Urlauber schwören drauf

Campingplatz am Kraftwerk als Oase inmitten des Trubels

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Einen der begehrten Stellplätze an der Lippe haben Klaus und Gabriele Blümel ergattert. Sie gehören seit 2007 zu den Dauercampern. Den Anblick des abends beleuchteten Kraftwerks genießen sie sogar

Lippetal/Uentrop - Camping-Urlaub an der Autobahn und ein Kraftwerk direkt vor der Haustür? Auf dem Campingplatz Uentrop haben die Bewohner damit seit vielen Jahren kein Problem. Im Gegenteil: Sie schwören auf ihre kleine Oase.

Von Thomas Hippel

Sommerzeit ist Campingzeit – doch wohin soll die Reise gehen? Wie wär’s denn mal mit ein paar netten Tagen an einer Autobahnabfahrt, in Nachbarschaft zu einem Kohlekraftwerk und unter Hochspannungsleitungen? Für die Bewohner des Campingplatzes Uentrop ist dieses für manche sicher zunächst befremdliche Szenario schon lange Realität – und trotzdem schwärmen die Campingfreunde von ihrem Idyll an der Lippe.

Es tröpfelt ganz leicht vom Himmel an diesem Morgen; graue Wolken sind aufgezogen. Das Rauschen der direkt angrenzenden Autobahn A2 ist hier inzwischen zu einem regelmäßigen Begleiter geworden. Auch heute sind die in nicht allzu weiter Entfernung und in hoher Geschwindigkeit verkehrenden Fahrzeuge deutlich zu hören. „Wie soll da bitte schön Gemütlichkeit aufkommen?“, wird der ein oder andere sich fragen.

„Geräuschkulisse stört überhaupt nicht“

Doch den Mann, der gerade in einem Stuhl vor seinem Campingwagen sitzt, durch eine Markise vor dem Regen geschützt, scheint die Geräuschkulisse überhaupt nicht zu stören. Im Gegenteil: Beim Blick auf den Rentner wird jedem Betrachter sofort klar: Hier ist ein Mann im Urlaub. Auf dem Boden liegt bereits ausgepackt der Grill, fertig zum Aufbau, und auch die Fahrräder stehen schon fahrbereit auf der Rasenfläche vor dem Wohnmobil. Hans-Dieter Bock aus Lüdenscheid ist gerade auf dem Campingplatz angekommen und dabei, sich häuslich einzurichten. Gemeinsam mit seinen Enkeln Moritz und Eva will er die nächsten fünf Tage hier verbringen und Fahrradtouren und Ausflüge mit dem aufblasbaren Kanu unternehmen.

Unter Hochspannungsleitungen und in der Nähe des Kohlekraftwerks liegt der Campingplatz Uentrop. Doch trotz des Ausblicks auf den grauen Koloss und trotz der Geräuschkulisse der benachbarten A2 fühlen sich viele Camper hier wohl.

„Wir sind damals eher zufällig hier gelandet, aber der Platz hat uns gleich überzeugt, von der schönen Gestaltung bis hin zu den sehr ordentlichen sanitären Anlagen“, sagt Bock, der im vergangenen Jahr erstmals auf den Campingplatz aufmerksam geworden ist. Gut, wirklich ruhig sei es hier natürlich nicht, räumt er ein, und als er im letzten Jahr mit dem Fahrrad über die Dolberger Straße zum Autohof fahren wollte, um Brötchen zu holen, sei er froh gewesen, als er dort heil angekommen sei. Aber man könne hier eben richtig schön wohnen. „Die Geräusche der Autobahn und der Blick auf das Kraftwerk, das stört uns hingegen überhaupt nicht“, so Bock. Lediglich die fehlende Anbindung an die Radwege sei ein Wehrmutstropfen mit Blick auf die ansonsten schöne Anlage.

Das sieht auch Achim Helbach so. Der Betreiber, dessen Großvater den Campingplatz 1957 eröffnet hatte, wünscht sich schon seit langem einen direkten Anschluss ans Radwegenetz. Bislang müssten Radtouristen vom Campingplatz bis zur Römer-Lippe-Route noch eine Distanz von gut drei Kilometern zurücklegen, was natürlich nicht so optimal sei. Den Grund, warum sich an dieser Front bislang nichts tut, meint Helbach in der Lage des Campingplatzes erkannt zu haben. „Offenbar verliert der Kreis Soest zum Randgebiet hin zunehmend das Interesse“, gibt er leicht frustriert zu Protokoll.

Durchreisende und Dauercamper

Ansonsten sieht Helbach die Lage des Campingplatzes an der A2-Ausfahrt Hamm-Uentrop/Ahlen/Soest/Lippetal aber eher als Segen denn als Fluch: „Für uns macht das so durchaus Sinn. Gerade Camper, die auf dem Weg in den Urlaub sind und mal für ein paar Stunden Erholung suchen, gelangen so ja schnell zu uns.“ Oftmals würden etwa Skandinavier auf ihrem Weg in die südlichen Gefilde Station am Lippetaler Campingplatz machen. Neben den Durchreisenden befänden sich unter Helbachs Kundschaft aber auch eine ganze Reihe Dauercamper, die dem Platz teilweise seit über 40 Jahren die Treue halten würden, wie der Betreiber sagt.

Zu diesen Dauergästen gehören auch Klaus und Gabriele Blümel aus Gelsenkirchen. Über die Eltern des Schwiegersohnes – ebenfalls begeisterte Uentrop-Camper – hatten die beiden Rentner von dem Platz erfahren. Nun verfügen sie seit 2007 ebenfalls über ein Domizil dort, konnten sich sogar einen der heißbegehrten Plätze direkt an Ufer der Lippe sichern.

Hier sitzt Klaus Blümel an diesem Morgen auch auf seiner gefliesten Terrasse – den Blick auf die Kühe gerichtet, die friedlich auf einer Wiese am gegenüberliegenden Ufer des Flüsschens grasen. Am Horizont dahinter erhebt sich das Kraftwerk in den wolkenverhangenen Himmel. Für die Blümels ist der graue Koloss aber kein Grund, sich nicht heimisch zu fühlen.

Das weiße Spitzendeckchen auf dem Tisch, die Orchidee in der lila Vase oder auch die fröhlich dreinblickenden Keramik-Enten, die die Terrasse des Paares schmücken, sprechen hier eine ebenso deutliche Sprache wie das grüne, hölzerne Willkommensschild in Form einer Blume, das über dem Hintereingang hängt: Klaus und Gabriele Blümel fühlen sich wohl auf dem Campingplatz Uentrop.

„Es gibt durchaus schlimmere Ecken“

„Ich kann mich stundenlang hier hin setzen und die Tiere beobachten“, sagt Klaus Blümel. Die Autobahn höre er so gut wie gar nicht, eher noch die Hauptstraße. Und auch der Ausblick auf das Kraftwerk schmälere sein Camping-Vergnügen in keinster Weise, sondern vergrößere dieses sogar noch. „Das ist wirklich ein traumhafter Anblick, wenn man hier abends im Dunkeln sitzt und dann das beleuchte Kraftwerk sieht“, sagt der 63-Jährige, „oder auch bei Gewitter, wenn da die Blitze schön reingehen.“

Sein Fazit für den Campingplatz von Achim Helbach fällt dann auch als Ritterschlag Marke Ruhrpott aus: „Es gibt durchaus schlimmere Ecken.“

Und auch Ehefrau Gabriele ist voll des Lobes, findet den Platz ausgezeichnet und zeigt sich immer wieder erfreut ob der vielfältigen Flora und Fauna: „Hier hat man alles, was kreucht und fleucht, und zudem genießen wir als Camper alle Freiheiten. Es ist einfach wunderbar – sonst kämen wir ja auch nicht schon seit so vielen Jahren her.“

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