Stadt stochert im Nebel

Corona-Drama in Hamm: Beteiligte an Hochzeitsfeiern mauern

Rathaus der Stadt Hamm Symbolbild
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Im Hammer Rathaus ist man ratlos: Warum nur stürzten die unachtsamen Teilnehmer einer einzigen, aber groß gefeierten Veranstaltung so viele andere Menschen in neue Probleme? Und warum helfen sie nicht so konstruktiv mit bei der Lösung dieses Problems, wie man es erwarten müsste?

Bei der Rückverfolgung der Infektionskette nach einem Corona-Massenausbruch in Hamm sehen sich die Verantwortlichen der Stadt einer Mauer des Schweigens gegenüber. Die Mitarbeiter stoßen offenbar auf wenig Auskunftsfreude bei den Beteiligten der Hochzeitsfeiern.

Hamm - Diese Feierlichkeiten fanden Anfang des Monats auf verschiedene Weise, aber immer mit vielen Teilnehmern in Hamm, Dortmund und Werl statt. Die Hintergründe und das Feierszenario sind nach wie vor nicht geklärt. Hier wird von Seiten der Feiernden offenbar massiv verschleiert.

Am 2. September verzeichnete die Stadt Hamm 22 akut infizierte Personen mit dem Coronavirus; die Lage schien unter Kontrolle. Drei Wochen später sind es über 160. Wie aus dem Nichts sieht sich die Stadt einer zweiten Corona-Welle gegenüber, weil in einem einzigen Fall grob fahrlässig gehandelt wurde. Damit verändert sich das gesellschaftliche Leben erneut massiv, es entsteht immenser wirtschaftlicher Schaden, und die Stadt steht vor einer neuen gewaltigen Herausforderung. Und die dafür verantwortlichen Personen? Die zeigen offenbar wenig Bereitschaft zur Mithilfe.

Corona und die Großhochzeit: „Niemand benennt Ross und Reiter“

Bei der Rückverfolgung stößt die Stadt bei den vermeintlichen Zeugen und Beteiligten auf eine Mauer des Schweigens oder erhält schwammige Angaben zu Ereignissen und Teilnehmer. „Niemand benennt hier Ross und Reiter“, sagte Stadtsprecher Tom Herberg noch am Dienstag auf Nachfrage. „Kontakt- und Anwesenheitslisten passten beispielsweise nicht zusammen.“ Die städtischen Mitarbeiter, die in diesen Fällen recherchierten, stießen zumeist auf wenig Auskunftsfreude. Die Corona-Kräfte wurden seit Montag von 130 noch einmal auf 160 aufgestockt.

Die Stadt kenne zwar Brautpaar und Veranstaltungsort, dennoch bleibe vieles nebulös, erklärte Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann in einer Video-Pressekonferenz. Fest steht aber, dass inzwischen 309 Personen aus Hamm bekannt sind, die an einer der Feierlichkeiten teilgenommen haben. Die Zahl war kontinuierlich gestiegen: Zunächst war von 80, dann 120 und am Montag von 236 die Rede gewesen. Bisher sind 99 Infektionen bekannt geworden, die auf die Feierlichkeiten zurückgehen. Hunsteger-Petermann schließt nicht aus, dass es unter den akut infizierten Personen tatsächlich noch mehr sind. Laut Corona-Schutzverordnung NRW sind aktuell bis zu 150 Gäste erlaubt.

Corona und die Großhochzeit: Stadt will gegen Veursacher durchgreifen

Dass die Stadt durchgreifen will, hatte der OB bereits angekündigt. Demnach soll ein Bußgeld gegen die Lokalität erhoben werden. Man erwäge auch, das Brautpaar, das aus Hamm kommt, in Regress zu nehmen, sagte der OB. Einen Schnellschuss wird es aber wohl nicht geben.

Auch die Abfolge der Feierlichkeiten ist längst nicht restlos geklärt. Einen lückenlosen Ablauf konnte die Stadt auf Nachfrage nicht benennen. „Uns fehlen selbst noch viele Puzzleteile“, sagte Stadtsprecher Tom Herberg. Folgendes gilt laut Stadt aber als weitgehend gesichert:

  • Eine Teilveranstaltung der Hochzeit in Hamm war am Freitag, 4. September, der sogenannte Henna-Abend, eine Art Junggesellinnenabschied. Am selben Wochenende hat die Haupt-Veranstaltung offenbar in Dortmund stattgefunden.
  • Außerdem hat es eine weitere Hochzeit am Folgewochenende (also ab dem 11. September) in Werl gegeben. Dabei waren laut Stadt Teile der ersten Hochzeitsgesellschaft – also auch aus Hamm – anwesend. „Hier hat sich das Virus möglicherweise weiter verbreitet“, heißt es in einer Erklärung der Stadt.
  • Die ersten bekannten Infektionen im Zusammenhang mit der Hochzeit, die auch in Hamm gefeiert wurde, waren zwei Frauen am 12. September. Weitere Infektionen in dem Zusammenhang wurden ab dem 14. September bekannt.

„Eine scharfe Trennung, welche Infektionen auf welche Veranstaltung zurückzuführen sind, ist nicht möglich, vor allem weil viele Hochzeitsteilnehmer auf mehreren Veranstaltungen anwesend waren“, heißt es von der Stadt. Dazu sei außerdem ein zu großer Verzug zwischen Veranstaltungen, ersten Infektionen im Zusammenhang mit der Hochzeit und Meldungen über die tatsächlichen Teilnehmer gewesen.

Die Auswirkungen auf das Leben in Hamm sind indes enorm. Hunderte Schüler fast aller Schulformen sind in Quarantäne, am Mittwoch hatte sich die Zahl der Schüler mit einer nachgewiesenen Infektion auf 54 erhöht. Große Ungewissheit herrscht zwei Wochen vor Beginn der Herbstferien bei vielen Hammern, die eine Reise gebucht haben. Die Regeln am Urlaubsort sind höchst unterschiedlich; viele bemühen sich darum, kurzfristig an ein negatives Testergebnis zu kommen.

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