Nach Vergewaltigungs-Lüge sieben Jahre im Gefängnis

Hammer Justizopfer Thomas Ewers: Gerechtigkeit ist eine Illusion

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Einmal nicht auf der Anklagebank: Im Frühjahr 2014 verfolgte Thomas Ewers (stehend, dunkle Jacke links) an der Seite von seinem Rechstanwalt Dr. Michael von Glahn und der Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen seine Ex-Lebensgefährtin vor dem Dortmunder Landgericht als Nebenkläger.

Hamm - Gerechtigkeit siegt, heißt es im Volksmund. Doch die Realität sieht bisweilen anders aus. Fast sieben Jahre hat Thomas Ewers zu Unrecht im Gefängnis gesessen und ist damit Opfer eines der folgenschwersten Fehlurteile der jüngeren deutschen Rechtsgeschichte geworden.

Von der Hoffnung, die am 30. Juni 2014 aufkeimte, als das Landgericht Essen die Uhren auf Null zurücksetzte und den Bockum-Höveler von den inzwischen zwölf Jahre alten Vergewaltigungsvorwürfen freisprach, ist nicht viel geblieben. Kein Job, Hartz-IV-Bezug und nun auch noch eine drohende Invalidität: „Viel wird wohl nicht mehr passieren“, sagt der 49-Jährige über seine Lebensperspektiven.

Daran ändert auch nichts der jüngste und vermutlich letzte Entscheid, der in seiner Sache ergangen ist. Auf dem Papier ist Ewers zum Jahreswechsel ein vergleichsweise reicher Mann geworden. Das Landgericht Dortmund hat ihm am 12. Dezember 2016 einen Schmerzensgeldanspruch von 182.550 Euro zugesprochen. Bezahlen soll diese Summe seine Ex-Lebensgefährtin – jene Frau, die ihn im Jahr 2002 mit einer Lügengeschichte in den Knast befördert hatte.

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Die Chance, auch nur einen Bruchteil dieses Geldes zu erhalten, tendiert gen Null. Die 44-Jährige steht seit Jahr und Tag beim Job-Center im Leistungsbezug. Und dass sich daran noch einmal Grundlegendes ändert, ist nicht zu erwarten. So ist der juristische Titel gegen die Frau, den Ewers die nächsten 30 Jahre in Händen halten wird, wohl nur ein Muster ohne Wert. Eine von der Justiz verbriefte Illusion – wie so vieles seit seiner Rehabilitation.

2434 Tage unschuldig im Gefängnis

2434 Tage hat der Bockum-Höveler unschuldig im Gefängnis gesessen. Bis zum letzten Tag musste er seine Strafe ohne jede Lockerung im geschlossenen Vollzug verbüßen, weil er seine „Taten“ wie schon bei seiner Verurteilung am 18. Juli 2002 stets bestritten hatte und deshalb von der Anstaltsleitung als unbelehrbar abgestempelt worden war.

In der JVA Werl hatte er aber nicht nur die Tage bis zu seiner Entlassung gezählt, sondern wie jeder Häftling auch gearbeitet – und zwar regelmäßig. Zunächst in der Werkstatt, später, nach einer Ausbildung zum Koch, in der Knastküche. Kein einziger Cent wurde aufgrund dieser Tätigkeiten an die Rentenkasse abgeführt – auch dann nicht, als feststand, dass mit ihm jemand Unschuldiges eingesessen hatte. Ein entsprechender Antrag seines Rechtsanwalts Dr. Michael von Glahn wurde 2016 abgelehnt.

Thomas Ewers (links) mit seinem Anwalt Dr. Michael von Glahn.

Arbeiten wollte der Bockum-Höveler auch ab jenem 13. März 2010, als er seine Füße erstmals wieder vor die Gefängnistore setzen durfte. Doch einen wie ihn, einen laut polizeilichem Führungszeugnis rechtskräftig verurteilten Vergewaltiger, der zudem von der Kripo im Rahmen des so genannten „Kurs-Programms“ (Konzept zum Umgang mit besonders rückfallgefährdeten Straftätern) weiterhin überwacht wurde, wollte kein Gastronom in seinem Betrieb einstellen. Zumindest nicht in der von Ewers erreichbaren Umgebung. Seinen Führerschein hatte der damals 41-Jährige nämlich nicht mehr. Kurz vor seiner Inhaftierung war er mit einem Fahrverbot belegt worden; wegen der langen Haftzeit galt die Fahrerlaubnis schließlich als komplett verwirkt.

Eine einzige Entschuldigung von offizieller Seite

Ewers sollte nach seiner Entlassung den Führerschein neu machen, die Führerscheinstelle pochte sogar auf das Absolvieren einer Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) – im Volksmund der Idiotentest. Auch als feststand, dass er zu Unrecht verurteilt worden war, änderte sich daran nichts. Ewers kam zwar um die MPU herum, musste aber noch einmal die Fahrprüfung in Theorie und Praxis ablegen – und er musste seinen Führerschein komplett aus eigener Tasche bezahlen.

Lediglich einmal wurde ihm staatlicherseits so etwas wie eine Entschuldigung zuteil. Das war an jenem 30. Juni 2014, als sich Richter Dr. Markus Dörlemann zum Abschluss des Wiederaufnahmeverfahrens in Essen mit tatsächlich ungekünstelter Aufrichtigkeit an den Bockum-Höveler wandte. „Für das, was Sie erfahren haben, fehlen uns die Worte. Wir fühlen mit Ihnen“, hatte der Vorsitzende erklärt und einen Satz folgen lassen, der schon an jenem Tag wie ein düsteres Omen geklungen hatte: „Dieses Urteil stellt das Recht wieder her, schafft aber keine Gerechtigkeit.“

„Ihr wollt den doch nicht zum Helden machen...“

Vier Jahre hatte der Bockum-Höveler auf diesen Tag warten müssen, nachdem am 7. Juni 2010, drei Monate nach seiner Entlassung, das geschehen war, was er selbst nicht mehr für möglich gehalten hatte. Seine Ex-Lebensgefährtin hatte sich damals zunächst der gemeinsamen Tochter offenbart und schließlich ein knappes Schreiben aufgesetzt. Inhalt: Die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Thomas Ewers sind frei erfunden gewesen. Ihr neuer Lebenspartner, mit dem sie ebenfalls ein Kind bekommen hatte, habe sie zu den falschen Beschuldigungen gedrängt und ihr gedroht, den Säugling umzubringen. Die Beziehung zu diesem Mann hatte sie 2010 beendet und nunmehr ihr Gewissen entlasten wollen.

Trotz der neuen Faktenlage hatte die Justiz keine Eile, ihren eigenen Fehler zu korrigieren. Ewers hatte sich mit dem Geständnisschreiben an Rechtsanwalt von Glahn gewandt, der im folgenden Dezember eine Strafanzeige gegen die Frau erstattet hatte. Im Oktober 2011 schließlich erhob die Staatsanwaltschaft Dortmund Anklage wegen mittelbarer Freiheitsberaubung. Der Vorwurf der Falschaussage war bereits verjährt.“

Reichlich Vorstrafen angehäuft

„Kein Termin für Thomas E.“ titelte der WA in der Folge und erntete dafür in Polizeikreisen zunächst nur ein Kopfschütteln. „Ihr wollt den doch nicht noch zum Helden machen...“, hieß es.

Klar, Ewers war schon in jungen Jahren mit dem Gesetz in Konflikt geraten und hatte reichlich Vorstrafen angehäuft. Mit 15 war er das erste Mal straffällig geworden, mit 18 hatte es den ersten Jugendarrest gesetzt. Betrügereien, Einbrüche in Keller und Garagen, Drogendealereien und Körperverletzungen hatten sich aneinander gereiht. Aber Ewers war in diesem Fall nun einmal unschuldig. „Die eine Hälfte meines Lebens habe ich mir selbst versaut, die andere dieses Verfahren“, sagt er heute über sich.

Vielleicht hatte er allerdings auch nie eine wirkliche Chance, in der Gesellschaft Fuß zu fassen. 1968 geboren, war er mit vier Schwestern zunächst in Heessen aufgewachsen. Er war sieben, als sich seine Eltern, eine Hausfrau und ein ungelernter Schreiner, scheiden ließen. Niemand kam mit ihm zurecht. Von der ersten Klasse wurde er in den Vorschulkindergarten zurückversetzt, anschließend folgte der Besuch einer Sonderschule. Mit zwölf Jahren landete er im hessischen Schweicheln in einem Erziehungsheim. Drei Jahre dauerte der Aufenthalt, in der neunten Klasse wurde er schließlich aus der Sonderschule entlassen.

Einer, mit dem man sich besser nicht anlegte

Zurück in Hamm, brach er ein Berufsvorbereitungsjahr auf der Zeche ebenso ab wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme als Maurer. Ewers war einer, dem die Rentner vom Gartenzaun zuriefen, er solle sich endlich eine vernünftige Arbeit suchen. Aber er war auch einer, zu dem die Dorfjugend in Bockum-Hövel mit Respekt aufschaute. Einer, mit dem man sich besser nicht anlegte.

Dank seiner Gaunereien hatte er hatte meist mehr Geld in der Tasche als die rechtschaffenen Jungs, die auf die Meisterschule gingen. Wenn alle Stricke rissen, jobbte auch er auf dem Bau oder als Packer in einem Großlager.

Mit 19 hatte er seine vier Jahre jüngere Lebensgefährtin kennengelernt. Die Beziehung hielt acht Jahre, 1992 – Ewers war 23, sie 19 – wurde eine gemeinsame Tochter geboren. Am Lebensstil änderte sich deshalb gar nichts.

Nach der Trennung konnte Ewers nie ganz von seiner Ex-Partnerin, die nur ein paar Steinwürfe von ihm entfernt in Bockum-Hövel wohnte, lassen. Die junge Frau hatte Angst vor seinen Nachstellungen, und noch viel mehr ihr neuer Lebenspartner, den sie 1999 kennengelernt hatte. Ewers, so dachte das Paar, sollte aus ihrem ebenfalls am Rande der Gesellschaft geführten Leben verschwinden. Wenn nicht für immer, so doch für möglichst lange Zeit. Im Dezember 2001 ging die Frau zur Polizei und erzählte, dass sie von Ewers vergewaltigt worden sei – dreimal, in den Jahren 1997 und 2001.

Job-Center will die Haftentschädigung

„Ich hab’ das nicht getan“, entgegnete der Bockum-Höveler zwar immer wieder auf die Anschuldigungen, doch glauben wollte ihm das niemand. Vor allem nicht der Vorsitzende der V. Großen Strafkammer des Dortmunder Landgerichts, vor der er als 33-Jähriger am 18. Juli 2002 nach vier Verhandlungstagen schuldig gesprochen wurde. Nach der Revision vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe betrug das Strafmaß letztlich sechs Jahre und acht Monate.

Zwölf Jahre später saß die mittlerweile 41-jährige Ex-Lebensgefährtin auf der Anklagebank und wurde am 5. Mai 2014 zu einer Haftstrafe von drei Jahren und vier Monaten verurteilt. Ewers, der den Prozess als Nebenkläger verfolgte, hatte sechs Jahre und acht Monate für angemessen gehalten – eben jene Zeit, die er selbst im Gefängnis gesessen hatte. Bei der Urteilsverkündung erfuhr er zudem, dass „wegen der langen Verfahrensdauer“ das Gericht entschieden hatte, dass von der Strafe gegen die Frau (die bis dahin nicht einen Tag im Gefängnis gesessen hatte) sechs Monate bereits als verbüßt anzusehen seien.

Führungszeugnis erst Ende 2014 bereinigt

Anders als der Vorsitzende Richter im knapp zwei Monate später in Essen geführten Wiederaufnahmeverfahren hatte der Vorsitzende der 35. Strafkammer nicht ein aufmunterndes Wort für den Bockum-Höveler übrig gehabt. Ewers' polizeiliches Führungszeugnis wurde erst im Dezember 2014 von den falschen Vorwürfen bereinigt.

Für die im Knast verschenkten Lebensjahre erhielt Ewers eine Haftentschädigung. 25 Euro pro Hafttag wurden ihm von der Staatskasse zugestanden. In anderen EU-Staaten werden deutlich höhere Tagessätze gewährt (Niederlande bis zu 90 Euro pro Tag, Spanien bis zu 253 Euro/Tag). Rechtsanwalt von Glahn erwog einige Zeit, eine Verfassungsbeschwerde einzulegen – auch mit dem Wissen, dass ein Tagessatz von 100 Euro von Teilen der Justiz und auch des Deutschen Anwaltsvereins für angemessen angesehen werden.

Wegen der mangelnden Erfolgsaussichten nahm er von dem Vorhaben aber schließlich doch Abstand. Das Geld floss am 12. Dezember 2014 von der Generalstaatsanwaltschaft. Mit den 60.850 Euro beglich Ewers unter anderem seine Altschulden und kaufte sich einen Rottweiler. Das Job-Center scheiterte mit seinen Versuchen, dieses Geld auf den Leistungsbezug anrechnen zu lassen.

Die besten Lebensjahre im Knast verbracht

Fast zeitgleich, am 22. Dezember 2014, trat seine Ex-Lebensgefährtin in Bielefeld ihre Strafhaft an. Statt drei Jahren und vier Monaten (minus sechs Monate) kam sie nach 14 Monaten wieder frei. Bei ihr wurde – ähnlich wie im Fall des Fußball-Managers Uli Hoeneß – die so genannte Halbstrafenregelung angewandt. Das in der Strafprozessordnung festgelegte Instrument wird nur selten genutzt. In der Regel kommen verurteilte Straftäter in Deutschland nach zwei Dritteln ihrer Haftzeit auf Bewährung frei.

Wenn es so etwas wie die besten Jahre im Leben des Thomas Ewers hätte geben können, so hat er diese im Knast verbracht. Dort begannen auch die Schlafstörungen und Albträume, unter denen er bis heute leidet. Seit Jahren erzählt Ewers, dass er nachts stündlich wach werde und immer von demselben träume: vom Gefängnis und von brutalen Racheakten, die er an seiner Ex-Lebensgefährtin und deren Ex-Partner auslebe. Seine psychologische Behandlung sei irgendwann nicht mehr verlängert worden, sagt er. Ob er glaube, traumatisiert zu sein? „Na klar, ich denke schon.“

Aus der Perspektive, als Koch zu arbeiten, ist nie etwas geworden – trotz des neuen Führerscheins und des bereinigten Führungszeugnisses. Warum? Ewers antwortet mit einem Schulterzucken. Ein großer Redner ist er nie gewesen.

Nur noch für leichte Arbeiten zu verwenden

Seine Tage verlaufen seit Jahren im immergleichen Rhythmus: Früh aufstehen, lange mit dem Hund spazierengehen, frühstücken, die Freundin zur Arbeit fahren und auf den Abend warten. Geträumt hat er mal davon, eine Pommes-Bude zu eröffnen. Aber das nötige Inventar habe er nicht bezahlen können, sagt er.

Seine Kochmütze wird er nun wohl endgültig an den Nagel hängen müssen. Die Ärzte haben ihm wegen fortdauernder Bandscheiben- und Knieprobleme mit auf den Weg gegeben, dass er nur noch für leichte Arbeiten zu verwenden sei.

Immerhin eines ist ihm gelungen: Im Dezember 2016 hat Ewers ein weiteres, kleines Stück Rechtsgeschichte geschrieben, als der Schmerzensgeldentscheid gegen seine Ex-Lebengefährtin per Versäumnisurteil erging. Auf 75 Euro pro Hafttag wurde dieser zivilrechtliche Anspruch nicht nur vom Landgericht, sondern auch vom Oberlandesgericht Hamm (100 Euro minus Haftentschädigung) beziffert. Mit dieser Summe können nun auch künftige Justizopfer rechnen – und hoffen, dass die Verursacher sie auch bezahlen können.

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