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Geschäfte mit dem Krieg: Helfer aus Hamm müssen umdrehen

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Von: Frank Lahme

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Blechlawine, 7,5 Kilometer vor der Grenze.
Blechlawine, 7,5 Kilometer vor der Grenze. Abertausende Pkw werden derzeit aufgrund eines Steuer-Schlupflochs über die polnische Grenze eingeführt. © Berestyan

Weil abertausende Pkw aufgrund eines Steuer-Schlupflochs über die polnische Grenze in die Ukraine eingeführt werden, kommen humanitäre Hilfstransporte nicht mehr durch. Auch ein Hammer Konvoi musste abbrechen.

Hamm/Przemysl – Der Krieg in der Ukraine ist offenbar um eine ziemlich üble Facette reicher. Weil derzeit abertausende Pkw aufgrund eines Steuer-Schlupflochs über die polnische Grenze ins Land eingeführt werden, kommen humanitäre Hilfstransporte nicht mehr durch. Auch der Hammer Konvoi - seit Sonntag auf dem Weg - ist betroffen und musste seine Kiew-Mission am Dienstag abbrechen. Ohne die Hammer Odyssee wäre die automobile Seidenstraße möglicherweise noch längere Zeit unentdeckt geblieben. (Sonderressort „Hamm und der Ukraine-Krieg“: hier klicken, aktuelle Artikel zum Krieg: hier klicken.)

Im Osten der Ukraine herrscht Krieg, und im Westen kaufen sich die Leute alle neue Autos. So ist das tatsächlich.

Vitaliy Berestyan, Ukrainer aus Hamm-Norden

Endstation Grenze

Wochenlang hatte Vitaliy Berestyan aus dem Hammer Norden mit mehreren Mitstreitern Hilfsgüter gesammelt, um sie in die umkämpften Gebiete zu bringen. Am Sonntag war es dann soweit: Ein 40-Tonner machte sich bis unters Dach beladen auf den Weg in die ukrainische Landeshauptstadt. Hygieneartikel, Konserven, aber auch Medikamente waren an Bord – 26 Tonnen Hilfsgüter im Wert von mehreren 10.000 Euro. Montags gegen 11.30 Uhr erreichte der Truck die polnische Grenze – und kam nicht weiter.

„Es ist wirklich unglaublich. Die einen wollen helfen, die anderen Geld verdienen“, schwante Vitaliy Berestyan schon am Montagabend überhaupt nichts Gutes. Bis zu sechs Tage könne es dauern, bis der Hammer Lkw über die Grenze kommen würde, hieß es da. „Mit allem haben wir gerechnet, aber nicht damit, dass die polnische Seite die Grenzen dichtmacht“, so der Hammer Helfer.

Tatsächlich sieht der 38-Jährige, der in Kiew geboren wurde, eine neue Gesetzeslage in der Ukraine als Ursache für das groteske Grenz-Szenario. Fahrzeuge aus der EU, die dem ukrainischen Militär zur Verfügung gestellt werden, dürften steuerfrei ins Land eingeführt werden. Nur an die Militär-Klausel halte sich niemand mehr. „Alles was vier Räder hat, wird jetzt in die Ukraine gebracht“, so Berestyan. Je nach Fahrzeug-Typ seien das 10.000 Euro bis 15.000 Euro, die nun steuertechnisch wegfielen. „Im Osten der Ukraine herrscht Krieg, und im Westen kaufen sie sich die Leute alle neue Autos. So ist das tatsächlich“

Papiere ignoriert

Eugen Bunis ist einer der beiden Fahrer auf dem Hammer Truck. „Alle Grenzübergänge sind zu. Mal sind die Schlangen fünf Kilometer lang, mal siebeneinhalb Kilometer“, sagte der 36-Jährige am Dienstag unserer Redaktion am Telefon. Per WhatsApp schickte er dann ein Video von der Vorbeifahrt an einer der Blechlawinen. Hunderte, Autos und Lkw reihten sich hintereinander, gefühlt jedes dritte Fahrzeug war ein Autotransporter.

Eugen Bunis kommt aus Dortmund, hat sich für den Tripp nach Kiew eine Woche Urlaub genommen. Genauso wie sein Mitfahrer Christian Nabers aus Ahaus. Dass sie humanitäre Hilfsgüter geladen hätten, interessiere die polnische Polizei nicht. Entsprechende Papiere würden ignoriert. Lediglich Lieferungen fürs Militär kämen schneller durch. Deshalb wurden auch die Paletten mit den Kühlpads, die ohnehin für die Armee bestimmt waren, von den beiden an der Grenze auf einen Militär-Transporter umgeladen.

Der weitere Verlauf des Dienstags hatte viel von einer Achterbahnfahrt. Am Mittag wollten Bunis und Nabers wieder zurück nach Hamm fahren. Die Waren sollten dann irgendwann in einem zweiten Versuch mit Kleintransportern in die Ukraine gebracht werden. Am Nachmittag wurde der Plan dann wieder geändert. Peter Dittmar, Vorsitzender vom Verein „Kinder brauchen unsere Hilfe“, hatte eine Lösung gefunden. Die Hammer Sachspenden wurden in ein Speditionslager nach Przemysl nahe der polnisch-ukrainischen Grenze gebracht. Mit Hilfe der International Police Association (IPA) und deren Fahrzeugen sollen sie nun ins Krisengebiet gebracht werden.

Eugen Bunis und Christian Nabers befanden sich am Abend auf dem Rückweg nach Hamm – mit einem leeren Lkw.

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