Zwei Hilbecker und ihr 12-Tonnen-Haus

Feuerwehrauto wird Campingmobil: Ehepaar baut Lebenstraum auf Rädern

Der Förderturm – sinnbildlich für das Ruhrgebiet – geht mit auf Reisen.
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Der Förderturm – sinnbildlich für das Ruhrgebiet – geht mit auf Reisen.

„Das ist es“, waren sich zwei Hilbecker sofort einig. Ein Lebenstraum auf zwei Rädern wird gerade auf vier gestellt und wiegt zwölf Tonnen.

Hilbeck – Mit dem Motorrad die Panamericana-Route abfahren – dieser Wunsch begleitet Friedrich May bereits seit vielen Jahren. Im kommenden Jahr wird Südamerika Realität, allerdings etwas modifiziert. Immer mit eingebunden: Ehefrau Heidrun, die auch den Anstoß für die Modifikation gab. „Über Monate im Zelt?“, blickte sie skeptisch auf die Pläne ihres Mannes und stieß das Umdenken im Hause May an.

Dabei herausgekommen ist ein selbst geplantes und in großen Teilen selbst ausgebautes Expeditionsfahrzeug. Eine Fernseh-Dokumentation gab letztlich den Ausschlag für den neuen Plan, den sie im November 2019 mit dem Kauf eines schweizer Feuerwehrfahrzeugs, (Baujahr 1987) in die Tat umsetzten. Seit eineinhalb Jahren wird seither der in einem vorher erstellten Modell geplante Um- und Ausbau umgesetzt. „In Ruhe und richtig“, schildert Heidrun May, sollten Planung und Ausführung angegangen werden. Fast fertig steht jetzt eine Wohnung auf, wohlgemerkt sehr hohen, Rädern vor der Tür. „Ein Haus, komplett pistenfest“, beschreiben sie ihr Expeditionsmobil.

Offroad und Allrad waren die Zauberworte beim Ehepaar, soll auch fernab der gängigen Fernstraßen das Land erkundet werden. 3,60 Meter Höhe und neun Meter Länge bergen viel Platz für diverse Verfeinerungen. „Etwas Komfort“, so Friedrich May, sollte es sein, sind nach Camping-Maßstäben das Bad mit 1,3 Quadratmetern und das Bett mit immerhin 1,60 Metern Breite großzügig bemessen. Mit Küchenzeile und Sitzecke soll es lange das Heim des seit 26 Jahren verheirateten Ehepaars werden. „Ohne Zeitlimit“, so die beiden Hilbecker, möchten sie die Zeit genießen, sprechen sie nicht nur von einem wenige Monate umfassenden Zeitraum ihrer Reise.

Stolze Bewohner im Lebenstraum auf zwei Rädern.

Die Technik spielt eine wichtige Rolle

„Was braucht man wirklich im Alltag?“, fragten sie sich. Der Stauraum ist durchdacht, aber eben begrenzt. „Man sieht, was man macht“, ist der Ausbau für den Ingenieur und die Musikerin schon ein Erlebnisfaktor. „Es macht Spaß“, die im Mai 2020 gelieferte Wohnbox mit 5,50 Metern Länge, 2,40 Metern Breite und 2 Metern Höhe einzurichten, sagen sie.

Dass dabei die Technik einen nicht unerheblichen Anteil hat, entnimmt man ebenso den leidenschaftlichen Ausführungen. Mit einer Solaranlage, 500-Liter-Frischwassertank inklusive Filteranlage und 350-Liter-Abwassertank gehen sie davon aus, bis zu drei Wochen autark, ohne nennenswerte Zivilisation, zurechtzukommen. Die Lebensmittel sollen unverderblich gelagert werden. Eine in den Stauraum integrierte Kühlbox und ein Kühlschrank, bei dem sie „Wochen für die Kaufentscheidung“ brauchten, gehörten zwingend dazu.

Maßanfertigung: Alle Möbel wurden selber gebaut.

Ganz ohne Fachleute ging es nicht. Das Fahrgestell musste so ausgearbeitet werden, dass die Wohnbox bei Fahrmanövern im Gelände keinen Schaden nimmt. Das Führerhaus wurde vergrößert und erlaubt einen direkten Durchgang in den Wohnbereich. Eine Reling soll die empfindlichen Solarpaneele auf dem Dach schützen.

Damit der Aufenthalt bei Kälte oder auch Hitze nicht unangenehm wird, ist die Wohnbox sechs Zentimeter dick gedämmt und hat isolierte Fenster. Nicht zuletzt musste das Fahrzeug den Anforderungen für die Betriebserlaubnis einer Kfz-Prüfstelle entsprechen.

Friedrich May liegt es besonders am Herzen, sich auch „bei den drei ausführenden Werler Firmen zu bedanken: Werneke Fahrzeugbau, Autoglas Müller und Holztec“, die ihre Fachkompetenz bei der sicherlich nicht alltäglichen Aufgabe nach den Planungen des Ehepaars einbrachten. Friedrich May kann dem Fahrzeugbauer jederzeit über die Schultern schauen – durchaus mit ernsterem Hintergrund, hofft er, sich im Falle eines Defekts selber helfen zu können. „Wir setzen auf Mechanik“ betont Friedrich May, ist vieles mit handwerklichen Mitteln zu beheben. Mitgeführt wird auf einem Heckträger ein geländegängiges Motorrad, welches das Ehepaar für Einkäufe oder Besichtigungen flexibler macht. Und natürlich einen Hauch der ursprünglichen Pläne des passionierten Motorradfreundes Friedrich May in sich birgt.

Das Badezimmer mit den sanitären Einrichtungen und dem Durchschlupf zum Führerhaus.

Bis die Hilbecker ihn tatsächlich sehen, wird noch etwas Wasser den Amazonas herunterfließen. Aber bereits in diesem Jahr, sofern es Corona zulässt, werden sie die 280 Pferdestärken schon auf mehrwöchigen Testtouren ins europäische Ausland bewegen. „Das ist auch nötig“, betont Heidrun May, um sich Vertrauen und Routine mit dem ungewöhnlichen Fahrzeug anzueignen. Eine eigens erarbeitete Checkliste soll gewährleisten, dass nach jedem Aufenthalt keine Details vergessen werden. Angefangen vom Verschließen der Entlüftung des Wassertanks bis hin zur letzten verschlossenen Schublade. Alles muss gegen ungewolltes Öffnen oder Herunterfallen während der Fahrt, gerade auch bei dem unwegsamen Gelände, gesichert sein.

Seit 34 Jahren sind die 57-Jährigen ein Paar und es war dem Alltag geschuldet, die Pläne erst jetzt verwirklichen zu können. „Jetzt haben wir die Zeit und die Möglichkeit“, freuen sie sich auf die kommende Zeit, sind doch ihre beiden Kinder erwachsen und stehen mitten im Leben. Sie selbst haben ihre berufliche Laufbahn abgeschlossen

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