Eine vierfache Mutter erzählt

Bildung im Stadtbezirk Uentrop: Geht es nicht um unsere Kinder?!

Am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium ist sie seit fünf Jahren Vorsitzende der Schulpflegschaft. Die 46-Jährige ist Mutter von vier Kindern. Alle besuchen oder besuchten das Stein. Die beiden Ältesten machten unter Coronabedingungen Abitur
+
Seit Monaten am Corona-Krisentelefon: Als Elternvertreterin hat Kerstin Kreienfeld während der Pandemie besonders viel zu tun und vermittelt zwischen Eltern und Schule. Sie lebt mit ihrer Familie im Hammer Osten. Foto: Mross

Was ist für eine gute Bildung nötig? Darüber sprechen wir in unserer „Was braucht Uentrop“ mit der vierfachen Mutter und Vorsitzenden der Schulpflegschaft des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums. Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit! (Formular im Artikel)

Uentrop – Sich zu bilden, ist ein lebenslanger Prozess. Welche Möglichkeiten, sich zu bilden, gibt es im Stadtbezirk Uentrop (Hamm)? Worauf kommt es an? Was fehlt? Und was brauchen Schüler in der Coronakrise? Darum geht es im sechsten Teil unserer Serie „Was braucht Uentrop?“ Torsten Haarmann hat mit Kerstin Kreienfeld darüber gesprochen. Sie ist die Vorsitzende der Schulpflegschaft des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums und hat vier Kinder.

BezirkUentrop
Einwohner27.118 (Stand: 31.12.2020)
Schulen im Stadtbezirk8
Schüler an diesen Schulen3219 (Stand: 15.10.2020)

Bildung in Coronazeiten: Schüler brauchen individuelle Förderung

Vierfache Mutter, das ist ein Fulltime-Job, und dann noch Schulpflegschaftsvorsitzende dazu. Warum?
Bildung ist immer schon mein Thema gewesen, und ich habe immer viel im Ehrenamt gemacht. Bedingung ist, dass mich die Institutionen überzeugen. Unsere Kinder gehen beziehungsweise gingen alle zum Stein. Hier läuft vieles gut, so wie ich mir das vorstelle.
Was läuft denn gut?
Die Lehrinhalte muss jede Schule leisten. Das erfüllen die Lehrer am Stein. Sie fördern auch umfangreich. Für mich ist aber die Vielfalt entscheidend. Die Lehrer haben keine Schablonen, um alle Schüler gleichzumachen. Sie schauen, was ihre Schüler können. So entstehen ein toller Umgang und Vertrauen. Ich weiß, wenn meine Kinder etwas haben, gehen sie zu den Lehrern und sprechen darüber. Ich bin vor fünf Jahren als Schulpflegschaftsvorsitzende genauso aufgenommen worden.
Das heißt: Mehr individuelle Förderung hilft den Schülern?
Ja, auf das Individuum und seine Stärken muss es ankommen. Dazu ist die ganze Persönlichkeit eines Schülers zu sehen. Am Stein kann jemand in Mathe 5 stehen, aber gut Geige spielen können. Das werten die Lehrer. Wenn ein Schüler nicht gut in der Schule ist, hat er trotzdem Stärken, die gefördert werden. Voraussetzung für eine optimale, individuelle Förderung wären kleinere Lerngruppen, die im jetzigen Bildungssystem aber nicht vorgesehen sind.

Digitalisierung an Schulen: „Was nutzt ein Beamer, der nicht angeschlossen ist?“

Trotzdem haben einige Schüler „keinen Bock auf Schule“, wie sie sagen.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Schüler nur „Bock auf Schule“ haben können, wenn Lehrer es schaffen, sie für Fächer und Inhalte zu begeistern. Da gibt es aber nicht den einen richtigen Weg, sondern Lehrer haben ihre ganz eigenen Methoden. Fairness und Chancengleichheit sind außerdem wichtige Themen für Schüler. Das gilt vor allem für die Transparenz und Erklärung von Noten. Am Ende zählt, dass sie als Persönlichkeiten ernst genommen werden und sich entfalten können. Dass ein Lehrer etwa weiß, wofür sich ein Schüler interessiert, oder ob es ihm gerade gut oder schlecht geht. Trotzdem wird es keine Schule schaffen, dass jeder immer „Bock auf Schule“ hat. Dafür sind die Lebensphasen und Interessen im Kinder- und Jugendalter zu unterschiedlich. Schule und Pubertät sind eine schwierige Kombination. Auch hier wären kleinere Lerngruppen eine große Hilfe.
Was sollte außerdem besser laufen?
Die Digitalisierung hängt. Das liegt an äußeren Faktoren und teilweise am Personalmangel. Am Stein haben wir das Glück, dass der stellvertretende Schulleiter Informatiklehrer ist. Woanders ist das Thema meines Wissens noch eine große Baustelle. Dazu kommen häusliche Bedingungen. Es gibt an Schulen Klassen ohne WLan, oder wie am Stein: Was nutzt ein Beamer, wenn er nicht angeschlossen worden ist?

Aufgabe der Schulpflegschaft: Standards an allen Schulen

Was können Sie als Elternvertreterin dagegen unternehmen?
Mit der neuen Stadtschulpflegschaft sind wir auf einem guten Weg. Ich habe den Eindruck, dass wir ernst genommen werden. An einer Schule können wir nur Defizite im Detail angehen, im Zusammenschluss sehe ich aber die Gelegenheit, im Allgemeinen etwas auf den Weg zu bringen.
Was gehen Sie zusammen an?
Es gibt Arbeitskreise, zum Beispiel zur Digitalisierung und zur Inklusion. Wir werden dazu mit Vertretern der Stadt sprechen. Wir hoffen, so zu Standards für alle Schulen zu kommen. Wir brauchen etwa für die Digitalisierung ein mittelfristig umzusetzendes Konzept. Lesen Sie auch: Digitales Lernen in Coronazeiten ist nicht einfach.
Was hat für Sie jetzt die höchste Priorität?
Während der Corona-Pandemie ist einiges schlecht gelaufen. Bildung im Sinne von „zu vermittelnden Inhalten“ muss erst einmal zweitrangig sein. Wir müssen stattdessen schauen, wie die Schüler aus dem Distanzunterricht zurückgekommen sind. Die Pädagogik muss im Vordergrund stehen. Wie sind die Schüler als Menschen durch die Krise gekommen? Wie bekommen wir sie auf einen Stand? Wir brauchen Antworten. Im Moment sitzen sie zusammen in einer Klasse. Permanenter Druck von verschiedenen Seiten, Ängste haben ihre Psyche unterschiedlich belastet. (Lesen Sie hier mehr über die psychische Situation von Kindern in der Coronakrise.)

Bildung in Coronazeiten: „Ich habe immer wieder den Eindruck, es geht nicht um unsere Kinder“

Psychische Belastung ist doch schon vorher ein Thema gewesen?
Ja, aber Corona hat das Brennglas auf das Problem gerichtet. Ich habe das Gefühl, die Verantwortlichen im Land sind häufig weit weg von der Praxis und von sinnvollen Beschlüssen. Ich habe immer wieder den Eindruck, es geht nicht um unsere Kinder. So entsteht viel Frust auf allen Seiten.
Wie kann der Frust abgebaut werden?
Wir müssen das individuelle und ganzheitliche Fördern noch mehr in den Fokus nehmen. Es gibt oft gute Programme für Randgruppen. Besser ist es, Bildung von vorneherein ganzheitlich zu sehen.
Wo sehen Sie Ihre Rolle darin?
In der Mitwirkung. Sie muss gelebt werden. Schule funktioniert nur dann gut, wenn alle Beteiligten teilhaben, wenn sie in die Entscheidungsprozesse einbezogen sind, auch vor Ort: Schüler, Lehrer und Eltern gleichberechtigt.

Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Bitte schreiben Sie maximal 3 Sätze pro Frage. (Mindestens 50 Zeichen.)

Mit Ausfüllen und Abschicken dieses Formulars erkläre ich mich einverstanden, dass ich mit meinem Statement im Westfälischen Anzeiger namentlich genannt werde.

Zum Thema kommentieren können Sie außer über das Formular auch unter dem passenden Post auf der WA-Facebookseite und per Mail an uentrop@wa.de.

Mehr zum Thema lesen Sie in der Print-Ausgabe des Westfälischen Anzeigers vom 10. Juni. Der nächste Schwerpunkt unserer Serie „Was braucht Uentrop?“ erscheint am 24. Juni im Print und Online. Dann geht es um das Thema Sicherheit und Kriminalität im Bezirk.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare