Pleite-Firma aus Düsseldorf

Insolvenz von Dienstleister trifft Apotheken in Hamm

Das Symbolbild einer Apotheke
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In Hamm sind drei Apotheken von der AvP-Insolvenz betroffen

Hamm - Drei Apotheker in Hamm sind nach Auskunft von Martin Schwarzer, Vorsitzender der Bezirksgruppe Hamm im Apothekerverband Westfalen-Lippe, von der Insolvenz des Apotheken-Dienstleisters AvP betroffen.

Als ob die Corona-Pandemie und Engpässe bei der Medikamentenversorgung nicht reichen würden, hat einige Apotheker ein weiterer Schicksalsschlag ereilt: Ihre komplette Einkommensgrundlage ist bereits zeitweise zunichte gemacht worden durch die Insolvenz des Dienstleisters AvP: Insgesamt rechnen über die Firma mit Hauptsitz in Düsseldorf rechneten bisher rund 3500 Apotheken in Deutschland ihre Rezepte mit den Krankenkassen ab.

Rezepte über Dienstleister – von denen es mehr als nur AvP gibt – bei Krankenkassen abzurechnen, ist laut Schwarzer das übliche Verfahren. „Das geht auch gar nicht mehr anders“, sagt er angesichts der Fülle unterschiedlicher Krankenkassen: 105 gab es laut Spitzenverband Bund der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) Anfang des Jahres – „nur“ noch: Im Jahr 2000 waren es noch 420, 1970 sogar 1815. Die Digitalisierung lässt es laut Schwarzer gar nicht mehr zu, dass jeder einzelne Apotheker jedes einzelne Rezept mit einer der Krankenkassen abrechnet. Als jemand, der aus einer alten Apothekerfamilie kommt, kennt er es allerdings auch noch anders: Bei seinem Großvater seien die Rezepte – sortiert nach Krankenkassen – in Schubladen gesammelt worden.

Rezepte werden kartonweise abgeholt

Heute würden die Rezepte natürlich immer noch gesammelt – aber alle kommen laut Schwarzer in einen großen Karton, der alle vier Wochen von einem Boten des Dienstleisters abgeholt wird. Etwa bis zum 10. eines Monats werde ein Abschlag auf das Konto des Apothekers gezahlt, einige Tage später folge dann die monatliche Schlussabrechnung.

Und dabei geht es um erhebliche Summen, die pro Apotheke 100 000 Euro und mehr ausmachen können. Umsatz wohlgemerkt – nicht Verdienst. Und wenn ein Apotheker womöglich drei Filialen betreibt, erhöht sich der Umsatz entsprechend. Schwarzer: „Da kommen schon mal locker 400 000 Euro zusammen. Wenn die nicht wieder reinkommen, geht es ans Eingemachte.“ Um die eigene Insolvenz abzuwenden, müssen eigene finanzielle Rücklagen bis hin zur Alterssicherung eingebracht oder Kredite aufgenommen werden. Schließlich sollen auch die Angestellten weiter ihr Gehalt bekommen.

Großhandel verzichtet nicht auf sein Geld

Und: Der Großhandel will bezahlt werden. Medizin hat gerade in Deutschland ihren Preis; die fünf Euro Selbstbeteiligung pro Medikament stellen meist nur einen Bruchteil der tatsächlichen Kosten dar. Und: „Die Apotheker treten in Vorleistung beim Einkauf“, sagt Martin Schwarzer von der Hirsch-Apotheke. Fallen ein oder zwei Monate Einnahmen durch Rezepte weg, wird es schwierig, denn sie machen laut Schwarzer gut 80 Prozent aus. Der Großhandel werde nicht auf seine Einnahmen verzichten, allerdings habe er gehört, dass es kulante Regelungen bei der Abrechnung gebe. Hilfsfonds des Bundes für die betroffenen Apotheken gibt es nicht, allerdings können laut Bundeswirtschaftsministerium vergünstigte Kredite bei der staatlichen KfW-Bank beantragt werden.

Bei AvP sind rund 300 Millionen Euro „verschwunden“. Die „Unregelmäßigkeiten“ sind offenbar bei der handelsrechtlich vorgeschriebenen Jahresabschlussprüfung durch einen Wirtschaftsprüfer aufgefallen, daraufhin schritt im September die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ein; das Insolvenzverfahren selbst ist am 1. November gestartet. Die Gebühren, die die Apotheker für die Abrechnung bezahlen müssen, seien im Vergleich zu anderen Dienstleistern „signifikant niedriger“ gewesen, teilte der Insolvenzverwalter mit.

Das Defizit in der Kasse sei auch entstanden, weil es „die eine oder andere Entnahme“ gegeben habe. Ob es sich dabei um kriminelle Machenschaften wie beim Wirecard-Skandal handelt, bleibt vorerst offen. Das Insolvenzverfahren läuft. Apotheker sollten ihre Forderungen anmelden. Wie viel Geld sie zurückerhalten und ob überhaupt, steht zum jetzigen Zeitpunkt nicht fest.

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