Eine besondere Strategie, um das Virus mal zu vergessen

Corona-Flucht auf zwei Rädern: Das ist Martin Eggert aus Hamm

Martin Eggert hat ein Motorrad für jeden Anwendungsfall.
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Eine für die Straße, eine für die Rennstrecke: Martin Eggert hat ein Motorrad für jeden Anwendungsfall.

„Das Ballern auf der Rennstrecke macht mich für die Straße viel entspannter“, sagt Martin Eggert aus Hamm. Der leidenschaftliche Biker erzählt über seine Strategie, das Coronavirus zu vergessen.

Hamm – Es sind eine Menge Einschränkungen, mit denen jeder aufgrund der Corona-Pandemie leben muss. Umso mehr genießt es Martin Eggert, wenn er sich auf eins seiner beiden Motorräder setzen und dem Covid–19-Wahnsinn zumindest für einige Stunden entfliehen kann. „Das Motorradfahren gibt mir ein Gefühl von Freiheit. Und wenn ich nach einer größeren Runde wieder nach Hause komme und den Helm abnehme, habe ich ein Grinsen im Gesicht, das ich sonst nicht habe“, sagt der 55-Jährige, der als Angestellter der Stadt Hamm arbeitet.

Natürlich kann Eggert dem Virus nicht davonfahren. Auch er muss mit Vorgaben klarkommen. So wollte er im vergangenen Jahr Anfang Mai den beliebten Biker-Spot Bigge-Treff im Sauerland ansteuern. Doch als er sah, wie voll es dort war, machte er kehrt. Nun meidet er solche Treffs. Auch in größeren Gruppen ist er derzeit nicht unterwegs. „Natürlich gibt es ein paar Einschränkungen. Aber wenn ich unterwegs bin und am Gashahn drehe, ist das mit nichts zu vergleichen. Dann geht mein Herz auf. Dann trotze ich Corona und lasse das Virus weit hinter mir“, sagt er.

Angefangen hatte seine Liebe zu den Zweirädern Anfang der 1990er Jahre, als er als Fußball-Torwart beim SV Westfalia Rhynern zwischen den Pfosten stand. „Ich bin damals mit meinen Brüdern sonntagmorgens zwei, drei Stunden mit dem Motorrad durch die Gegend gefahren und war mittags immer pünktlich beim Treffpunkt. Hans Stückmann (Anm. der Redaktion: damals Sponsor und auch zeitweise Trainer der Mannschaft) hat dann zwar oft gemeckert und war knurrig, aber ich habe mir das nicht nehmen lassen“, erinnert sich Eggert.

„Motorradfahren kein Hobby, sondern Leidenschaft“

Als er seine Fußballschuhe an den berühmten Nagel hing, er nicht mehr dreimal pro Woche trainieren und am Wochenende Meisterschaftsspiele bestreiten musste, verbrachte er immer mehr Zeit auf seinem Motorrad. „Ich kann mir mein Leben ohne Motorradfahren nicht vorstellen. Das ist kein Hobby für mich, sondern eine Leidenschaft“, sagt er. Mehr als 20 Motorräder hat er in den vergangenen 30 Jahren sein Eigen genannt.

Derzeit stehen gleich zwei Motorräder in seiner Garage: eine BMW S1000 XR für die Straße und eine BMW S1000 RR für die Rennstrecke. „Das sind meine Babys“, sagt er. Mit dem Straßen-Motorrad, das er liebevoll „Dicke“ nennt, unternimmt er von seinem Haus im Hammer Osten gerne Tagestouren. „Ich habe eine sehr kulante Chefin. Und wenn ich montags sehe, dass mittwochs gutes Wetter ist, kann ich schon mal spontan freibekommen und unterwegs sein“, sagt er. Dann setzt er sich morgens um 9 Uhr auf seine „Dicke“ und kommt meist vor 18 Uhr nicht nach Hause.

Tagestour: Sitzt Eggert erst mal auf der Maschine, fährt er auch schon mal 500 bis 600 Kilometer am Tag.

„Ich bin dann so 500 oder 600 Kilometer unterwegs. Zweimal halte ich kurz an zum Tanken, ansonsten wird gefahren“, schwärmt er. Oder er macht sich zusammen mit seiner Lebensgefährtin Anke gen Süden in die Alpen auf den Weg und fährt bei mehrtägigen Rundfahrten Pässe in den Bergen ab. „Dadurch habe ich Menschen und Gegenden kennengelernt, die ich ohne das Motorrad nie zu Gesicht bekommen hätte“, betont er und verrät, dass er auf der Straße mit seinem Zweirad schon einige Hunderttausend Kilometer abgeritten hat.

„Auch schon mal jenseits der 300 Stundenkilometer“

Es gibt auch Tage, wo er es schneller haben will. Dann packt er das Rennmotorrad auf den Hänger und macht sich auf den Weg zu den Rennstrecken am Nürburgring, Sachsenring, in Hockenheim, Oschersleben oder im belgischen Spa. „Da fahre ich dann auch mal Anschlag, das heißt auch schon mal jenseits der 300 Stundenkilometer“, sagt er mit einem breiten Grinsen im Gesicht und kann nur schwer seine Vorfreude auf den nächsten Ritt am Limit verbergen.

In kleinen Schritten hatte er sich in den vergangenen Jahren über Renntrainings und entsprechende Anleitungen an solche Geschwindigkeiten herangetastet, jetzt liebt er es, mit so einem hohen Tempo über den Asphalt zu jagen. „Ich bin 2003 durch einen Bekannten angefixt worden. Auf einer Rennstrecke bewegt man das Motorrad natürlich viel extremer. Da lernt man sein Moped schon sehr gut kennen“, erklärt er und betont, dass ihm dies auch beim normalen Fahren auf der Straße sehr zugutekommt: „Das Ballern auf der Rennstrecke macht mich für die Straße viel entspannter.“

Saubermachen der Motorräder nach dem Ausritt ein Ritual

So entspannt er sich immer wieder und schiebt das Coronavirus weit zur Seite, wenn er sich seine Lederkombi überstreift und auf sein Motorrad setzt. Selbst niedrige Temperaturen schrecken ihn nicht ab, nur bei Regen lässt er seine „Babys“ in der Garage stehen. „Ich fahre auch den Winter durch. Kleidung ist kein Thema, ich bin für alle Witterungsbedingungen bereit“, meint er. „Ich muss da auf nichts verzichten.“

Selbst das Saubermachen der Motorräder nach einem Ausritt ist für ihn ein Ritual. Hat er seine Motorradbekleidung ausgezogen, gönnt er sich ein Bier, ehe es ans große Reinemachen geht. „Die Mopeds müssen vernünftig aussehen, das ist eine Herzensangelegenheit.“ Wenn die Windschutzscheibe im Sommer voller Mücken ist, schraubt er sie ab und steckt sie in die Spülmaschine.

So lässt sich Eggi, wie er nicht nur in Bikerkreisen genannt wird, durch Nichts und Niemanden aufhalten: weder durch das Putzen, noch von Kälte. Und schon gar nicht von Corona. „Bei einem Hobby macht man schon mal Einschränkungen. Bei einer Leidenschaft macht man das eher nicht“, sagt er und grinst.

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