Im Januar

Schluss mit Sauerteig: Bäckerei Brockmann am Bockelweg schließt

Entscheidung getroffen: Bernd und Sabine Brockmann schließen ihre Bäckerei am Bockelweg.
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Entscheidung getroffen: Bernd und Sabine Brockmann schließen ihre Bäckerei am Bockelweg.

Er ist der Mann mit der Leidenschaft für Brot, und er hört auf: Zum 31. Januar schließt Bernd Brockmann seine Bäckerei am Bockelweg der Gesundheit wegen.

Heessen – Wenn der Bäckermeister, geboren 1964, von seinem Beruf erzählt, kommt er ins Schwärmen. Bockshornklee zum Beispiel: Das südtiroler Brotgewürz hat er eine Zeit lang in seinem „Vinschgauer“ angeboten, und der Bockshornklee sorgte für einen unverwechselbar kräftigen Geschmack. Oder: Brockmann kann ganz genau beschreiben, warum er den Sauerteig ganz traditionell herstellt.

Die Entscheidung hat er sich nicht leicht gemacht und mit Familie und Freunden genau besprochen – aber Fakt ist: Der Stress muss weg. Damit endet eine über drei Generationen gehende Tradition in Heessen, denn schon Brockmanns Großvater hat eine Bäckerei betrieben, die Brockmanns Urgroßvater gekauft hat.

Brockmannsche Backtradition am Bockelweg seit 1933

Das war Friederich Simmendinger. Er erwarb die 1919 gegründete Bäckerei am Bockelweg von Hermann Spohr 1933. Sein Sohn Fritz Simmendinger bestand seine Meisterprüfung im Bäckerhandwerk am 3. März 1933 und begründete die Brockmannsche Backtradition.

Die hätte vor 1945 auch schon wieder enden können, denn als der Krieg voranschritt, wurde irgendwann auch Brockmanns Großvater eingezogen. Seine Frau Änne Simmendinger führte die Bäckerei weiter, und dafür wurde ihr ein russischer Kriegsgefangener zur Seite gestellt, der das Bäckerhandwerk beherrschte. „Meine Oma hat mir mal erzählt, dass der Ortsgruppenführer ihr sagte: ,Änne, fütter’ den nicht so viel, wenn er stirbt, kriegst du einen neuen‘“, erinnert sich Brockmann. Fakt ist: Der Kriegsgefangene blieb bis Kriegsende in der Bäckerei, blieb auch in Deutschland, und Bernd Brockmann lernte ihn 1972 als Kind kennen.

Leidenschaftlicher Bäcker - wie der Großvater vor ihm

Sein Opa war wie Brockmann heute leidenschaftlicher Bäcker. Sein Vater hingegen, Jahrgang 1931, der Anfang der Sechzigerjahre in die Familie einheiratete, hatte andere Leidenschaften. Seine Bäckerlehre machte er bei Austermann und schloss dann eine Konditorenlehre an – „mit C“, sagt Brockmann, „Conditor mit C, das musste damals sein.“ Er habe lieber Figürchen aus Marzipan geformt als den Brotteig geknetet.

Brockmanns Vater hatte aber noch weitere Ambitionen – eine dritte Lehre: Im Kaiserhof in Münster lernte er den Beruf des Kochs. Damit ging er nach Bremen, lernte einen Kapitän kennen und befuhr fünf Jahre lang die Weltmeere, zweieinhalb Jahre zwischen Nordamerika und Europa, zweieinhalb Jahre die Route nach Asien. Das Schiff: Die MS Europa, ein Frachter, der auch Passagiere mitnahm.

Danach wurde nach Heessen zurückgerufen, weil er die Kneipe der Familie weiterführen sollte. Er lernte Bernd Brockmanns Mutter kennen und stieg in die Bäckerei ein. Während Brockmanns Opa die Mokka-Sahne-Torte mal an die Wand knallte, weil sie nicht gelang, konzentrierte sich Brockmanns Vater auf Törtchen und Teilchen. Für das Brot war später der Bäcker Karl-Heinz Prinz zuständig. Von dem sagt Brockmann: „Von ihm habe ich alles über das Brot kennengelernt.“

In der Backstube gespielt, bevor er laufen konnte

Bernd Brockmann, der in der Backstube spielte, bevor er laufen konnte, war der Beruf in die Wiege gelegt. Er verließ die Hauptschule nach der neunten Klasse, lernte im väterlichen Betrieb, bestand 1982 die Gesellen- und 1986 die Meisterprüfung. „Ich hatte alle Zeit der Welt, alles zu lernen“, sagt Brockmann, und das gibt er auch weiter im Aufsichtsrat der Einkaufsgenossenschaft der Bäcker und Konditoren, im Vorstand der Bäckerinnung, im Prüfungsausschuss, deren Vorsitz er 1999 übernahm, im Meisterprüfungsausschuss der Handwerkskammer Dortmund – und als ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht in Hamm.

Aber lieber spricht er über das Backen. „Vernünftiges Brot“ könne man vier, fünf Tage lang essen. Manche moderne Backmethoden lehnt er ab. „Den Sauerteig mache morgens frisch, lasse ihn liegen und backe ihn am nächsten Tag“, sagt er, „ich arbeite nicht mit Säuerungsmitteln.“ Und dann berichtet er von den 17 000 Brötchen, die früher in der Bäckerei für den Weihnachtstag mit der Hand geformt wurden, und spricht über alte Getreidesorten wie Emmer oder Einkorn und über Gewürze.

Nach Schließung von Brockmann: Keine Bäckerei mehr am Bockelweg

Wie Bockshornklee. Das Vinschgauer Brot nahm er wieder aus dem Programm. Die einen Kunden liebten das würzig duftende Brot, die anderen konnten es nicht riechen. „Meine Frau hat irgendwann gesagt, sie könne das Gewürz im Laden nicht mehr riechen“, sagt der Bäckermeister Bernd Brockmann, „da habe ich das Vinschgauer nicht mehr gebacken.“

Mit der Schließung der Bäckerei Brockmann wird voraussichtlich kein Bäcker im Bockelweg produzieren und verkaufen. Es habe Interessenten gegeben, sagt Bernd Brockmann, aber es habe einfach nicht gepasst. So wird er – Stand jetzt – das Ladenlokal mittelfristig zu einem Wohnraum umbauen, möglicherweise wir die jetzt genutzte Gewerbefläche eine Wohnung. Aber das geht der Bäckermeister ruhig an.

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