernats der Bezirksregierung Arnsberg entgegen, bei denen es seit Jahren darum geht, den Anteil von Nichtschwimmern unter den Schülern zu senken. Weiterbildungsmaßnahmen für Lehrer in diesem Bereich liegen Corona-bedingt auch brach.

Die Befürchtung vieler Experten, darunter auch Deutschlands früherer Schwimm-Star Franziska van Almsick, ist nun, dass ein ganzer Jahrgang große Schwimmdefizite dauerhaft behalten wird. Für Fachleute vor Ort, wie Uwe Brakelmann, erscheint es auch unwahrscheinlich, dass man die Lücke durch mehr Schwimmangebote nach dem Lockdown komplett ausgleichen kann: „Die Zahl der Wasserflächen ist begrenzt.“ Die elf Lehrschwimmbecken, inklusive einem im Maximare und einem in der Heessener Familienoase, teilen sich Schulschwimmen und auch Vereins-Angebote. (So sieht das Maximare im Lockdown aus)

Deshalb sind Übungszeiten nicht groß erweiterbar. Und im Vereinsbereich seien die Ausbilder schon in normalen Zeiten ausgelastet. Seine Empfehlung an Familien mit jungen Kindern – diese schon zuhause ans Wasser heranführen. Das ginge schon mit Wanne und Dusche – spielerisch sollten die Kinder erfahren, dass man keine Angst, sondern Respekt vor dem nassen Element haben sollte. Und auch gemeinsame Badbesuche – wenn sie denn wieder möglich sind – könnten den Zugang zum Schwimmen erleichtern.

Kinder brauchen Aufsicht: Seepferdchen ist kein Nachweis über sicheres Schwimmen

„Seit dem 1. Januar 2020 erfolgt keine Trennung mehr zwischen Jugendschwimmabzeichen und Schwimmabzeichen. Unabhängig vom Alter sind die Schwimmabzeichen Bronze, Silber und Gold der Nachweis des sicheren Schwimmens. Das Frühschwimmerabzeichen (Seepferdchen) ist noch kein Nachweis des sicheren Schwimmens. Kinder und Erwachsene, die bisher nur das Seepferdchen-Abzeichen erworben haben, müssen weiterhin intensiv beim Schwimmen beaufsichtigt werden“, heißt es auf der Internetseite des DLRG-Dachverbandes. Bei der Hammer Ortsgruppe kann man vor Erwerb des Bronzeabzeichens immerhin noch „Seeräuber“ werden.

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