Intensivpflegedienst „Capitulum“: Beatmung und Betreuung zuhause

Capitulum wird fünf Jahre alt.
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Fünf Jahre Capitulum: Gerade in diesen Zeiten ein Grund, um auf diesen Teil der Intensivpflege zu blicken. Meryem Alagic (Geschäftsführerin, von links), Aynur Kafa (Hygienemanagerin), Elif Ulus (stellvertretende Pflegedienstleitung) und Mark Ohsiek (Pflegedienstleiter, hinten von links) sowie Marc Kipper (Teamleitung).

Die maschinelle Beatmung ist seit Corona aus kaum einer Nachrichtensendung wegzudenken. Eine Hammer Pflegefirma hat damit täglich zutun - außerhalb der Intensivstation, ganz privat.

Hamm – Viele Menschen, die eine Rundum-Betreuung benötigen, haben den großen Wunsch, trotz der Einschränkung zuhause zu leben. Seit fünf Jahren bietet Meryem Alagic diesen Menschen, die meist Unterstützung bei der Beatmung benötigen, diese Möglichkeit. Im Mai 2016 gründete sie ihren ambulanten Intensivpflegedienst „Capitulum“. Wie viel Aufwand hinter dieser Art von Betreuung steckt, veranschaulichen zwei Zahlen: 75 Pflegekräfte kümmern sich um gerade einmal acht Patienten. Und das Unternehmen ist damit sehr gut ausgelastet.

Dauerhafte Beatmung in den eigenen vier Wänden

Menschen, die eine dauerhafte Beatmung benötigen oder auch nur während der Schlafphasen auf Sauerstoff angewiesen sind, welche die ein Tracheostoma, also einen künstlichen Zugang zur Luftröhre haben, bis hin zu ALS-Erkrankten oder Angehörige von Wachkomapatienten gehören zum „Klientenkreis“. Dieser Ausdruck ist Alagic lieber. Sie wenden sich mit dem Wunsch einer Betreuung zuhause in den eigenen vier Wänden an Firmen wie Capitulum. Die Geschäftsführerin spricht von einer langen Warteliste für den ganzen Bereich der ambulanten Intensivpflege.

Mehr als nur Beatmung und medizinische Betreuung

Bei der Arbeit geht es um weit mehr als die reine medizinische Betreuung. Wer sieben oder sogar bis zu zwölf Stunden bei einem anderen Menschen wohnt, ist mehr als eine Pflegekraft. „Wir gehören zur Familie, das ist das Schöne an dem Beruf“, sagt Alagic, die früher selbst noch stark miteingebunden war. „Wenn man irgendwo zu Gast ist, fügt man sich in die familiären Strukturen mit ein“, sagt ihr Mitarbeiter Marc Kipper – bei aller beruflicher Distanz. „Ich würde sagen, professionell ist es, das zuzulassen“, erläutert er.

Vor fünf Jahren hat Alagic Capitulum gegründet, im Grunde während sie an ihrer Bachelorarbeit saß. Der Name bedeutet auf Latein Köpfchen, und Kafa – so der Mädchenname der Chefin – heißt Kopf im Türkischen. Die gelernte Kranken- und Intensivpflegekraft aus Hamm studierte in Osnabrück BWL und Gesundheitswesen, arbeitete nebenbei in der Intensivpflege, kehrte dann jedoch in ihre Heimatstadt zurück. „Die Idee hatte ursprünglich meine Schwester“, sagt Alagic. Aynur Kafa, die mittlerweile als Hygienebeauftragte in der vierköpfigen Geschäftsleitung mitarbeitet, habe damals gemeint, einen Dienst, der rein auf die Intensivpflege spezialisiert sei, gebe es in Hamm nicht. Für die größeren Organisatoren sei das nur eines von mehreren Standbeinen, erklärt Alagic.

Den fehlenden Zeitdruck nennt Kipper als großen Unterschied und Vorteil zur normalen ambulanten Pflege: „Wir können die Ressourcen bestmöglich nutzen.“ Auf jeden Menschen könne individuell eingegangen werden, je nachdem, was das Krankheitsbild zulasse. „Wir überlegen gemeinsam, was man machen möchte. Die Person ist immer der Chef. Wenn sie etwas sagt, dann machen wir das“, erklärt er. Da findet sich neben Fernsehgucken, Spielen, gemeinsamen Einkäufen, Kochen (und Essen) ebenso mal ein Kinobesuch auf dem Tagesplan. Mit betreuten Kindern gehen Kipper und seine Kollegen zur Schule, selbst auf eine Feier hat er einen seiner Klienten schon begleitet. Die Altersspannweite reicht bei Capitulum derzeit von 10 bis 77 Jahre.

Kipper kam eher zufällig zu diesem Beruf. Eigentlich hatte sich der 24-Jährige im handwerklichen Bereich gesehen, bekam aber keinen Ausbildungsplatz. Im Bundesfreiwilligendienst fand er Gefallen an der Arbeit, lernte anschließend im Altenheim, merkte aber bald, dass ihm die hohe Taktung der stationären Betreuung nicht behagte. Ein Kollege, der zuvor den gleichen Weg zum Intensivpfleger gegangen war, erzählte ihm davon. „Das habe ich dann einfach ausprobiert“ – und schätzen gelernt, sagt Kipper: „Man kann ohne Zeitdruck, mit dem, was man gelernt hat, helfen“, beschreibt er seinen Beruf. Bei Capitulum ist er mittlerweile sogar schon Teamleiter.

Neben der klassischen Ausbildung zum Kranken- oder Altenpfleger gehört eine Intensiv-Fachweiterbildung dazu. Das Medizinische spielt schließlich eine große Rolle. Die Beatmungsgeräte müssen überprüft, die Atmungsorgane regelmäßig abgesaugt werden, einigen Klienten muss die Nahrung verabreicht werden.

Dazu kommt die allgemeine Grundpflege. Zudem koordinieren die Capitulum-Mitarbeiter Arztbesuche, besorgen Medikamente und setzen sich mit den Krankenkassen auseinander. Das nimmt viel Zeit in Anspruch, lässt aber immer noch Luft für gemeinsame Aktivitäten, zumindest tagsüber. Doch auch in der Nacht müssen die Vitalzeichen kontrolliert werden oder Pflegehandlungen vorgenommen werden. Kipper vergleicht es mit einer Sitzwache. „Lange ist nichts, und dann ist es auf einmal akut.“ Das beinhaltet ein hohes Maß an Verantwortung, die er im Alltag mit seinem Klienten jedoch nicht spürt: „Man weiß, dass sie da ist, aber man ist sich ihrer nicht so bewusst. Sie wird nicht in den Vordergrund gedrängt.“

Gemeinsam mit 10 bis 15 Mitarbeitern (darunter auch Teilzeitkräfte), kümmert er sich im Drei-Schicht-System um einen Klienten. Andersherum betreut er momentan zwei Menschen parallel, bei denen er tageweise eingesetzt wird. So stehen immer genügend bekannte Gesichter zur Verfügung. Gleichzeitig haben die Mitarbeiter keinen Leerlauf, wenn ihr Klient zum Beispiel mal im Krankenhaus behandelt wird.

Hinter den 75 Pflegekräften bei Capitulum steht noch ein Team, das sich am Caldenhofer Weg um den administrativen Teil kümmert. Viel mehr als die acht Klienten sollen es in Zukunft deshalb nicht werden. „Wir wollen familiär bleiben. Ich kenne jeden unserer Klienten, weiß wie viele Kinder er hat und welche Hobbys. Wir arbeiten bewusst im kleinen Rahmen – und das soll auch so bleiben“, sagt Alagic.

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