Interview

Belastungen für Familien: Corona-Folgen auch im Hammer Frauenhaus spürbar

Häusliche Gewalt: Das Frauenhaus in Hamm ist weiterhin voll ausgelastet.
+
Häusliche Gewalt: Das Frauenhaus in Hamm ist weiterhin voll ausgelastet. (Symbolbild)

Gut 29.000 Fälle von häuslicher Gewalt gab es im vergangenen Jahr allein in Nordrhein-Westfalen, 7,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das geht aus einem Lagebericht hervor, den das Landeskriminalamt Ende April veröffentlicht hat.

Hamm – Die Opfer von häuslicher Gewalt sind zu 70 Prozent Frauen – Zuflucht finden sie in Hamm im Frauenhaus.

WA-Redakteurin Sabine Fischer hat mit Sarah Gaber über die Lage im Hammer Frauenhaus gesprochen. Gaber leitet das Haus.

Wie ist die Situation aktuell im Frauenhaus?

Das Frauenhaus Hamm ist nach wie vor ausgelastet. Wir erhalten dennoch weiterhin Anfragen von Frauen mit und ohne Kindern aus Hamm sowie aus anderen Kommunen aus ganz Nordrhein-Westfalen, die häusliche Gewalt erleben. Gelegentlich erhalten wir sogar Anfragen von Frauen aus Städten anderer Bundesländer, die ihre Wurzeln in Hamm haben. Frauen, die wir in ihrer Notsituation, aufgrund der Überbelegung unserer Einrichtung, nicht aufnehmen können, beraten wir nach dem Gewaltschutzgesetz. Die Suche nach alternativen Schutzeinrichtungen gehört natürlich dazu, falls das von den anfragenden Frauen gewünscht wird. Wenn das Frauenhaus Hamm keine Zimmer frei hat, verweisen die Sozialarbeiterinnen während des Gesprächs hier auf die Internetseite der Frauenhauskoordinierung.

Was sieht man dort?

Auf der Webseite sind alle Frauenhäuser aus NRW aufgeführt. Es ist direkt ersichtlich, welche Frauenhäuser Plätze aufweisen und welche belegt sind. Somit ist eine gute Weitervermittlung an die Schutzeinrichtungen möglich, die freie Zimmer aufweisen. Nach aktuellem Stand gibt es in Nordrhein-Westfalen ausreichend freie Frauenhäuser, die einen Schutzraum für Frauen mit Kindern anbieten. Natürlich muss die Anreise von den betroffenen Frauen zu den Einrichtungen selbst organisiert werden.

Sarah Gaber ist Leiterin des Frauenhauses Hamm

Wie wirkt sich der Corona-Stress auf ohnehin schon problematische Familiensituationen aus?

Die Belastungen während der Corona-Pandemie sind für viele Familien extrem. Aufgrund der nicht vorhandenen oder nur eingeschränkten Kinderbetreuungsmöglichkeiten durch Schule und Kindergarten sowie der finanziellen Belastungen vieler Familien steigt der Stresspegel weiter an. Häusliche Gewalt, dazu gehört körperliche, aber auch psychische Gewalt, nimmt in der Corona-Zeit nicht ab, sondern ist weiterhin in vielen Familien vorhanden und bricht wegen der erhöhten Belastungen aus. Die Möglichkeit, sich Hilfe zu suchen, scheint für viele Frauen aufgrund der geringen Kontaktmöglichkeiten zu Beratungsstellen und anderen Personen erschwert. Dennoch ist es wichtig an dieser Stelle zu sagen, dass wir als Frauenhaus weiterhin 24 Stunden täglich erreichbar sind und – auch wenn wir belegt sind – telefonische Beratungen und Weitervermittlungen durchführen.

Wie lange muss man auf einen Platz im Frauenhaus warten?

Wie bereits erwähnt ist das Frauenhaus Hamm fast durchgehend ausgelastet. Sobald ein Zimmer freigezogen ist, stellen wir auf der erwähnten Website die Ampel auf Grün, was freie Plätze in unserer Einrichtung signalisiert. Eine Warteliste führen wir bewusst nicht. Frauen, die Hilfe benötigen, können sich direkt an das Frauenhaus Hamm wenden, um eine Erstberatung zu erhalten. Die Beratung sowie Weitervermittlung an entsprechend freie Schutzhäuser ist somit garantiert und weiterhin vorhanden.

Gibt es eine bestimmte Gruppe Frauen, die aktuell besonders von häuslicher Gewalt betroffen ist?

Aktuell können wir keine bestimmte Gruppe von Frauen benennen, die sich im Frauenhaus während der Pandemie meldet. Einen Unterschied zu der Zeit vor Corona gibt es an dieser Stelle nicht. Wie bereits vor dem Ausbruch der Pandemie ist die Aufnahme von Frauen mit Migrationshintergrund im Frauenhaus relativ hoch.

Woran liegt das?

Das liegt in der Regel daran, dass die Frauen, die noch nicht so lange in Deutschland leben, eine schlechtere Vernetzung aufweisen als Frauen, die bereits seit ihrer Geburt in Deutschland leben. Frauen mit einer guten Vernetzung sowie sozialen Kontakten suchen sich in der Regel Freunde oder Verwandte, bei denen sie vor der Gewalt ausübenden Person Schutz erhalten, bis sie eine eigene Wohnung gefunden haben. Aufgrund der Verständigungsschwierigkeiten bei Frauen mit Migrationshintergrund sowie der nicht vorhandenen deutschen Gesetzeskenntnisse fällt es diesen Frauen auch schwer, sich in der Notsituation selbst zu helfen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare