Besuchsregeln ab 1. Juli gelockert

Hammer Pflegeheime: Nur noch wenige Tage ohne Umarmung

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Bisher müssen Besucher in Pflegeheimen volle Schutzkleidung tragen und Abstand halten. Das soll bald wieder anders sein.

Während die umfassenden Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen für viele Menschen das Ende der Isolation und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bedeuten, gelten in Alten- und Pflegeheimen in Hamm strenge Verhaltensregeln. Aber zum Glück nicht mehr lange.

Hamm – Dank einer neuen Allgemeinverfügung werden Besuchsregeln in Pflegeheimen ab 1. Juli gelockert. Unter anderem sollen dann wieder Umarmungen erlaubt sein. Doch bis dahin und auch ab dem 1. Juli gibt es noch Einschränkungen. Manche empfinden das bunte Leben „draußen“ und den engen Rahmen „drinnen“ als großen Widerspruch.

Seit Anfang Februar lebt der Mann von Gisela Krause (77) stationär im Pflegeheim „Daheim und Miteinander“ am Erlöserzentrum. Nach einem Treppensturz und schwerem Schädel-Hirn-Trauma lebe er in seiner eigenen, durcheinandergeratenen Welt, sagt sie.

Gisela Krause tut sich schwer mit den aktuellen Besuchsmöglichkeiten, die ihr die Corona-Schutzverordnung bietet. Der Einrichtung selbst macht sie keinen Vorwurf, im Gegenteil: Ihr ausdrückliches Dankeschön gilt dem Pflegepersonal für seinen Einsatz Tag und Nacht. Ihren Frust entlädt sie stattdessen auf politischer Ebene. Dort, woher die für sie widersprüchlichen Regelungen kommen.

"Mit der Würde des Menschen hat das wenig zu tun"

„Die Menschen fliegen dicht an dicht nach Mallorca, sitzen in Parks, Restaurants und bei privaten Feiern, aber den Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen, wird der Kontakt zu ihren Angehörigen verwehrt – die einzige Freude, die sie vielleicht noch haben“, sagt Krause. Mit der Würde des Menschen habe das wenig zu tun. „Muss das Ende des Lebens so traurig sein?“, fragt sie.

Besuche im Zelt, so wie sie die Einrichtung am Erlöserzentrum ermöglicht, seien für sie keine Option. Mit Abstand, Mundschutz und hinter der Trennscheibe sei eine Kommunikation so gut wie unmöglich. Telefonate seien für sie aufgrund des Krankheitsbildes ihres Mannes keine Alternative. Sie glaubt: „Das gilt für viele Menschen in der gleichen Situation.“

Und sie verstehe die Welt nicht, dass Frisöre, Fußpfleger oder Krankengymnasten Zugang zu den Einrichtungen hätten, obwohl diese sicherlich mehr und nähere soziale Kontakte hätten als mancher Angehörige. „Wieso ist ihnen das erlaubt und den Angehörigen nicht, die die gleichen Sicherheitsmaßnahmen einhalten würden?“ Fragen über Fragen, auf die Gisela Krause keine Antworten hat.

"Wir haben hier die Risikogruppe Nummer eins"

Antworten gibt ihr und anderen Angehörigen mit ähnlichen Fragen und Zweifeln Agnieszka Conrad, Mitglied der Geschäftsführung der „Daheim und Miteinander“ GmbH, die insgesamt sechs Einrichtungen in Hamm betreibt. „Wir haben in den Pflegeeinrichtungen die Risikogruppe Nummer eins“, gibt Conrad unmissverständlich zu verstehen. „Es ist eine besondere Situation für alle Menschen und eine besondere Herausforderung. Aber wir haben sie bisher gut gemeistert.“

„Alle Einrichtungen in Hamm setzen die Vorgaben der Corona-Schutzverordnung um“, sagt Conrad, die auch eine von drei Sprechern und Sprecherinnen der Arbeitsgemeinschaft der stationären Pflegeeinrichtungen in Hamm ist. Je nach räumlichem Zuschnitt und personellen Ressourcen könne es in einzelnen Häusern Abweichungen geben. Aber grundsätzlich gelte: „Besuche können stattfinden, nur anders als gewohnt.“

In den Einrichtungen von „Daheim und Miteinander“ bedeutet das Besuche von Angehörigen im Zelt im Außenbereich, unter besonderen Voraussetzungen aber auch auf den Bewohnerzimmern. Laut Verordnung sind diese in der palliativen Phase oder aus sozial-ethischer Sicht gegeben, das heißt, wenn aufgrund der besonderen Verfassung eines Bewohners keine andere Besuchsform möglich ist. „Das ist von Fall zu Fall abzuwägen, war aber grundsätzlich immer möglich“, sagt Conrad. Als besonders beliebt habe sich schnell die Videotelefonie mit Angehörigen herausgestellt: „Daran werden wir sicherlich auch in Zukunft festhalten.“

"Wir wissen auch von der Angst in den Häusern"

Besuche von Physiotherapeuten, Frisören oder der Fußpflege seien genau geregelt. „Es handelt sich immer um dieselben Personen, die nur eine einzige Einrichtung an zentralen Terminen aufsuchen“, erklärt Conrad. Und das unter Einhaltung aller vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen. Das alles sei Teil der geprüften Konzepte für die Pflegeeinrichtungen.

Agnieszka Conrad ist aufgrund der Erfahrung und der Rückmeldung aus den eigenen Häusern davon überzeugt, dass die Mehrheit der Menschen sehr gut mit den Regelungen zurechtkommt. „Und ich halte es für eine gute Entscheidung, die Häuser erst schrittweise wieder zu öffnen. Alles andere wäre unkalkulierbar. Auch die Krankenhäuser öffnen ja erst jetzt wieder“, sagt sie.

Die Stadt wisse um den Wunsch der Einrichtungen und der Angehörigen, möglichst schnell zum Normalbetrieb zurückkehren zu können, sagt Stadtsprecher Tom Herberg. „Aber wir wissen auch von der Angst in den Häusern, mit Besuchen regelrecht überrannt zu werden. Tenor ist, dass die Lockerung auch weiter in geordneten Bahnen verlaufen sollte. Bei aller Bedeutung, die Besuche von Angehörigen haben.“

"Schutzmaßnahmen personell ein großer Kraftakt"

Etwa 15 bis 20 Nachfragen hätten die Stadt von Angehörigen zu den Corona-Beschränkungen erreicht, sagt Herberg. „In den meisten Fällen wollten Menschen wissen, wie sie sich in der Situation verhalten sollen und ob es erlaubt ist, was dieses oder jenes Heim macht.“ Beschwerden habe es zwei gegeben. Einmal sei der Kommunale Ordnungsdienst einem Hinweis gefolgt, habe aber keinen Verstoß festgestellt. Im zweiten Fall sei ein Angehöriger der Auffassung gewesen, eine Einrichtung habe die Verordnung nicht richtig umgesetzt. „Die Fronten waren etwas verhärtet, aber das ist später aufgelöst worden“, so der Sprecher.

Fünf Einrichtungen ermöglichten infolge der räumlichen Gegebenheiten Besuche nur draußen, in acht Häusern seien Besuche nicht täglich möglich. „Für die Einrichtungen sind die Schutzmaßnahmen ein großer Kraftakt, vor allem auch personell. Denn stets muss bei Besuchen eine Pflegekraft anwesend sein“, gibt er zu bedenken.

Grundsätzlich betont Herberg, dass alle Erlasse und Aktualisierungen der Corona-Schutzverordnung vom Land ausgingen.

Die Lockerungen ab dem 1. Juli hätten sich die Menschen in allen Einrichtungen gewünscht, sagt Geschäftsführerin Conrad. Auch die Angehörige Gisela Krause ist erleichtert. Sie freut sich darauf, ihren Mann mit veränderten Auflagen besuchen zu dürfen – und dass umarmen dann wieder erlaubt ist. „So ein bisschen körperlicher Kontakt ist wichtig. Das war ja traurig bisher“, sagt sie.

Die neuen Regeln ab 1. Juli:

Die neue Allgemeinverfügung gilt ab kommenden Mittwoch. Die Heimen erarbeiten Konzepte für Besuchssituationen, die jeweils mit den Behörden abgestimmt werden. Allgemein gilt:

  • Abhängig von der Schwere der Erkrankungen soll es aber ab dem 1. Juli beispielsweise wieder möglich sein, dass die Bewohner von Pflegeheimen die Heime verlassen, dass sie ohne Aufsicht im Zimmer Besuch empfangen, dass es körperlichen Kontakt zwischen Bewohnern und Besuchern gibt.
  • Die Besucher sollen aber auch ab dem 1. Juli Mund-Nasen-Schutz und Kittel tragen, um sich selbst und die Bewohner zu schützen.
  • Zudem ist ein Screening geplant, es wird also etwa bei den Besuchern Fieber gemessen.

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