Fast jedes dritte Kind ist in den Einrichtungen

Enger Kontakt trotz Corona-Pandemie: Erzieherinnen in Kitas sind in Sorge

Eine Erzieherin hat ein Kind auf dem Schoß. Auch in Coronazeiten lässt sich direkter Kontakt zu Kindern nicht vermeiden.
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Es bleibt ein mulmiges Gefühl: Viele Erzieherinnen setzen in der Kita die Maske auf. Auf direkte Nähe lässt sich aber nicht verzichten.

In der Coronapandemie ist die Sorge unter Kita-Erziehern auch in Hamm groß. Viele fühlen sich mit ihren Ängsten allein gelassen. Unter anderem kritisieren sie NRW-Familienminister Stamp.

Hamm – Es gibt Unruhe und Unmut unter Erzieherinnen und Erziehern in den Hammer Kindertagesstätten. Viele haben in der Coronapandemie Sorgen um die eigene Gesundheit. Sie äußern diese allerdings oft hinter vorgehaltener Hand, weil sich Beschäftigte nicht ohne Zustimmung ihres Trägers äußern wollen. Aber ein Satz ist immer wieder zu hören: „Dass die Kitas wie die Schulen geschlossen sind, das stimmt einfach nicht!“ (News zum Coronavirus in Hamm)

StadtHamm
Einwohner179.916 (Stand 31. Dezember 2019)
Fläche226,3 km²
RegierungsbezirkArnsberg

Sind Kitas im Coronalockdown wirklich geschlossen? Jedes dritte Kita-Kind wird betreut

Das belegen auch die amtlichen Zahlen. So stellte die Stadt Hamm für den Dienstag dieser Woche fest, dass von rund 6600 Kitakinder an diesem Tag 1900 in den Einrichtungen betreut wurden. Das entspricht einer Quote von 29 Prozent. Von den rund 410 Kindern, die in Tagespflege sind, wurden 110, etwa 27 Prozent, betreut. Landesweit sind die Zahlen ähnlich.

Martina Reck leitet die Kita Villa Kunterbunt.

„Ich bin gegenüber Familienminister Stamp sehr zwiespältig“, sagt Martina Reck, Leiterin der Villa Kunterbunt am Alten Uentroper Weg, in der ein Dutzend Mitarbeiter tätig ist. „Erst erklärt er, die Kitas sind geschlossen. Aber fast im selben Atemzug sagt er den Eltern Betreuung zu, um sie dann wieder aufzufordern, die Kinder möglichst nicht in die Kita zu schicken.“ Auch dass die Politik sehr kurzfristig auf die Corona-Entwicklung und ohne konkrete Vorgaben reagiere, finden Reck und viele ihrer Kollegen und Kolleginnen unglücklich.

Reck sagt, den Eltern werde der Schwarze Peter zugeschoben. In der Villa Kunterbunt, die in normalen Zeiten 50 Kinder betreut, sind aktuell etwa 50 Prozent der Kinder. „Es hängt ja auch bei vielen Eltern von der Familiensituation ab“, so Martina Reck. Da spiele es oft eine Rolle, ob etwa beide Eltern berufstätig sind oder ob Homeoffice und Homeschooling eine Betreuung zuhause erschweren.

Entscheidung über Betreuung liegt bei den Eltern

„Im Grunde liegt es ja bei den Eltern, zu entscheiden, ob sie ihr Kind bringen. Für uns gibt es ja rechtlich gar keine Handhabe, das infrage zu stellen“, sagt Natalie Helbert von der Sportkita Kusselkopp der DJK Spielverein Eintracht 22/26 Heessen, kurz SVE. Im ersten Lockdown galt die Einschränkung, nur Kinder von systemrelevanten Beschäftigten zu betreuen, das ist aktuell nicht so. In der SVE-Einrichtung waren Dienstag 40 von 105 Kinder vor Ort. Um die Hygiene- und Abstandsregeln auch personell in den Griff zu bekommen, sah sich die Kita-Leitung gezwungen, die Öffnungszeit von 17 auf 15 Uhr zu verkürzen.

Das Konzept, dass Kinder sich nicht gruppenübergreifend begegnen dürfen, wird wie in der Kita Kusselkopp, die 20 Mitarbeiter hat, auch in anderen Einrichtungen durchgezogen. Da werden Gruppenräume fest zugeteilt und auch draußen dürfen Kinder aus verschiedenen Gruppen sich nicht begegnen. „Wir sind mit unserem großen Garten da noch in einer komfortablen Lage“, sagt Martina Reck. „Wir haben das Gelände in Zonen für die einzelnen Gruppen aufgeteilt.“

Nach Corona-Todesfall in Kita in Kamen: Verunsicherung ist groß

Seit im Dezember in Kamen eine Erzieherin an den Folgen von Corona starb, ist die Unsicherheit bei den Belegschaften der Kitas überall gewachsen. In vielen Hammer Einrichtungen hat es im Laufe der gesamten Krise, die im vergangenen März begann, auch immer wieder Quarantänefälle im Bereich der Mitarbeiter oder der Familien gegeben. Auch Angehörige der Risikogruppen mit über 60 Jahren oder Vorerkrankungen blieben zeitweise ihrer Arbeit fern.

Die bisher einhellige Meinung der Pädagoginnen und Pädagogen, man könne Kindern keine maskierten Mitarbeiter zumuten, ist aufgrund der hoch liegenden Inzidenzzahlen nicht mehr zu halten. Martina Reck: „Wir sind ja seit fast einem Jahr im Coronamodus. Seit November tragen wir Masken, jetzt sogar FFP2-Masken.“

Durchlüften, Desinfizieren und Abstand halten sind nicht nur in der Villa Kunterbunt die Norm, sondern in allen Einrichtungen. So haben grundsätzlich die Eltern keinen Zutritt zu den Kitas – auch beim Bringen und Abholen der Kinder sind die Maskenpflicht und der Abstand zu anderen Eltern wichtig. In der Regel halten auch überall die Mitarbeiter untereinander Distanz. Gemeinsame Pausen gibt es oft nicht.

Corona in Hamm: Übertragung durch Kinder ist nicht ausgeschlossen

Zwar ist es bei den Experten umstritten, ob und wie das Coronavirus bei Kindern wirkt, aber eine Übertragung durch sie ist nicht ausgeschlossen.

Die Situation wird auch in Hamm grundsätzlich dadurch erschwert, dass es schon vor der Coronakrise in der Breite Personalmangel gab. Martina Reck verweist in dem Zusammenhang darauf, dass bei den verschiedenen Trägern auch unterschiedlich entlohnt werde.

„Natürlich ist es derzeit auch nicht zufriedenstellend, nicht wie gewohnt arbeiten zu können“, sagt Natalie Helbert. Gerade die Angebote ihrer Sportkita mit Kooperationspartner fallen flach: „Wir waren schon ein ganzes Jahr mit den Kindern nicht mehr schwimmen.“

Viele Kitas in Hamm halten Kontakt zu daheimgebliebenen Kindern

Wenn es mal zu erforderlichen Elterngesprächen kommt, so Helbert, dann vor der Tür mit Maskenschutz. Martina Reck telefoniert viel mit Eltern, auch mit denen, die ihre Kinder nicht bringen: „Die sind für Informationen und den Kontakt dankbar.“ Natalie Helbert berichtet: „Wir schreiben ab und an Briefe an die daheimgebliebenen Kinder, um den Kontakt nicht zu verlieren.“

Apropos Kontakt – dazu eine Erzieherin, die nicht genannt werden möchte: „Die Eltern müssen ihre Kinder nicht anmelden, es ist ihnen überlassen, ob sie ihre Kinder bringen. Es wird immer gesagt, dass Kita-Kinder keine Überträger sind. Oft genug wurde auch schon geäußert, dass Kinder meist keine Symptome zeigen. Demzufolge könnte es also durchaus sein, dass Kinder Überträger sein könnten.“ Das bereitet vielen Erziehern und Erzieherinnen Sorgen – schließlich könnte eine Infektion vom Arbeitsplatz Kita in die eigene Familie getragen werden. Von Michael Imberg

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