"Wir sitzen alle im gleichen Boot"

Corona-Drama um Tönnies: Das sagen Hammer Landwirte

Weil Tönnies dicht ist, suchen viele Schweinehalter im Kreis Soest nach Alternativen. Hamm ist offenbar weniger stark betroffen.
+
Weil Tönnies dicht ist, suchen viele Schweinehalter im Kreis Soest nach Alternativen. Hamm ist offenbar weniger stark betroffen.

Der Corona-Ausbruch in einem Schlachtbetrieb des Branchenriesen Tönnies sorgt bei Hammer Landwirten für wenig Aufregung. Wir haben Betroffene nach den Gründen gefragt.

Hamm/Kreis Soest – Die meisten liefern ihre Mastschweine an die Tönnies-Konkurrenz Westfleisch. „Daher haben wir dieses Problem ja schon mit den Corona-Fällen Mitte Mai in einem Betrieb in Coesfeld hinter uns“, sagt Achim Deitert, der in Osterflierich seinen Hof betreibt. „Der Betrieb wurde damals auch geschlossen, und die anderen haben diesen Ausfall aufgefangen. Letztlich sitzen wir aber alle im gleichen Boot – ob es Tönnies betrifft oder Westfleisch.“ Es brauche eben ein bisschen Zeit, bis betroffene Unternehmen wieder hochgefahren werden. „Coesfeld war ja auch 14 Tage geschlossen.“

Auch Christof Schürmann, der seinen Hof in Sandbochum betreibt, ist angesichts der aktuellen Situation weit entfernt von Panikattacken. „Im Moment spüren wir noch keine Auswirkungen“, sagt der Landwirt, dessen Betrieb über knapp 2000 Mastplätze verfügt.

Deitert ist der Meinung, dass die aktuellen Vorfälle bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück – mehr als 1500 Mitarbeiter wurden positiv auf das Coronavirus getestet – keine großen Auswirkungen für die Mastbetriebe haben werden. Und warnt davor, nervös zu werden. „Jetzt in Panik zu verfallen, ist nicht gut. Denn es sind die Verkäufe, die uns das Leben schwer machen und erst die Probleme verursachen.“

Afrikanische Schweinegrippe bereitet mehr Sorgen

Normal verkauft Deitert einmal pro Woche einen Zug Schweine. Mehr sollen es auch in Corona-Zeiten nicht werden. Der Schlachtpreis pro Kilo sei in ständiger Bewegung. „Wir kommen von 2,05 Euro und liegen jetzt bei 1,67“, sagt Deitert. „Das liegt aber auch daran, dass das Asien-Geschäft nicht mehr läuft.“

Denn mehr als die Möglichkeit von Betriebsschließungen aufgrund der Verbreitung des Coronavirus ist es die Afrikanische Schweinegrippe, die Deitert akut Sorgen bereitet. „Die steht vor den Toren Deutschlands“, sagt er. Es seien bereits Fälle in Russland und Polen bekannt geworden. „Die Gefahr, dass sich das bei uns auch verbreitet, ist größer als die durch Corona.“

Hygiene-Standard nicht erst seit Corona hoch

2500 Mastplätze für Schweine hat Deitert in seinem Betrieb, und der Standard der Hygienevorschriften ist in der Branche nicht erst seit dem Corona-Ausbruch groß. „Es gibt eine Schweinehaltungshygieneverordnung – da halten wir uns schon lange dran“, sagt Deitert. Dazu gehört neben dem regelmäßigen Gebrauch von Desinfektionsmitteln zum Beispiel die Einzäunung des Geländes, um den eigenen Tierbestand vor Schwarzwild zu schützen. Denn vor allem Wildschweine gelten als Überträger der Schweinepest.

„Im Moment haben wir noch keine Fälle in Deutschland bei Hausschweinen“, sagt Deitert, der seinen Betrieb neben der Mast mit dem Anbau von Getreide und Marktfrüchten sowie dem Betreiben einer Photovoltaik-Anlage weitere Standbeine aufgebaut hat. „Aber wir müssen aufpassen, dass es nicht in die Bestände kommt.“

Sorgen im Kreis Soest sind deutlich größer

Ganz anders ist die Lage unterdessen in Soest. Dort ist die Betroffenheit durch die Tönnies-Schließung groß. „Viele Landwirte aus dem Kreis Soest lassen ihre Tiere zu Tönnies liefern“, sagt Josef Lehmenkühler, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbands Soest. Er selber hat auch Schweine, ist aber nicht Kunde von Tönnies. „Die arbeiten zurzeit unter Hochdruck an Lösungen“, sagt Lehmenkühler sicher. Ein bis zwei Wochen können die Schweine länger im Stall bleiben, dann müssen sie raus. Sie werden zu groß und zu schwer, außerdem kommen neue Tiere, die den Platz brauchen. „Das Unternehmen wird auf andere Standorte ausweichen, etwa in Niedersachsen, und sicherlich auch mit Konkurrenzbetrieben sprechen“, sagt Lehmenkühler.

Damit es für die Bauern nicht zu eng wird, habe man kurzfristig die Gewichtsgrenzen der Tiere angehoben. Und doch: Die Landwirte stehen vor Schwierigkeiten, wenn die nächsten Ferkel kommen und die Mastschweine aus dem Stall müssen. Viele Schweinezüchter seien deshalb gerade im Gespräch mit Westfleisch.

Zweiter Massentest auf Corona bei Westfleisch in Uentrop

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare