Renaissance von Willy Brandt

Beklemmend, radikal: Ulrich Endom sammelt alte SPD-Wahlplakate

Ulrich Endom zeigt Wahlplakate von früher.
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Einfallsreichtum auf Pappe: Ulrich Endom zeigt Wahlplakate von früher. (Ein Klick rechts oben ins Bild zeigt das komplette Motiv.)

Eine Stadt in Trümmern. Mittendrin eine Ruine, deren Umrisse an einen Mann auf Krücken und mit nur einem Bein erinnern. Und oben drüber der Spruch „Nie wieder!“ Das SPD-Wahlplakat aus dem Jahr 1952 hat es Ulrich Endom aus Hamm besonders angetan.

Hamm – „Weil es so aussagekräftig ist wie kein anderes“, sagt der Herringer, der vor einigen Jahren von der Friedrich-Ebert-Stiftung einen Stapel alter Wahlplakate – es handelt sich dabei um Nachdrucke – erworben hat. Die ältesten stammten aus der Kaiserzeit zum Ende des 19. Jahrhunderts. Alle spiegelten, wie Endom sagt, nicht nur 100 Jahre Sozialdemokratie wider, sondern auch ein Stück deutsche Geschichte. Und da er sich sehr dafür interessierte, habe er die Plakate erworben, erklärt er den Grund für seine ungewöhnliche Sammlung.

Viele sind kleine Kunstwerke, von Hand gemalt und gezeichnet, dann vervielfacht und unters Wahlvolk gebracht. Und auch jetzt, wenige Tage vor der Bundestagswahl, sind Straßen, Wege und Plätze in Hamm mit Wahlplakaten der Parteien zugepflastert. Der Unterschied zu früher: Für teures Geld am PC entworfen sind dort meist nur die Köpfe von Politikern mit kurzen und knappen Aussagen über das, für das die jeweilige Partei steht, zu sehen. War früher also alles besser?

Zumindest was die Gestaltung der Wahlplakate angeht, fällt Endoms Antwort eindeutig aus. „Ja. Die alten Plakate waren kreativ gestaltet und aussagekräftig.“ Einige seien noch heute aktuell, holt er ein Wahlplakat zum Thema „Gleichberechtigung“ aus dem Jahre 1949 hervor. Auf einem anderen, nur wenige Jahre jüngeren Plakat, wird vor der „Rechtsradikalen Gefahr“ gewarnt.

Stapelweise SPD-Wahlplakate hat Ulrich Endom. (Ein Klick rechts oben ins Bild zeigt das komplette Motiv.)

Angetan hat es Endom, der etwa seit den 1990er Jahren selbst als Wahlhelfer für die SPD im Einsatz war, auch ein Plakat aus dem Jahr 1932, auf dem sehr eindringlich und radikal vor den Nationalsozialisten gewarnt wird: „An diesem System stirbt das Volk.“ Und sie sollten recht behalten: 1933 wurde die SPD durch die NSDAP verboten, 1945 lag Deutschland in Schutt und Asche. Endom weiß auch, dass die damaligen Wahlhelfer die Plakate teilweise unter Einsatz ihres Lebens geklebt haben. „Sie mussten damit rechnen, von den Nazis erwischt und attackiert zu werden.“

Frauenwahlrecht und 5-Tage-Woche

Ein Thema, das auf alten Plakaten immer wieder auftaucht, ist das Frauenwahlrecht, für das sich die Genossen schon früh eingesetzt haben, so auch 1909. Aber erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde es Wirklichkeit: Am 19. Januar 1919 – also vor gerade einmal gut 100 Jahren – konnten Frauen zum ersten Mal in Deutschland reichsweit wählen und gewählt werden.

„Die alten Plakate waren kreativ gestaltet und aussagekräftig“, sagt Ulrich Endom. (Ein Klick rechts oben ins Bild zeigt das komplette Motiv.)

Ein wichtiges Kapitel war auch die Einführung der 5-Tage-Woche („Samstags gehört Papi mir“), ebenso die Wiedervereinigung, für die die SPD schon in den 1950er-Jahren warb – anders als die CDU unter Konrad Adenauer, die auf die West-Integration setzte. Schon 1957 war auf einem Plakat, das ebenfalls im Besitz von Endom ist, ein von Bonn nach Berlin fahrender Zug zu sehen, der einen offenen Schlagbaum passiert. Allerdings dauerte es noch 32 Jahre, bis dieser sich tatsächlich öffnete.

Brand-Plakat macht online die Runde

Ein Plakat aus Endoms Sammlung kam übrigens vor wenigen Tagen zu neuen „Ehren“: Nachdem der WA darüber berichtet hatte, dass in Hamm ein Wahlplakat mit Ex-OB Thomas Hunsteger-Petermann aufgetaucht war, platzierte er kurzzeitig vor seiner Haustür ein Wahlplakat mit Willy Brandt, das aus der Zeit um 1970 stammt und das er, sehr zum Spaß der Herringer Genossen, in den SPD-internen Netzwerken verbreitet hat. Endom: „Auch das gehört zu meinen Lieblings-Plakaten.“ Und das, obwohl es „nur“ ein markantes Gesicht zeigt...

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