Ein Zeitzeuge aus Hamm erinnert sich

Baden in der Lippe? Das war zwar schon immer verboten - aber...

+

Sommer, Sonne, Ferien – da zieht es auch in Hamm viele Menschen zum Wasser, um zu baden, Spaß zu haben und sich abzukühlen. Vorbei sind die Zeiten, in denen man in der Lippe baden konnte. An die erinnert sich der Bockum-Höveler Karlheinz Jenzelewski aber noch sehr gut.

Bockum-Hövel – Karlheinz Jenzelewski kennt noch die Zeit, in der die Lippe in ihrem alten Bett floss. Durch Uferabbrüche waren damals zwei Badestellen entstanden. Das muss vor 1940 gewesen sein. Denn 1940/1941 wurde der Abschnitt, an dem sie lagen, durch die Lipperegulierung zum Altgewässer. In den letzten Kriegsjahren gingen er und sein Bruder Hans oft dorthin. Sie wohnten zunächst an der Karwinkelstraße und später an der Bülowstraße.

„Wir besuchten mit den Kindern der Wittekindstraße, der Haberkampstraße und der Laakerholzstraße die damalige Hindenburgschule, die heutige Von-Vincke-Schule“, erinnert sich Jenzelewski. Wenn sie dann einmal früher nach Hause gingen, nahmen sie nicht den direkten Weg, sondern besuchten zuvor die Badestellen in der Lippeaue. Selbst bei Fliegeralarm seien sie manchmal dort gewesen. „Gegenüber am Kanal lag die Flakbatterie. Und wenn es ernst wurde, gingen dort die Rohre der Geschütze hoch. Unsere Eltern durften davon natürlich nichts wissen“, berichtet Jenzelewski.

„Bei schönem Wetter herrschte an beiden Badestellen ein reges Treiben. Unterhalb der Abbruchkante war auch ein Flachwasserbereich entstanden. Ein dicker Baumstamm, auf dem man stehen konnte, lag auf dem Gewässergrund und ragte ein Stück weit in den früheren Flusslauf hinein. So konnten auch Nichtschwimmer ein Bad nehmen“, berichtet er. Und natürlich habe er damals den Altarm auf der gesamten Länge durchschwommen.

An jeder Lippe-Badestelle oft mehr als 20 Personen

An jeder Badestelle seien es oft 20 Personen und mehr gewesen, Männer, Frauen und Kinder. An einer sei sogar ein Sprungbrett aufgebaut worden. Zudem habe eine Brücke mit einer Gasleitung über den Altarm geführt. Auch von dort seien er und viele andere heruntergesprungen. Das war schon damals gefährlich. „Mir sind zwei Fälle bekannt, bei denen drei Personen, zwei Männer und ein Kind, zu Tode kamen“, so Jenzelewski.

Aufgezeichnet: Karlheinz Jenzelewski zeigt die Badestelle am Lippealtarm.

Insbesondere nach dem Krieg sei das Badeleben an beiden Stellen besonders aufgeblüht. Anfang der 1950er Jahre habe das Interesse dann immer mehr nachgelassen. Die öffentlichen Freibäder seien attraktiver gewesen und die jungen Menschen mobiler geworden. Zudem seien die Steilufer durch Bergsenkungen verschwunden. Und die Bauern hätten Wiesen und Weiden an den Badestellen in Äcker umgewandelt. Schließlich seien auch noch Abwässer aus der Kläranlage eingeleitet worden.

Baden in der Lippe auch gesundheitlich bedenklich

Legal war das Baden an der Alten Lippe nie“, stellt Jenzelewski fest. Heute sei es nicht zuletzt deshalb verboten, weil die Alte Lippe zum Kernstück des gleichnamigen Naturschutz- und Fauna-Flora-Habitat-Gebiets (FFH-Gebiet) gehöre.

Doch auch aus gesundheitlichen Gründen rät Jenzelewski dringend vom Bad im Lippe-Altarm ab. Die Wasserqualität sei nicht gut. So sei die Alte Lippe zu einem eutrophen Stillgewässer geworden. Das seien Gewässer, in denen sich Nährstoffe anreicherten. Die würden von den umliegenden Äckern, die bis nah ans Ufer heranreichten, eingetragen. In den vergangenen Jahren habe sich daher auch ein starker Algenbewuchs gebildet.

Aktuell werden im Innenstadtbereich die Voraussetzungen für einen Lippestrand geschaffen. Dieser soll im Rahmen des "Erlebensraums" zwar Freizeitmöglichkeiten bieten, Baden wird aber auch dort nicht erlaubt sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare