Beethoven-Zyklus: Ein großes Geschenk

Beethovens 2. Sinfonie D-Dur und die zehn Jahre später verfasste Sinfonie Nr. 8 F-Dur beendeten den Zyklus im Klassiksommer. Das Publikum bedankte sich mit stehenden Ovationen. ▪
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Beethovens 2. Sinfonie D-Dur und die zehn Jahre später verfasste Sinfonie Nr. 8 F-Dur beendeten den Zyklus im Klassiksommer. Das Publikum bedankte sich mit stehenden Ovationen. ▪

HAMM ▪ Zum Abschluss des Beethoven-Zyklus' im Rahmen des KlassikSommers baten Frank Beermann und seine Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz in den Festsaal des Maximilianparks. Die Verlegung erwies sich als guter Griff, denn hier hatten sowohl die Instrumentalisten als auch die weit mehr als 400 Musikfreunde reichlich Raum zur Entfaltung. Von Werner Lauterbach

Beethovens 2. Sinfonie D-Dur und die zehn Jahre später verfasste Sinfonie Nr. 8 F-Dur werden auch heutzutage weit weniger beachtet als seine monumentalen Werke, die ihn bereits zu Lebzeiten zum musikalischen Halbgott erhoben. Beermanns Auslegung der Zweiten machte auch die Bezüge zu Haydns Londoner Sinfonien deutlich, legte allerdings mehr Gewicht auf die bereits im sinfonischen Erstling präsenten Neuerungen. Der „Adagio molto – Allegro con brio“ Einleitung schloss sich ein ausgedehntes Adagio an, dessen melodischer Erfindungsreichtum und exquisite Bearbeitung auch der untergeordneten Stimmen bezauberte. Überraschungen tauchen immer wieder auf; auch innerhalb der traditionellen Form präsentierte der Komponist neue Herausforderungen an vertraute Hörgewohnheiten. Dem überaus humorigen Scherzo schloss sich das ungestüme Finale an. Im Allegro vivace trieb das Werk geradezu unausweichlich auf den turbulenten Schluss zu. Dieser tönende Optimismus hatte vielleicht auch mit Beethovens Hoffnung zu tun, dass Heilungschancen für sein sich stetig verschlechterndes Gehör bestünden. Auf jeden Fall wurde bereits hier eine musikalische Energie fühlbar, die in Richtung späterer Musikdramen wies.

Als Rückschritt empfanden viele seiner Zeitgenossen die achte Sinfonie: Der Meister hatte bereits Musiktitan-Status – das Publikum erwartete erhabenen Ernst und bisher Ungehörtes. Heute wird sie mehr als ein Ausdruck Beethovenscher Ironie betrachtet, denn als Resignation. Der weise gewordene Musiker-Philosoph hatte seine Großdramen geschrieben, die Enttäuschung angesichts der Feudalismus-Renaissance war überwunden – jetzt war es Zeit, diese Welt satirisch ins Auge zu fassen. Da tönten Bläser schon einmal vorlaut bis vorwitzig, die Violine verspätete sich. Die etablierte sinfonische Ordnung wurde über den Haufen geworfen. An Stelle des ernsten Adagios stand ein Scherzando, dessen Rokoko-Ornamenten ein gemächliches Menuett statt des gewohnten Scherzo folgt – der Finalsatz schien vordergründig chaotisch.

Beermann und die Chemnitzer meisterten auch diese „klassische“ Ironie und scheinbare Verwirrung mit Bravour und wurden von den Zuhörern ausgiebig gefeiert. Der Applaus wollte nicht abebben, Jubel brandete auf und schließlich wurde wohl der gesamte Zyklus mit Stehenden Ovationen bedacht. Es existieren bereits unzählige analoge und digitale Versionen der neun Sinfonien – das Hammer Publikum nahm diesen neuen Blickwinkel auf das Werk wie ein großes Geschenk an.

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