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NS-Zeit falsch dargestellt: Bahn baut Ausstellung wieder ab

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Von: Jörn Funke

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Die Ausstellung zur Geschichte des Hammer Hauptbahnhofs in der Empfangshalle.
So sah die Ausstellung in der Empfangshalle des Hauptbahnhofs aus. Inzwischen ist sie abgebaut worden. © Christoph Nübel

Mit einer Ausstellung wollte die Deutsche Bahn den Hammer Hauptbahnhof würdigen. Für die Opfer des Bombenkriegs fand sie dabei Worte, für die Opfer der Judenverfolgung nicht. Nach der Kritik eines Historikers baute man die Schautafeln schnell wieder ab.

Hamm – Die Deutsche Bahn hat eine Ausstellung zur Geschichte des Hauptbahnhofs nach wenigen Tagen wieder abbauen lassen, weil die Deportation jüdischer Bürger auf den Schautafeln ausgelassen worden waren. Die Ausstellung soll überarbeitet und später erneut gezeigt werden.

Zu sehen waren die Tafeln in der vergangenen Woche in der Empfangshalle des Hauptbahnhofs. Sie sollten die Geschichte des Gebäudes erläutern und erhielten auch einen längeren Passus über den Zweiten Weltkrieg. Dort war von den Opfern des Luftkriegs die Rede, nicht aber von den jüdischen Hammern, die am Hauptbahnhof den Weg in die Vernichtungslager antreten mussten.

Historiker kritisiert die Bahn per Twitter

Aufgefallen war die Lücke dem Potsdamer Historiker Dr. Christoph Nübel, der sich die Ausstellung am Samstag beim Umsteigen in Hamm angesehen hatte. Nachdem Nübel die Bahn per Twitter kritisiert hatte, reagierte das Unternehmen schnell: Die Tafeln wurden am Dienstag abgebaut.

„Nach Kritik an den Inhalten der Darstellung zur NS-Zeit hat sich die Deutsche Bahn dazu entschieden, die Infotafeln abzubauen und zu überarbeiten“, sagte ein Bahnsprecher auf WA-Anfrage. „Die Deutsche Bahn ist sich ihrer historischen Verantwortung bewusst und bedauert die Veröffentlichung sehr.“

Die Ausstellung war für das 100-jährige Bestehen des Empfangsgebäudes 2020 erstellt worden, damals aber Corona-bedingt nicht gezeigt worden. Jetzt waren die Tafeln zum 175-jährigen Bestehen der Köln-Mindener Eisenbahn reaktiviert worden.

„Bahngeschichte ist immer Gesellschaftsgeschichte“

Nübel zeigte sich gegenüber unserer Zeitung befremdet über die Ausstellung. Bahngeschichte sei immer auch Gesellschaftsgeschichte. Genauso wie die Bombenangriffe gehörten die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und die Zwangsarbeiter in diesen Zusammenhang. Die Auslassung sei umso unverständlicher, da das Wissen über das Geschehen ja vorhanden sei. Nübel hatte im Internet Informationen des Stadtarchivs über das Barackenlager am Bahnhof gefunden, in dem die jüdischen Bürger vor ihrer Deportation interniert worden waren.

Der Historiker, der am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr arbeitet, zeigte sich auch erstaunt über handwerkliche Fehler der Ausstellung. Die Texte seien sprachlich uneben, die extrem breite Textformatierung unüblich. Die Deutsche Bahn wollte sich zu den Entstehungsumständen nicht äußern. Wie lange die Überarbeitung dauere und wann mit einer Neupräsentation zu rechnen ist, sei derzeit nicht abzusehen, sagte der Bahnsprecher.

78 jüdische Bürger aus Hamm wurden per Bahn deportiert

78 Hammer Juden waren 1942/43 zunächst nach Dortmund gebracht und von dort unter anderem nach Auschwitz deportiert worden. Niemand überlebte. Von 53 Sinti überlebten nur acht das Vernichtungslager. Dazu kamen Züge mit NS-Opfern aus anderen Städten, die Hamm passierten, unter anderem ein Transport 1941 mit 1 007 Juden aus Düsseldorf.

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