Großer Knick in der Bilanz

Stadtwerkebilanz bricht ein: Bus-Betriebe fürchten hohe finanzielle Einbußen

Die Corona-Krise trifft die Bus- und Bahnbetriebe hart.
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Die Corona-Krise trifft die Bus- und Bahnbetriebe hart.

Bus- und Bahnbetrieben drohen in der Corona-Krise Millionen-Verluste. Bei den Stadtwerken und dem Busunternehmen Breitenbach ist von deutlichen Mindereinnahmen die Rede, beziffern lassen sich die Verluste den Unternehmen zufolge aber noch nicht. Für den Bahnverkehr geht der Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) allein für März und April von 59 Millionen Euro Verlust aus.

Hamm – Das Prinzip ist einfach: Weil seit Mitte März die Fahrgastzahlen im öffentlichen Personennahverkehr einbrechen, schwinden auch die Einnahmen der Verkehrsbetriebe dramatisch. Bis zu 90 Prozent der Fahrgäste seien in einigen Bereichen weggeblieben, heißt es beim NWL, der für den Bahnverkehr und Tarife zuständig ist. Gleichzeitig sollten Busse und Bahnen weiterfahren, möglichst in dichten Takten, damit die wenigen Fahrgäste sich in den Wagen auch weit verteilen können.

Da die Busfahrer zwecks Infektionsschutz keinen Kontakt mit den Fahrgästen haben sollen, fällt auch der Fahrkartenverkauf im Fahrzeug weg.

Finanzielle Einbußen bis Ende des Jahres befürchtet

Für die Finanzen der Betriebe hat das dramatische Konsequenzen: Der Verband der Verkehrsunternehmen (VDV) schätzt die Mindereinnahmen für seine bundesweit 600 Mitgliedsbetriebe auf etwa 1 Milliarde Euro, bis zum Jahresende könnten es 5 Milliarden sein. Beim NWL kommt man für 2020 bereits jetzt auf einen Verlust von 59 Millionen Euro – sofern sich die Verhältnisse im Mai normalisieren.

Die Hammer Stadtwerke wollen vorerst keine detaillierten Zahlen zu möglichen Verlusten im Bus- und Bäderbereich veröffentlichen, gehen aber von deutlichen Einnahmeverlusten aus. Die Zahlen müssten erst geprüft und dem Aufsichtsrat vorgelegt werden, sagte eine Unternehmenssprecherin. Die nächste Aufsichtsratssitzung findet nach derzeitigem Stand am Montag, den 8.Juni statt. Der Bäder- und der Verkehrsbetrieb der Stadtwerke verzeichnen in der Corona-Krise erhebliche Einnahmeverluste. Sämtliche Frei- und Hallenbäder sind geschlossen, für die Mitarbeiter gilt dort Kurzarbeit.

Auch das Privatunternehmen Breitenbach bekomme den fehlenden Fahrkartenverkauf zu spüren, sagt Geschäftsführer Nikolai Weber. Die Konsequenzen für das Unternehmen könne man noch nicht abschätzen.

Unterstützung aus Düsseldorf

Eine kleine Finanzspritze haben die Unternehmen vom Land erhalten. Das Düsseldorfer Verkehrsministerium hat Fördermittel, die im Laufe des Jahres an Bus- und Bahnbetreiber gehen sollten, vorzeitig freigegeben. Zwei Millionen Euro waren das nach Stadtangaben für Hamm, das Geld ging an Stadtwerke, Breitenbach, RLG und VKU.

Wie die Finanzierungslücke geschlossen werden kann, weiß man derzeit weder im Rathaus, beim NWL noch in den einzelnen Unternehmen. Der NWL finanziert sich aus Landes- und Bundesgeldern und hofft auf höhere Zuweisungen. Mehr Engagement aus Berlin und Düsseldorf fordert auch der VDV, es solle einen Rettungsschirm für den kommunalen Nahverkehr geben.

In Hamm sind die Verluste im Busverkehr bisher im Stadtwerkeverbund durch Gewinne im Energiegeschäft aufgefangen worden. Die Gewinnabfuhr der städtischen Tochter werde man flexibel handhaben, sagte ein Stadtsprecher.

Kaum Fahrgäste in Bussen

Im Öffentlichen Personennahverkehr sind die Fahrgastzahlen deutlich zurückgegangen; außerdem verkauft das Fahrpersonal derzeit keine Fahrkarten mehr. Die Mitarbeiter des Verkehrsbetriebes sind nach zwischenzeitlicher Kurzarbeit überwiegend wieder voll im Dienst. Bäder und Busse wurden bereits bisher mit Verlusten betrieben, die innerhalb des Unternehmens durch die Gewinne anderer Bereich ausgeglichen wurden.

Der wieder auf Vor-Corona-Niveau hochgefahrene Busbetrieb wird bis auf Weiteres aufrechterhalten. Seit dem Schulstart am vergangenen Donnerstag fahren die Busse – mit Ausnahme der Nachtbusse – wieder normal nach dem altem Fahrplan. Schüler nutzen das Angebot bislang jedoch kaum.

Geschäftsbericht der Stadtwerke 2018

Der letzte Geschäftsbericht der Stadtwerke liegt für 2018 vor. Damals hatte die 100-prozentige Stadt-Tochter einen Gewinn von 10,3 Millionen Euro erwirtschaftet und damit – vor dem Hintergrund des Wettbewerbs auf dem Energiemarkt – die Eigenkapitalquote erhöht. Die Stadt erhielt 10,8 Millionen Euro als Konzessionsgebühr für Bäder- und Busbetrieb. Auf eine Gewinnabführung an den städtischen Haushalt, die in früheren Jahren 5 Millionen Euro betragen hatte, war 2018 bereits verzichtet worden.

Hamm: Eine Stadt im Corona-Schlaf (2)

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Abos laufen weiter

Bus- und Bahnfahrgäste, die ihre Monatstickets wegen der Coronakrise derzeit nicht nutzen können, haben in Hamm schlechte Karten. Die Stadtwerke räumen ihren Kunden keine Möglichkeit ein, derzeit ungenutzte Abonnements ruhen zu lassen. Das Unternehmen stellt sich damit gegen eine Empfehlung des Nahverkehrs Westfalen-Lippe (NWL). Hintergrund sind die wegbrechenden Einnahmen im Fahrkartenverkauf. 52,50 Euro kostet ein Monatsticket fürs Stadtgebiet im Abo; wer von Hamm nach Dortmund oder Münster pendelt, zahlt 152,90 Euro im Monat.

Viel Geld, wenn man die Fahrkarte nicht nutzen kann, weil die Arbeit im Homeoffice stattfindet oder erst mal ganz abgesagt ist. Kündigen und bei Bedarf ein neues Abo abzuschließen, ist umständlich, weil Fristen einzuhalten sind – und schließlich wissen viele Betroffene nicht, ob sie ihr Ticket nicht doch bald wieder brauchen. Der NWL, der in Westfalen Nahverkehr und Tarife koordiniert, setzt auf Kulanz und erwartet das auch von den einzelnen Verkehrsunternehmen, die wiederum die Abos verkaufen. Praktisch alle Unternehmen böten Kulanzregelungen an, sagte ein NWL-Sprecher.

Keine Kulanz für Stadtwerke-Kunden

Es geht in so einer Situation darum, Kunden langfristig zu halten, auch wenn Bus- und Bahnbetriebe in der Corona-Krise Einnahmen im Millionenbereich eingebüßt haben. Die Betriebe in den benachbarten Verkehrsverbünden Rhein-Ruhr (VRR) und Rhein-Sieg (VRS) machen von sich aus auf Kulanzregelungen aufmerksam: Die Verkehrsgesellschaften in Bochum, Düsseldorf und Köln weisen auf ihren Internet-Seiten auf die Möglichkeit einer Abo-Pause hin.

Bei den Hammer Stadtwerken sucht man allerdings vergeblich nach so einem Angebot. Der NWL-Empfehlung werde man nicht folgen, sagte eine Unternehmenssprecherin: Man habe den Betrieb ja nicht eingestellt, sondern weiterhin Leistungen angeboten. Deshalb gebe es auch keine Veranlassung für Erstattungen. Damit befinden die Stadtwerke sich immerhin in der Gesellschaft der größten deutschen Verkehrsbetriebe: Auch Berlin gewährt seinen Abo-Kunden keine Kulanz.

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