Bussarde jagen Tauben im Hammer Bahnhof

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In den kommenden Wochen will sich Lothar Ciesielski auf den Einsatz im Bereich der Bahnsteige konzentrieren.

HAMM - Mit wenigen Flügelschlägen steigt Gandalf in die Höhe und lässt sich auf einem der drei riesigen Kronleuchter der Empfangshalle nieder. Neugierig schaut er sich um. Nach einigen Minuten der erste Angriff:

ie Tauben, die soeben noch mit gesenkten Köpfen auf Mauervorsprüngen ruhten, schrecken auf und flüchten auf die andere Seite der Halle. So geht es in einem fort, und mit Jimmy mischt sich ein zweiter Amerikanischer Wüstenbussard ins Geschehen ein. Was für die Greifvögel wie ein Spiel aussieht, ist für die Tauben „Stress pur“, sagt Lothar Ciesielski. Der Berufsfalkner ist für die Deutsche Bahn im Einsatz und hat mit seinem Mitarbeiter Kilian Karrasch schon mehrfach den hiesigen Bahnhof aufgesucht. Nachts, wenn nicht so viele Reisende unterwegs sind. Die Hoffnung: Irgendwann wird’s den Tauben zu bunt und sie meiden das Gebäude, geben ihren Standort auf.

Bussarde jagen Tauben im Hammer Bahnhof

 Fünf Tauben haben sich in dieser Nacht in der schmucken Halle einquartiert. „Wir hatten hier anfangs dreimal so viele, und Nester gebaut hatten sie auch“, berichtet Ciesielski. Plötzlich ein kurzer Aufschrei. Taubenfedern schweben zu Boden. Offensichtlich hat einer der Bussarde gerade mit seinen spitzen Krallen zugepackt. Getötet werden die Tauben bei den Einsätzen aber eher selten. „Wir können das durch Belohnung steuern“, erklärt der 52-Jährige. Beide Falkner tragen Eintagsküken in ihren Taschen. Damit locken sie die Vögel auch zurück auf ihre Lederhandschuhe.

 In der Halle und auf den Bahnsteigen haben die ganzjährig brütenden Tauben optimale Bedingungen – und sie kehren gern dorthin zurück, wo sie geschlüpft sind. Faktoren, die eine ökologische Taubenvergrämung zu einer langwierigen Sache machen können. „Aber wenn man einmal Ruhe hat, dann oft für Monate oder vielleicht sogar Jahre“, meint Ciesielski. Eine der fünf Tauben sucht gerade das Weite und flüchtet durch den Haupteingang ins Freie.

Die Kotspuren an den Mauervorsprüngen und an den Wänden der Empfangshalle sind nicht zu übersehen.

 Dreck und Kot an Mauervorsprüngen und Wänden – die Bahn muss sich, wie jüngst von den Bezirksvertretern in Mitte, immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, sie lasse den vor rund 15 Jahren umfangreich sanierten Bahnhof zu einem Schandfleck verkommen. So genannte Spikes, Drahtstifte, die ein Niederlassen der Tauben verhindern sollen, Netze und eine Elektroschockanlage zeugen indes von dem Versuch, der Plage mit konventionellen Mitteln Herr zu werden. Wenn Ciesielskis Greifvögel in einigen Wochen ihren letzten Einsatz geflogen sind, will die Bahn entscheiden, wie es weitergeht. Auf jeden Fall ist eine intensive Reinigung der Wände angeraten.

 Von den Spikes lassen sich die Wüstenbussarde nicht abschrecken. „Sie brüten in ihrer Heimat auf riesengroßen Kakteen“, erläutert Ciesielski. Für den Einsatz in Gebäuden seien die Tiere als Kurzstreckenjäger und Nesträuber nahezu ideal. Auch Deutsche Habichte kommen zum Zug. Allesamt Tagjäger, wurden sie speziell auch für Nachteinsätze trainiert.

 Insgesamt hält der Falkner acht Greifvögel zur Vergrämung, darunter auch Asiatische Saker- und hiesige Wanderfalken. Letztere eignen sich eher für den freien Luftraum. Beim Sturzflug erreichen diese prächtigen Flieger Geschwindigkeiten von bis zu 350 Kilometern pro Stunde. Auch der Kölner Bahnhof, der Düsseldorfer Landtag, Einkaufszentren und viele andere Gebäude werden von Ciesielski aufgesucht.

 Die Taubenplage grassiert in vielen Städten und ist nicht zuletzt Folge des großen Nahrungsangebotes dort. Verschlimmert wird die Lage durch Menschen, die die Vögel aus falsch verstandener Tierliebe unerlaubt füttern. Ciesielski und sein Mitarbeiter wollen sich bei ihren nächsten rund 90-minütigen Einsätzen in Hamm auf die Bahnsteige konzentrieren. An Gleis fünf und sechs fühlen sich die Tauben besonders wohl – aber hoffentlich nicht mehr lange.

 Eine dauerhafte Lösung des Taubenproblems im Bahnhof sieht Ciesielski nicht, wohl aber eine Möglichkeit, es zu steuern. So könnten in Hamm, nach Vorbild in anderen Städte, Taubenhäuser installiert werden. Die Idee: Durch den Tausch von Eiern, echte Taubeneier durch Attrappen, wird die Population eingedämmt. Dazu sollten sich Bahn und Stadt zusammentun, statt sich gegenseitig die Schuld für die aktuelle Situation zuzuweisen, unterstreicht Ciesielski. Die Taubenhäuser müssten gesundheitlich überwacht und kontinuierlich betreut werden, damit die Tiere den Problemzonen dauerhaft fernblieben.

 Die Falknerei entstand laut Ciesielski vor rund 3 500 Jahren in den Steppen Asiens. Im Zweiten Weltkrieg haben die Engländer Falken eingesetzt, damit Vogelschwärme Starts und Landungen ihrer Flugzeuge nicht behindern. Ciesielski selbst wurde sein Beruf in die Wiege gelegt. Schon sein Vater züchtete erfolgreich Greifvögel.

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