Unsere Serie: Was braucht Herringen?

Die unterschätzte Schulform: Werden Hauptschulen noch benötigt?

Präsenzunterricht
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Hauptschulen haben keine Lobby und einen schlechten Ruf. Trotzdem setzen sich Hammer Pädagogen für sie ein. (Symbolbild)

Etwa 2.300 Schüler gehen im Stadtbezirk Herringen zur Schule. In den letzten zehn Jahren wurden zwei Schulen - Falk-Hauptschule und Michael-Ende-Förderschule - geschlossen, dafür kamen drei neue (Arnold-Freymuth-Schule, Lindenschule und Außenstelle Friedrich-List-Kolleg) hinzu. Wie sehen Sie Herringen im Bildungswesen aufgestellt? Diskutieren Sie mit! (Formular unten im Artikel)

Herringen – Sie ist die einzige von ehemals vier Hauptschulen in den beiden westlichen Hammer Stadtbezirken. Und bislang steht die Anne-Frank-Schule auch recht gut da. Sie ist von den Zahlen her gesehen mit 407 Schülern (Stand 15. Oktober 2020) die größte Hammer Hauptschule und konnte gegenüber dem Schuljahr 2011/12 (382 Schüler) sogar leicht zulegen. Allerdings: Damals gab es in Hamm auch neun Hauptschulen. Heute sind es nur noch fünf.

Für das neue Schuljahr haben sich nur noch 32 Schüler angemeldet, sodass die Schule im Hammer Westen gerade einmal zweizügig fahren kann. Muss man sich also Sorgen machen um den Bestand der Hauptschulen und insbesondere um die Anne-Frank-Schule?

Hauptschulen leben mit einem schlechten Ruf

„Nein“, sagt Schulleiter Bernhard Hölker. Natürlich seien 32 Fünftklässler vergleichsweise wenig. Aber aufgrund weniger Schüler insgesamt sei damit zu rechnen gewesen. Pandemie-bedingt habe man auch nicht richtig für den Schulstandort werben können. „Vor Weihnachten konnten wir zum Beispiel nicht die Viertklässler aus den umliegenden Schulen empfangen“, so Konrektorin Stephanie Plümpe.

Zudem habe man mit dem Schulzentrum West und der Arnold-Freymuth-Gesamtschule starke Konkurrenz vor der Haustür. Und leider müsse man mit dem schlechten Ruf, den Hauptschulen nun einmal haben, leben – obwohl dort hervorragende Arbeit geleistet werde. „Wir sind hier schnell und nah an den Schülern dran“, so der Schulleiter.

Hölker und Plümpe gehen davon aus, dass es nicht lange bei den 32 Fünftklässlern bleiben wird und die zwei Eingangsklassen im Laufe der kommenden beiden Schuljahre schnell wieder mit Schülern, die es auf anderen Schulen leistungsmäßig nicht geschafft haben, volllaufen werden – so wie derzeit im sechsten Schuljahr. Auch dort sei man, so Hölker, mit zwei Klassen und etwa 40 Schülern gestartet. Und schon vor Ende der Erprobungsphase seien die Klassen wieder voll. „Wir haben nur noch einen Platz.“

Mehr Kinder? „Dann haben wir ein echtes Problem“

Und wenn mit Beginn des neuen Schuljahres weitere Kinder vor der Tür stehen? „Dann haben wir ein echtes Problem“, sagt Hölker. Vermutlich werde man dann Schüler abweisen und auf andere Hauptschulen schicken müssen. Zwar gebe es die Option, eine zusätzliche Klasse zu bilden. Aus pädagogischen Gründen sei es aber nicht sinnvoll, sie ausschließlich mit Rückläufern zu füllen. Ebenso wolle man verhindern, dass bestehende Klassengemeinschaften gerade in Hauptschulen auseinandergerissen werden. Das habe man einmal gemacht. Und darunter hätten die Schüler noch im zehnten Schuljahr gelitten.

Herringen: Der Schulstandort in Zahlen

Herringens und auch Hamms größte Grundschule ist die Lessingschule mit 395 Schülern. Vor zehn Jahren waren es sogar 419. Die Hermann-Gmeiner-Schule wird von 337 (380) Kindern besucht. Sie ist damit die drittgrößte unter den 28 Hammer Grundschulen. Mit 165 Schülern (168) liegt die zweizügige Jahnschule hingegen auf dem 26. Platz. Die Lindenschule als Förderschule Sprache besuchen aktuell 158 Kinder, 16 mehr als 2011/12 und so viel wie nie in den letzten zehn Jahren. Mit 407 Schülern hat die Anne-Frank-Schule 25 Schüler mehr als vor zehn Jahren. Nach der Fusion mit der Parkschule hatte sie zwischenzeitlich aber auch schon mal 579 Schüler (2013/14). Aktuell besuchen 581 Schüler die Arnold-Freymuth-Schule. Separate Zahlen für den Standort Muntenburgstraße des Friedrich-List-Kollegs gibt es nicht. Bei der Eröffnung 2018 war aber von 220 bis 250 Schülern die Rede.

Aber nicht nur die hohe Zahl an Rückläufern zeigt Hölker, dass die Arbeit, die die Hauptschulen leisten, auch künftig gebraucht wird – vor allem für Kinder aus einem bildungsfernen Elternhaus oder einem schwierigen sozialen Umfeld. Hauptschulen seien gerade für sie wichtig. Als Beispiele nennt Hölker hier die individuelle Förderung, die intensive Berufsvorbereitung, praktisches Lernen oder die Vermittlung von lebensnahen Lerninhalten.

Dazu gehöre zum Beispiel auch die Bedeutung von Miet- oder Arbeitsverträgen. Zugute komme der Schule dabei das Modellprojekt „Talentschule“, an dem man seit 2019 teilnehme. Durch zusätzliches Personal habe man zum Beispiel die Förderschiene in den 5. und 6. Klassen vergrößern können, so Plümpe.

Hölker überzeugt: Hauptschulen werden weiter benötigt

Doch auch wenn sie und Hölker davon überzeugt sind, dass die Arbeit der Hauptschulen weiterhin benötigt wird, blicken sie mit einigen Sorgen in die Zukunft. So spiele das Land NRW mit dem Gedanken, das Begleitprogramm für Berufseinsteiger aufzugeben. Aus Hölkers Sicht wäre das ein großer Fehler. Es diene Schülern von der 8. Klasse bis ins erste Berufsjahr als „Pfadfinder“.

Ein eingespieltes Team: Schulleiter Bernhard Hölker und Konrektorin Stephanie Plümpe glauben an die Zukunft der Hauptschulen.

Schüler bräuchten dringend verlässliche Strukturen und einen Ansprechpartner, wenn es zum Beispiel Probleme am Arbeitsplatz gibt. Hölker und Plümpe würden sich auch freuen, wenn die Zahl der Sozialarbeiter – aktuell sind es zwei – aufgestockt werden könnte. Etliche Schüler kämen nun einmal aus einem schwierigen Umfeld und bräuchten Unterstützung.

Dennoch sind die beiden überzeugt, dass auch sie ihren Weg machen werden – wenn man sie an die Hand nimmt und vor allem lässt. Denn: Gerade Schüler, die „nur“ einen Hauptschulabschluss vorweisen können, hätten es auf dem Arbeitsmarkt schwer. „Ich wünsche mir hier mehr Lobby und, dass Arbeitgeber auch ihnen eine Chance geben“, so die Konrektorin.

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