Kritische Worte vom "Obel" aus Hamm

Comedy in Zeiten von Corona: Den Kleinen droht das Karriere-Aus

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Der Obel sieht den Fortbestand vieler Comedy-Laufbahnen gefährdet.

Der Hammer Comedian Der Obel findet vor seinem Corona-Auftritt an den Zentralhallen kritische Worte: „Den Kleinen droht das Karriereende“.

Hamm – Der Obel begrüßt am Freitag, 12. Juni, um 20 Uhr drei Comedians zum Auto-Event auf dem Platz vor den Zentralhallen. Und weil wegen Corona immer noch die Abstandsregeln gelten, nennt der Obel seine Mix-Show auch nicht wie sonst „SchönAbendZusamm“ sondern „SchönAbendAuseinander“. Über das Programm am Freitag und was die Corona-Zeit für Künstler bedeutet, sprach WA.de mit dem "Obel" Andreas Obering.

Wie ist die Idee entstanden, Ihre Mixshow beim Auto-Event an den Zentralhallen zu präsentieren?

Ich bin dort ja schon beim Autokino an den Zentralhallen aufgetreten. Im Vorfeld des Films „Das Wunder von Bern“ gab es eine 45-minütige Talkrunde mit Lippewelle-Reporter Ralf Bosse und Hauptdarsteller Peter Lohmeyer, der im Film den Endspiel-Torschützen Helmut Rahn verkörperte. Mit dabei waren auch „Fritz Walter“-Darsteller Knut Hartwig, Dirk Szczepaniak alias „Bernie Klodt“ und ich als WM-Reporter Herbert Zimmermann. Das war ein tolles Erlebnis und hat super funktioniert – und wenn eine Talkrunde bei den Zuschauern ankommt, wird es Live-Comedy hoffentlich auch.

Aber kann das wirklich funktionieren? Schließlich sitzt das Publikum ja im Auto und nicht dicht gedrängt in einem Saal. Kommt da überhaupt Stimmung auf?

Das funktioniert tatsächlich. Das habe ich selbst erlebt, als ich am 2. Mai mit einigen Kollegen bei der Comedy-Night im Autokino im Fort Fun aufgetreten bin.

Und wie war die Stimmung? Wenn die Leute im Auto klatschen, hört das ja keiner.

Aber sie können hupen, mit dem Scheibenwischer winken oder die Lichthupe betätigen. Und das haben sie reichlich gemacht. Hätte ich nicht diese positive Erfahrung im Fort Fun gemacht, hätte ich es selbst nicht geglaubt. Aber: Es funktioniert.

Nach dieser Erfahrung – muss man als Künstler auf einer Autokino-Bühne anders spielen, um die Zuschauer zu packen als sonst auf einer normalen Bühne?

Du solltest vielleicht nicht zur Begrüßung ins Mikro brüllen: „Seid Ihr gut drauf?“ Dann fallen den Zuschauern im Auto die Ohren ab, weil der Ton ja übers Autoradio kommt. Die Situation vor Menschen, die in Autos sitzen, zu spielen, ist schon sehr ungewöhnlich, aber es schärft die Wahrnehmung beim Akteur auf der Bühne und bei den Zuschauern. Und die Zuschauer dürfen jetzt ja sogar das Auto verlassen und daneben stehen oder sitzen. Dann sehen wir sie ja zumindest von der Bühne aus.

Wen sehen die Zuschauer denn auf der Bühne? Beschreiben Sie doch bitte kurz Ihre Gäste.

Alle drei werden die Zuschauer im oder neben dem Auto begeistern, da bin ich mir sicher. Sie haben nämlich allesamt Rampensau-Qualitäten. Mirja Regensburg war schon vor viereinhalb Jahren Gast bei meiner Mixshow „SchönAbendZusamm“. Sie ist gelernte Musicaldarstellerin, hat eine wundervolle Selbstironie und ist eine wahre Improvisationskünstlerin. Stephan Rodefeld hat unglaublich viele Facetten, weil er so viele unterschiedliche Typen verkörpert. Und Michael Eller ist der klassische Stand-up-Künstler. Er ist viel auf Kreuzfahrtschiffen aufgetreten und erzählt wunderbar witzige Szenen vom Alltag auf seinem Vergnügungsdampfer.

Wobei Kreuzfahrtschiffe ja jetzt in Corona-Zeiten genauso wenig auslaufen dürfen wie Künstler auf einer normalen Bühne spielen dürfen.

Genau, seit drei Monaten können wir Künstler keine Auftritte unter normalen Umständen geben. Das bedeutet, dass viele Kollegen, die vorher randvolle Terminkalender hatten, jetzt wegen Corona ein Berufsausübungsverbot haben. Deshalb heißt meine Mixshow diesmal ja nicht wie sonst „SchönAbendZusamm“, sondern „SchönAbendAuseinander“, weil wir das Abstandsgebot und sonstige Vorschriften einhalten müssen, um überhaupt spielen zu können. Und trotz alledem ist das ja richtig, wir müssen weiterhin Abstand halten und vorsichtig sein, das Virus ist ja noch nicht besiegt und es gibt keinen Impfstoff.

Und was heißt Corona konkret für Sie als Künstler? Wie oft sind Sie seitdem aufgetreten?

Die ist mein dritter Auftritt in drei Monaten: am 2. Mai im Fort Fun, am 20. Mai beim „Wunder von Bern“ und jetzt am Freitag bei „SchönAbendAuseinander“. Bis zum 5. März habe ich ja noch beim „Geierabend“ in Dortmund auf der Bühne gestanden und hatte danach noch einige Soloshows. Am 12. März hatte ich meinen letzten Auftritt in Emmerdingen. Die nächste Show am 13. März in Arnsberg wurde schon wegen Corona abgesagt. Das war am Freitag, dem 13. … Und seitdem sind keine weiteren Termine in Sicht.

Ist denn abzusehen, wie es mit dem Geierabend weitergeht?

Nein, wir hatten ja Glück, dass wir unser komplettes Programm noch vor Corona beenden konnten. Es war geplant, im Rahmen des Kabarettfestivals „Ruhrhochdeutsch“ vier Tage im Sommer mit dem Geierabend-Team aufzutreten, aber ob das funktioniert, ist noch nicht sicher. Und ob wir im nächsten Jahr den Geierabend wie sonst immer vor 400 Leuten, die dicht gedrängt sitzen, spielen können oder nur vor 100 Leuten – wer kann das heute sagen?

Einige Comedians haben es ja geschafft, trotz Corona präsent zu bleiben: Sebastian Pufpaff hatte im März und April täglich eine kleine Comedysendung aus dem Homeoffice auf 3sat, Carolin Kebekus hat gerade eine neue Comedyshow in der ARD…

Ja, den Großen in der Branche gelingt es tatsächlich, präsent zu bleiben. Die nicht so bekannten Künstler dagegen haben es echt schwer. Bei den Großen werden die ausgefallenen Live-Auftritte einfach verschoben, die Kleinen bekommen jetzt Absagen. Wer nicht so bekannt ist, hat kaum eine Chance. Corona führt zu einer Polarisierung in der Szene: Die Großen können eine Durststrecke ohne Auftritte finanziell überstehen, vielen Kleinen droht durch Corona das Karriereende. Sie müssen, um zu überleben, jetzt für Amazon Pakete packen.

Aber könnte man nicht versuchen, zumindest auf diesem Wege Corona etwas Positives abzugewinnen: Die Künstler dürfen zwar nicht auftreten, haben aber jetzt immerhin Zeit, neue Programme zu schreiben?

Ich finde es total schwierig, ins Blaue hineinzuschreiben, wenn man nicht weiß, wann es wieder losgeht. Das ist die Crux: Um eine neue Tour mit einem neuen Programm vorzubereiten, brauchst du ein Jahr. Und wenn du nach Corona gebucht werden willst, musst du ein neues Programm vorweisen können.

Viele Künstler sind jetzt verstärkt im Netz aktiv …

Ja, aber auch davon muss man leben können. In sozialen Medien Scherze machen, ist vielleicht eine Möglichkeit, ein Lebenszeichen abzugeben, viel mehr ist das auch nicht. Deshalb freue ich mich ja so auf Freitag: Das ist für uns eine Möglichkeit, vor echtem Publikum zu zeigen: Wir sind noch da. Aber wir hoffen, dass das Publikum uns zeigt: Wir sind auch da.

Von wie viel Künstlern, die in Deutschland mit den Corona-Einschränkungen klarkommen müssen, reden wir eigentlich?

Es arbeiten über eine Million Menschen in der Branche, die allermeisten sind Freiberufler. Die Bundesregierung hat zwar in ihrem Rettungspaket auch eine Milliarde Euro für die Künstler versprochen, aber die Lufthansa bekommt ein vielfaches. Man muss sich das vor Augen halten: Wir Künstler sind nach der Autobranche der größte Wirtschaftszweig in Deutschland. Wir erwirtschaften 3,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Nur die Autobranche erwirtschaftet mehr.

Insofern ist es fast folgerichtig, dass ihr Künstler im Autokino auftretet …

Genau, und dann sollen die Zuschauer kräftig in ihren Autos hupen und wir alle machen uns einen „SchönAbendAuseinander“.

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