Chefarzt der Barbaraklinik blickt zurück und voraus

5000 Babys und ein Brustzentrum: Dr. Wiebringhaus geht in Rente

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Hamm - Dr. Hermann Wiebringhaus ist fast Rentner: Der Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe der St.-Barbara-Klinik wird am heutigen Dienstag offiziell in den Ruhestand verabschiedet. Doch so wirkt der 66-Jährige nicht.

Wiebringhaus gehört zu den bekanntesten Ärzten in Hamm. Er arbeitet seit 1994 in der Barbaraklinik. Er hat mehr als 5000 Geburten begleitet. Zu seinen beruflichen Erfolgen gehört die Gründung eines Brustzentrums, in dem Frauen mit Brustkrebs behandelt werden. Es gehört zu den größten in NRW. Für WA.de schaut er zurück und nach vorn.

Herr Wiebringhaus, nach mehr als 20 Jahren in der Barbara-Klinik gehen Sie in den Ruhestand. Was hat sich in dieser Zeit in der Geburtshilfe verändert? 

Hermann Wiebringhaus: Wieso gerade in der Geburtshilfe? Ich mache doch viel mehr! Ich arbeite in der Frauenheilkunde, habe das Brustzentrum gegründet, mache gynäkologische Chirurgie. Immerhin: Sie sind nicht damit allein, nach der Geburtshilfe zu fragen. Danach werde ich auch privat oft gefragt. Allerdings hat sich in diesem Bereich wenig verändert.

Tatsächlich? Es wird viel diskutiert, etwa über die Kaiserschnittrate.

Wiebringhaus: Sie lag in Deutschland 2013 bei mehr als 32 Prozent. Das hielten viele für zu hoch, auch wir in der Barbara-Klinik haben uns das Ziel gesetzt, so wenige Kaiserschnitte wie möglich zu machen. Aktuell liegen wir bei 25,5 bis 26 Prozent.

Hermann Wiebringhaus hat das Brustzentrum gegründet. Heute zählt es zu den größten in Nordrhein-Westfalen. In der Station 3b werden Patientinnen mit Brustkrebs behandelt.

Für Deutschland ist das wenig. In anderen Ländern – etwa den Niederlanden – liegt die Rate noch darunter. 

Wiebringhaus: Der Wunsch der Patientin steht bei uns an erster Stelle. Darüber wird vorab in der Sprechstunde gesprochen. Ein richtiger Wunschkaiserschnitt, vor der Geburt und ohne eine medizinische Indikation, ist selten. Aber unter der Geburt gibt es Frauen, die sagen, dass sie nicht mehr können. Wir reden mit Engelszungen mit ihnen, ermutigen sie. Aber wenn eine Frau weiter eine Sectio will, machen wir das.

Wie vielen Kindern haben Sie auf die Welt geholfen?

Wiebringhaus: 5000 bis 6000.

Werden die Kinder und Geburten angesichts solcher Zahlen zur Nummer?

Wiebringhaus: Nein, die Geburt ist ein so besonderer Akt im Leben eines Menschen. Ich habe bis zuletzt Geburten begleitet. Wenn ich dann nachts um 3 Uhr gerufen wurde und auf dem Fahrrad in die Klinik fuhr, habe ich auf meinen Job geschimpft. Das wurde weniger, wenn ich die Klinik betreten habe. Und im Kreißsaal war es weg.

Ich kenne viele Frauen, die erzählen, ihre Geburten seien ein Horror gewesen. 

Wiebringhaus: Ich nicht. Unter der Geburt verfluchen viele Frauen sich und die Situation, die Schmerzen. Aber wenn das Kind da ist – wissen Sie, wie schnell ein Lächeln auf dem Gesicht der Mutter erscheint? Eine Geburt ist immer wundervoll, wenn nichts fundamental schiefgeht. Aber sie ist eine Grenzerfahrung.

Wie sind Sie eigentlich in der Frauenheilkunde gelandet?

Wiebringhaus: Ich wollte zunächst Sportmediziner werden. Aber mir ist eine Stelle durch die Lappen gegangen. Ich wechselte in die Frauenheilkunde. Später hat man mir die sportmedizinische Stelle noch angeboten. Da wollte ich sie nicht mehr. Mir hat die Frauenheilkunde so viel Spaß gemacht. Hauptsächlich wegen der Frauen, die sind tolle Patientinnen. Ich habe sowieso hohen Respekt vor Frauen.

Als Sie in der Barbara-Klinik angefangen haben, gab es in Hamm fünf Frauenkliniken.

Wiebringhaus: Es war klar, dass diese Struktur nicht erhalten bleiben würde. Wir mussten uns Gedanken machen, wie wir als Frauenklinik ohne angeschlossene Kinderklinik überleben sollten. Ich wollte die Behandlung für Brustkrebspatientinnen ausbauen und optimieren. Ende der 1990er Jahre bin ich zu meiner Frau gegangen und habe gesagt: „Bist du einverstanden, die nächsten fünf bis sieben Jahre weitgehend auf mich zu verzichten? Ich möchte ein Brustzentrum gründen.“ Sie hat damals zugestimmt. 1999 erhielten wir die Zulassung.

Was wird im Brustzentrum gemacht? 

Wiebringhaus: Wir behandeln Patientinnen mit Brustkrebs. Pro Jahr kommen etwa 300 Frauen mit Neuerkrankung zu uns. Die Arbeit hier hat hervorragend funktioniert, aufgrund des tollen Teams. Leider haben sich die Rahmenbedingungen seit der Gründung stark verändert.

Inwiefern? 

Wiebringhaus: Die Krankenhausfinanzierung ist viel schlechter geworden. Wir haben Aufgaben dazubekommen, für die uns Geld und Personal fehlen. Geld bräuchten wir von der Landesregierung. Und Personal zu finden, ist schwierig. Das hat auch damit zu tun, dass in meinem Fachgebiet fast 90 Prozent der Neueinsteiger Frauen sind. Das ist an sich kein Problem, aber viele Frauen wollen neben dem Beruf eine Familie gründen, und aufgrund dieser Doppelbelastung nicht so viel arbeiten.

Wie viele Stunden haben Sie pro Woche gearbeitet? 

Wiebringhaus: In der heißen Phase 80, 82 Stunden.

Da haben Sie Ihre Familie aber nicht mehr gesehen. 

Wiebringhaus: Doch! Wenn ich nicht gearbeitet habe, stand meine Familie an erster Stelle. Ich habe eine fantastische Familie, besser geht’s nicht.

Hat Ihre Frau gearbeitet? 

Wiebringhaus: Ja. Als die Kinder klein waren, hat sie allerdings für ein paar Jahre ausgesetzt, und danach zunächst in Teilzeit gearbeitet.

Wenn Frauen und Männer beide so arbeiten wie Sie früher und Kinder haben: Ist das überhaupt möglich?

Wiebringhaus: Sicher. Aber es ist schwieriger. Man bezahlt einen Preis, immer.

Sie auch? 

Wiebringhaus: Vielleicht. Ich habe vor vier Jahren einen Schuss vor den Bug bekommen.

Dr. Wiebringhaus im November 2002.

Was ist passiert? 

Wiebringhaus: Ich bin zusammengebrochen – Kammerflimmern. Meine Söhne mussten mich reanimieren. Das war auf 3000 Meter Höhe bei einer Skitour. Zum Glück sind sie Ärzte; einer hatte gerade als Notarzt angefangen. Die beiden haben alles gegeben. Nach mehr als einer Stunde kam der Rettungshubschrauber. Danach musste ich vier Monate aussetzen.

Haben Sie etwas geändert? 

Wiebringhaus: Ich delegiere mehr als früher. Und arbeite nur noch etwa 60 Stunden.

So wenig ist das auch nicht. Was wollen Sie als Rentner mit Ihrer Freizeit machen? Wiebringhaus: Dann habe ich Zeit für Sport, meine Eisenbahn, zum Reisen. Ich möchte mein Englisch und Spanisch perfektionieren. Außerdem werde ich sicher als Consultant in der Klinik bleiben und ab und an Rat geben.

Was wird Ihnen aus Ihrem Berufsleben besonders in Erinnerung bleiben? 

Wiebringhaus: Die Patienten. Ein Beispiel: Wir hatten eine Patientin, bei der vieles gegen eine vaginale Geburt sprach. Aber sie wollte das unbedingt. Während der Geburt wollte und wollte das Kind nicht kommen. Ich habe mit vollem körperlichen Einsatz mitgeholfen. Am Ende hat es geklappt. Auch, wenn ich danach für ein halbes Jahr Rückenschmerzen hatte.

Warum? 

Wiebringhaus: Weil ich mir den achten Brustwirbel ausgerenkt habe. Aber das war es wert.

Zur Person:

Dr. Hermann Wiebringhaus arbeitete nach dem Medizinstudium zunächst in der Allgemein- und Gefäßchirurgie. 1982 wechselte er in die Frauenheilkunde. Seit 1994 arbeitet er an der St.-Barbara-Klinik in Heessen.

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