Bares wird Rares: Immer mehr Hammer zahlen wegen Corona kontakt- und bargeldlos

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Das Brot mit der Karte zahlen – möglich ist das unter anderem in den Filialen der Bäckerei Potthoff. Eine Fürsprecherin des kontaktlosen Bezahlens war Nicole Potthoff (rechts, im Bild mit Mitarbeiterin Vivien Cornelius) auch vor der Corona-Pandemie schon. Nun ist die Zahl der digitalen Transaktionen signifikant gestiegen.

Hamm - Die Packung Kaugummi an der Tankstelle, die Tüte Lutschpastillen in der Apotheke oder die Handvoll Semmel beim Bäcker – in Hamm geht der Trend selbst bei kleinen Beträgen zum kontaktlosen Bezahlen. Eine Entwicklung, die schon vor Corona festzustellen war, gewinnt in diesen Zeiten an Tempo.

Des Deutschen liebstes Kind war plötzlich nicht mehr das Auto, sondern – Klopapier. Im Rückblick auf die ersten Corona-Wochen werden vor allem die Bilder von leeren Supermarktregalen in Erinnerung bleiben. Doch während sich der Ansturm auf die vor Wochen so begehrten Endlosservietten längst wieder gelegt hat, hat sich ein anderer Trend steil entwickelt: Die Leute zahlen immer öfter per Karte oder Handy. Scheine und Münzen bleiben in der Hose oder gleich ganz zu Hause.

Bäckerei als Vorreiter bei Kleinstsummen

Des Deutschen liebstes Kind – neben dem Auto denkt Nicole Potthoff da vor allem ans Bargeld. Die 50-jährige Unternehmerin, die in der Bäckerei ihres Mannes für den kaufmännischen Bereich zuständig ist, hat dafür zwar Verständnis, liefert aber gerne Gegenargumente. Noch Anfang März hielt sie im Rahmen der Digitalen Woche in Hamm vor Vertretern aus verschiedenen Gewerken ein Referat über das bargeldlose Bezahlen. „Die Sicherheit der EC-Karte ist durch die Deckelung des Betrags für das kontaktfreie Bezahlen (also ohne Geheimnummer) genauso groß wie das übliche Portmonee“, das durch die vielen kleinen Münzen oft aufgebläht sei.

Vor zwei Jahren hat sie für die vier Standorte der Bäckerei Potthoff EC-Karten-Scanner angeschafft. Die Entwicklung seither: Nach einem Jahr hatten wir einen Anteil der bargeldlosen Transaktionen von 2,5 Prozent, nach dem zweiten Jahr von 5 Prozent. Nun, während der Pandemie, sei dieser Anteil zwischenzeitlich auf 30 Prozent gestiegen.

Eisdiele kommt ohne Kartenlesegerät aus

Ganz anders stellt sich die Situation im Eiscafé Casal dar. „Das Café gibt es schon seit 30 Jahren am Marktplatz, viele unserer Gäste sind Stammgäste“, sagt Inhaberin Martina Scapin. Wo Tradition zu Hause ist, wird auf Tradition gesetzt. Ausschließlich Scheine und Münzen wechseln hier im Schatten der Pauluskirche den Besitzer, wenn es ums Bezahlen der erfrischenden Speisen geht.

„Uns fragen nur einige wenige Gäste, ob sie mit Karte zahlen sollen“, berichtet Scapin. Die meisten würden es positiv aufnehmen, dass mit Bargeld bezahlt werde. Einen Kartenscanner gibt es im „Casal“ nicht.

Auch Ältere zahlen mittlerweile bargeldlos

Jenseits der Gastronomie aber nimmt der Siegeszug elektronischer Bezahlverfahren seinen Lauf. Martin Schneiders hat in der Spitzweg-Apotheke festgestellt, dass der Anteil der kontaktarmen Zahlungen in der Corona-Zeit „signifikant größer geworden“ ist. Dazu zählt er explizit nicht nur Zahlungen per Karte, sondern auch solche mit dem Smartphone oder der Smartwatch. Eine entsprechende Umstellung sei an der Werler Straße speziell bei Kunden älteren Semesters zu beobachten gewesen, insbesondere während des Lockdowns im März, als Gesundheitsämter intensiv zu möglichst kontaktfreien Zahlungen rieten.

Mittlerweile sei festzustellen, dass Kunden auch wieder zurück zur Bargeldzahlung wechseln – jedoch nicht alle. Das hat auch Nicole Potthoff so beobachtet. „Je weniger Restriktionen es gab, desto mehr wurde wieder mit Bargeld bezahlt“, trotzdem sei der Anteil jetzt noch deutlich höher als zu Jahresbeginn.

"Bargeld könnte abgeschafft werden"

Welche Zahlungsweise in den Geschäften bevorzugt wird? Martin Schneiders sagt: „Wir bevorzugen grundsätzlich keinen Zahlungsweg.“ Auf der einen Seite seien zwar die Transaktionskosten für elektronische Zahlungen gestiegen. Dafür gebe es sinkende Kosten für das „Bargeldmanagement“. Er meint das regelmäßige Beschaffen von Wechselgeld, das Lagern und Kommissionieren und schließlich das Einzahlen des eingenommenen Geldes aufs Firmenkonto. „Welcher Effekt hier größer ist, wird sich zeigen“, sagt Schneiders.

Nicole Potthoff hat sich längst festgelegt: „Von mir aus könnte das Bargeld abgeschafft werden.“ Klar sei aber auch: Vor allem die jüngere Generation gewöhne sich aktuell schnell an das digitale Bezahlen, „bei Kunden um die 70 oder 80 sieht das noch ganz anders aus.“

Das sagen die Banken

„Einfach die Karte oder das Smartphone nah ans Kassenterminal halten und der Betrag ist bezahlt. Das geht einfach, schnell und ist besonders hygienisch“, nennt Sparkassen-Sprecher Philipp Schönenberg die Vorteile des kontaktlosen Bezahlens. Er sagt: „In der Corona-Zeit gab es auch bei unseren Kunden noch einmal einen deutlichen Schub.“

Die Anzahl der monatlichen kontaktlosen Transaktionen habe bei den Sparkassen-Kunden von Januar zu Mai um mehr als 60 Prozent zugenommen. Der Kontaktlos-Anteil an allen Transaktionen lag laut Schönenberg im Mai (neuere Zahlen lagen gestern noch nicht vor) bei rund 56 Prozent. Das heißt: Mehr als jedes zweite Mal, wenn Besitzer einer Sparkassen-Card bezahlen, machen sie das kontaktlos.

Konkrete Zahlen könne er zwar aktuell nicht liefern. Aber: „Auch wir sehen an den einzelnen Buchungen unserer Kunden einen deutlichen Anstieg der bargeldlosen Bezahlvorgänge“, sagt Burkhard Reher, in Hamm Niederlassungsleiter der Volksbank Dortmund. Schon vor Corona, „über die letzten Jahre“, sei eine steigende Akzeptanz des kontaktlosen Bezahlens feststellbar gewesen.

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