Mutter und Tochter in Not

Weil Bafög-Amt trödelt: Studentin und krebskranke Tochter mittellos

Catharina Griese und ihre krebskranke Tochter Lilyana haben kein Bafög erhalten, das Amt bearbeitete den Antrag nicht
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Studentin Catharina Griese und ihre kranke Tochter benötigen jeden Cent für die Behandlung des Kindes und die Bewältigung ihres Alltags.

Eigentlich bräuchte Catharina Griese all ihre Kraft für ihre lebensbedrohlich erkrankte Tochter Lilyana und ihr Studium. Doch nun sorgt sie sich vor allem ums Geld: Das Bafög-Amt hat ihren Antrag auf Ausbildungsförderung seit Mai nicht bearbeitet.

Hamm – Lilyana sagt kein Wort. Die Achtjährige sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer, hinter ihr an der Wand hängen Bilder über Bilder, die sie gemalt hat. Sie kuschelt mit ihrem Kaninchen Rose, lächelt schüchtern. Auf dem Kopf trägt sie eine Mütze, die die Folgen der Chemotherapie verdeckt. Drei- bis viermal pro Woche bricht ihre Mutter, Catharina Griese, mit Lilyana aus der Wohnung in Pelkum auf und fährt nach Datteln in eine Spezialklinik. Dort wird Lilyana behandelt, seit im August Leukämie bei ihr diagnostiziert wurde.

TitelBundesausbildungsförderungsgesetz
AbkürzungBAföG
ArtBundesgesetz
Inkrafttreten1. September 1971
HauptzielErhöhung der Chancengleichheit im Bildungswesen

Studentin und krebskranke Tochter mit Geldorgen: Keine Zeit für einen Job

Lilyanas Mutter bräuchte eigentlich all ihre Energie, um sich um das Mädchen zu kümmern und nebenher ihr Studium zu stemmen. Stattdessen plagen sie Geldsorgen. „Wenn in den nächsten Tagen nichts passiert, weiß ich nicht, wie ich das Essen und das Benzin für die Fahrten nach Datteln bezahlen soll“, sagte die 28-Jährige dem WA vor wenigen Tagen. Für sie ist es eine Frage über Leben und Tod. Erhält sie kein Geld, kann sie nicht zur Behandlung der Tochter fahren.

Griese studiert seit 2019 an der TU Dortmund Erziehungswissenschaften. Zeit für einen Job bleibt ihr nicht. Ihre Eltern zahlen keinen Unterhalt, auch von Lilyanas Vater bekommen die beiden keinen Cent. Deshalb erhält Griese 200 Euro Unterhaltsvorschuss von der Stadt Hamm – gedacht ist er für Lilyana, das Geld reicht nicht, um zu Zweit davon zu leben.

Griese hatte deshalb bereits im vergangenen Jahr einen Antrag auf Bafög gestellt. Es dauerte schon damals Monate, bis er bearbeitet wurde. Bewilligt wurde das Geld für ein Jahr, für die Zeit danach musste sie erneut einen Antrag stellen. Die Studentin aus Hamm erledigte das im Mai, lediglich die Studienbescheinigung reichte sie nach: Sie hatte sie erst im September erhalten, gab sie dann direkt ans Bafög-Amt weiter.

Studentin und krebskranke Tochter mit Geldorgen: „Man hatte kein Verständnis, warum ich mich so aufrege“

Der Großteil der Unterlagen lag also fünf Monate früher vor, als etwas gezahlt werden sollte. Eigentlich sollen zwei bis drei Monate Bearbeitungszeit ausreichen, heißt es vom Studierendenwerk. Doch bis Anfang Oktober passierte: nichts. Kein Geld, keine Antwort vom Bafög-Amt. Griese ging zu dem Amt und schilderte ihre Verzweiflung. „Man hatte kein Verständnis dafür, dass ich mich aufrege“, sagt sie. „Sie meinten, das brauche Zeit. Sie würden den Antrag zu den anderen legen, die etwas früher bearbeitet werden sollen.“

Immer wieder brechen Studenten wegen ihrer finanziellen Lage das Studium ab, erklärt Mira Kossakowski von der Studierendenvertretung Asta in Dortmund. Bafög-Anträge würden häufig erst sehr spät bearbeitet. „Das liegt nicht nur an der Coronakrise, sondern auch daran, dass die Bafög-Ämter seit Jahren chronisch unterbesetzt sind.“ Die Coronakrise habe die Lage verschärft, da das Studierendenwerk nun zusätzlich die Auszahlung von Überbrückungshilfen verantwortet. Generell haben in der Krise viele Studenten finanzielle Sorgen.

Kossakowski schildert, dass es schwierig sei, die Elternschaft mit dem Studium zu verbinden. Der Asta möchte deshalb unter anderem ein Teilzeitstudium durchsetzen.

Studentin und krebskranke Tochter mit Geldorgen: Abbruch des Studiums einzige Option?

Auch Griese hat schon überlegt, ihr Studium abzubrechen, um zu arbeiten. Doch sie hat für sich entschieden, dass das nicht in Frage kommt. „Dafür habe ich zu viel investiert, um jetzt überhaupt studieren zu können.“ Ihr Weg dahin war nicht leicht: Sie machte zunächst einen Realschulabschluss, wollte dann das Fachabitur ablegen, wurde aber schwanger. Sie brach das Fachabi ab, begann eine Ausbildung. Auch das klappte nicht. Schließlich machte sie mit 27 Jahren im Abendstudium ihr Vollabitur und schrieb sich direkt danach an der TU Dortmund ein. An den Erziehungswissenschaften begeistert sie vor allem die Mischung aus Pädagogik und Psychologie. „Nach dem Bachelor würde ich gern einen Master machen“, sagt sie. Danach möchte sie beratend tätig sein.

Doch ob sie so weit kommt? Griese lebte in den letzten Tagen von Erspartem und dem Unterhaltsvorschuss. Das Geld würde bald ausgehen, sagte sie. Im Notfall kann der Asta in solchen Fällen ein Darlehen gewähren. Bisher fehlte Griese angesichts der Erkrankung ihrer Tochter aber die Zeit, sich darum zu kümmern. „Ich sehe auch nicht ein, dass hier andere einspringen, weil das Bafög-Amt seine Aufgaben nicht erledigt“, sagt die Studentin.

Als unsere Redaktion beim Studierendenwerk wegen des Falles anfragte, meldete sich das Bafög-Amt umgehend bei der Hammer Studentin – und zahlte prompt. Griese hofft, dass das Amt im kommenden Jahr schneller zahlt.

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