Dr. Jeßberger treiben die Corona-Folgen um

Hammer Arzt besorgt: „Kinder sollten Schuljahr freiwillig wiederholen dürfen“

Ein Mädchen sitzt an einem Laptop zum Lernen
+
Wie viel wird hängen bleiben? Einer niederländischen Studie zufolge lernen Kinder im Homeschooling nur wenig. (Symbolbild)

Dass es in Schulen in der Coronapandemie keinen Präsenzunterricht gibt, sorgt einer Studie zufolge dafür, dass Kinder kaum etwas lernen. Nun fordert ein Hammer Kinderarzt Konzepte aus der Politik: Wie soll mit dem Lernverlust umgegangen werden?

Hamm – Zahlreiche Kinderärzte kritisieren die Entscheidung, Schulen während des Corona-Lockdowns geschlossen zu halten. Auch der Hammer Kinder- und Jugendarzt Dr. Johannes Jeßberger sorgt sich um seine Patienten. Im Interview mit dem WA stellt er Forderungen auf - und macht selbst Vorschläge.

Wie gut funktioniert das Lernen auf Distanz?
Ich gehe von einem Lernverlust aus, aber wir haben keine Zahlen dazu, wie hoch er in Hamm oder NRW konkret ist. In den Niederlanden ist das anders, dort wird jedes Jahr der Bildungsstand erhoben. Die Veränderungen sind dort sehr deutlich.
Inwiefern?
Die Niederländer haben deutlich bessere Voraussetzungen für das Distanzlernen als wir: Fast alle Schüler verfügen über die erforderliche technische Ausstattung, der Internetausbau ist hervorragend. Man hat den Bildungsstand nach dem ersten Lockdown erhoben, der in den Niederlanden nur acht Wochen gedauert hat, also kürzer als bei uns. Trotzdem war der Lernverlust signifikant, insbesondere in bildungsfernen Schichten.
Ist das auf Hamm übertragbar?
Der Lernverlust wird hier größer sein. Die Voraussetzungen sind ja schlechter, siehe Internetausbau und verfügbare Endgeräte. Und Schulen berichten auch über Lernverluste, zum Beispiel die Gebrüder-Grimm-Schule.

Studie über das Lernen auf Distanz: „Wenig Fortschritte“

Drei Sozial- und Bildungswissenschaftler der Universität Oxford haben die Auswirkungen von Schulschließungen in den Niederlanden untersucht. Dort ist das Internet sehr gut ausgebaut, auch die technischen Voraussetzungen von Schulen und Schülern sind gut. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Schüler beim Lernen von zu Hause aus wenig oder keine Fortschritte gemacht haben. Die Lernverluste dürften in Ländern größer sein, die schlechter aufs Distanzlernen vorbereitet sind“, schreiben sie.

Für ihre Studie hatten die Forscher die Daten von 350.000 Schülern ausgewertet: In den Niederlanden gibt es zweimal pro Jahr zentrale Leistungstests für Kinder zwischen sieben und elf Jahren. Die Forscher hatten die Ergebnisse aus dem Mai und Juni 2020 mit denen früherer Jahre verglichen. Dabei kam heraus: Die Kinder hatten 2020 etwa 20 Prozent weniger gelernt als in den Vorjahren – das entsprach der Zeit, in der es keinen Präsenzunterricht gab. Laut den Forschern hatten die Kinder zu Hause nahezu nichts gelernt. Kinder aus benachteiligten Elternhäusern hatten um bis zu 55 Prozent schlechtere Ergebnisse als der Durchschnitt. (Hier geht es zur Studie)

Distanzunterricht in Coronazeiten: Auch nach vier Tagen keine Antwort

Was soll man also tun?
Man muss sich ernsthaft mit dem Lernverlust und seinen Folgen beschäftigen, sich fragen, wie diese insgesamt mindestens eineinhalb Jahre Krise bewertet werden sollen. Den Absolventen ist nicht geholfen, wenn man ihre Prüfungen einfacher macht – sie haben ja Wissen nicht erworben, das wir sonst für erforderlich halten. Das gleiche gilt für andere Schüler. Es reicht nicht, dafür zu sorgen, dass alle versetzt werden. Wir brauchen Konzepte dafür, wie der Stoff aufgeholt werden könnte.
Wie könnten diese aussehen?
Wie wäre es mit einem Freiversuch wie im Studium? Man kann die Abschlussprüfung machen – und Absolventen anbieten, sie freiwillig zu wiederholen, wenn sie das Ergebnis nicht zufrieden stellt. Man sollte Kindern und Jugendlichen ermöglichen, das Schuljahr zu wiederholen – freiwillig. Eine andere Idee wäre es, Lehramtsstudenten einzubinden.
Sorgt sich um seine Patienten: Dr. Johannes Jeßberger in einem Behandlungszimmer für Jugendliche. Fürs Foto hat er die Maske abgenommen.
Um was zu tun?
Sie könnten Schüler individuell unterstützen und zusätzlich zu den Lehrern dabei helfen, Lücken zu finden und zu schließen – so wie auch Medizinstudenten im Rahmen der Pandemie eingesetzt werden.
Viele Schulleiter und Lehrer sagen, dass sie gute Konzepte für das digitale Lernen haben. Was erzählen Ihnen die Schüler und Eltern in der Praxis?
Mir hat eine Mutter geschildert, dass ihr Achtklässler Fragen an die Lehrkraft geschickt hat – und teilweise nach vier Tagen noch keine Antwort erhalten hatte. So kann man Schüler nicht motivieren. Ein Student hat mir erzählt, dass er nach drei Monaten Uni nicht einmal in der Hochschule war. Er fühlt sich einsam. Auch den jungen Kindern fehlt etwas, gerade in vielen Grundschulen gibt es kaum Videokonferenzen, es wird nur mit Zetteln gelernt – das können viele nicht. Einige Jugendliche sagen, ihnen werde die Zukunft gestohlen. Wenn man so was hört, muss Politik wach werden und reagieren.
Klingt nach einem großen Scheitern des Distanzlernens.
Ja. Eine persönliche Beziehung ist eine wichtige Voraussetzung für das Lernen. Vor allem Grundschüler lernen in aller Regel nicht für sich selbst oder das Leben, nicht für Mama und Papa – sondern für den Lehrer oder die Lehrerin. Wenn sie diese Person nicht persönlich sehen, fällt es ihnen schwer, Neues zu lernen.

Arzt zu Corona-Lockdown: „Viele Kinder sind verunsichert, wie es weitergeht - und Verunsicherung kann zu Depressionen und Aggresionen führen“

Wie geht es den Kindern und Jugendlichen?
Ich kann nur meinen subjektiven Eindruck schildern. Es gibt Kinder, die die Verunsicherung gut verkraften. Aber viele Kinder vereinsamen, und viele stehen deutlich unter Strom, weil nicht klar ist, wie es weitergeht. Man weiß, dass aus Verunsicherung Ängste entstehen können, die dann wieder zu Depressionen und Aggression führen können.
Sollte man Schulen öffnen?
Ich bin für so viel Präsenzunterricht wie möglich.
Trotz der Infektionslage?
Erst einmal finde ich es gut, dass wir Kontakte reduzieren, um die Alten zu schützen – sie bringen die Weisheit und Gelassenheit sowie das Wissen in die Gesellschaft. Ich finde es aber schwierig, wenn wir dabei die Zukunft aus den Augen verlieren, also die Kinder und Jugendlichen. Die Studienlage dazu, wie infektiös Kinder sind, ist uneinheitlich. Es scheint sich herauszukristallisieren, dass Kinder das Virus verteilen, aber sich selbst und andere weniger anstecken als Erwachsene. In dieser Lage sollte man Lehrer frühzeitig impfen, damit sie Kinder und sich gegenseitig nicht anstecken können. Und man sollte dafür sorgen, dass Kinder mindestens einmal pro Woche in der Schule sind, damit sie den Kontakt nicht verlieren. Viele Schulen, Schüler und Lehrer sind kreativ und finden Lösungen, werden dann aber vom Land ausgebremst. Das finde ich falsch.
Wie können Eltern ihre Kinder aktuell am besten unterstützen?
Ich glaube, viele Eltern tun schon viel – hier fehlt mir übrigens, dass man das in Politik und Verwaltung deutlich anerkennt! Ich wünsche mir, dass man lobt, wie viel Schüler, Eltern und Schulen schon geleistet haben und jetzt weiter leisten! Dazu, was Eltern tun können: Es wäre gut, wenn es gelingt, gemeinsam positive Momente wahrzunehmen, auszukosten, zu genießen. Und es hilft, mit den Kindern Neues zu probieren.
Was kann das sein? Man darf ja fast nichts.
Man kann mit dem gemeinsamen Kochen anfangen, allein schon, weil man dadurch das Essen anders wahrnimmt. Das kann Spaß machen, und den brauchen wir gerade dringend.
Hat die Krise etwas Gutes?
Sie gibt uns Chancen, Strukturen zu überdenken. Die sind in Schule vielfach zu starr. In der Krise wäre eine größere Durchlässigkeit zwischen Schulformen und Klassen besonders sinnvoll, um Kinder flexibel zu unterstützen – das stimmt aber auch außerhalb der Pandemie. Außerdem zeigt uns die Krise, wie wichtig die Schule ist. Die Wertschätzung für das, was Schulen leisten, ist deutlich gestiegen. Das ist gut.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare