Neue Heimat

Ausstieg im Rentenalter: Gerda und Frank Bierkemper haben Hamm den Rücken gekehrt

Überwintern im Warmen: Gerda und Frank Bierkemper touren mit dem Wohnmobil durch Spanien.
+
Tschüss, Hamm: Gerda und Frank Bierkemper sind ausgestiegen. Der neue Wohnsitz ist in den Niederlanden.

Gerda und Frank Bierkemper haben den Ausstieg gewagt – und Hamm und Deutschland den Rücken gekehrt.

Hamm - Sie sind zwei, die sich einmischen und Spuren hinterlassen, weil sie die Sache mit der gesellschaftlichen Verantwortung ernst nehmen. Das haben sie in Hamm vielfach getan, nicht zuletzt durch ihr langjähriges Engagement für das Tierheim und den Tierschutzverein. Nun haben Gerda und Frank Bierkemper den Ausstieg gewagt, passend zum Eintritt in den beruflichen Ruhestand.

Wären die Bierkempers nicht gewesen, das Hammer Tierheim wäre womöglich seit einigen Jahren Geschichte. Entsetzt über die dortigen Zustände und alarmiert durch die desaströse finanzielle Situation der Einrichtung, trat das Paar vor 15 Jahren dem Hammer Tierschutzverein bei und ließ sich in den Vorstand wählen.

Hammer Aussteiger und ihr neues Leben: 2019 das Reihenhaus ausgeräumt

Es war ein langer Weg hin zur friedlichen Koexistenz mit dem benachbarten Kleingartenverein, tierwürdigen Zuständen und guten Vermittlungszahlen. Aber das Unternehmen glückte – viele Menschen in der Region haben seither ihren besten Freund oder Lieblingsmitbewohner im Hammer Tierheim gefunden. Im September nun haben die beiden sich komplett aus der Vereinsarbeit zurückgezogen. „Es gibt eine neue Leitung, die wir selbst ausgebildet haben und die ihre Sache gut macht. Klar möchte man manchmal noch mitreden, aber das lassen wir, das ist besser so“, sagt Frank Bierkemper und lacht.

Es ist eine der letzten Verbindungen nach Hamm gewesen, die sie gekappt haben. 2019 haben sie ihr Reihenhaus ausgeräumt. „Das waren 120 Quadratmeter mit noch einmal so viel Kellerfläche, da haben wir uns drin verloren“, konstatiert Bierkemper. Online gingen die beiden auf die Suche nach einem schnuckeligen Chalet und wurden schließlich in den Niederlanden in der Feriensiedlung Wellerlooi, nahe des nationalen Naturschutzgebietes De Hamert, fündig.

Hammer Aussteiger und ihr neues Leben: Umzug in die Ruhe der Natur

57 Quadratmeter, Wohmobilstellplatz dabei und ein gemeinschaftlich genutzter Pool sowie ein Restaurant nur wenige Schritte vom Haus entfernt – mehr Urlaubsgefühl kann ein Domizil kaum erzeugen. „Wir haben dennoch lange überlegt, ob wir den Schritt wagen sollen. Ein anderes Land, eine andere Sprache, die wir natürlich noch lernen müssen, das gebietet einfach der Respekt vor den Niederländern… Aktuell schlagen wir uns noch mit Englisch durch. Freunde haben uns immer wieder gefragt, ob wir das wirklich machen wollen“, erinnert sich Frank Bierkemper an die schwierige Phase der Entscheidungsfindung.

Urlaubsgefühle an der Atlantikküste: Gerda Bierkemper mit Hund Leika am Strand.

Dass nach der Rente noch etwas kommen musste, war für beide schon früh klar gewesen. Ebenso, dass die Veränderung mit einem Umzug in die Ruhe und Schönheit der Natur einhergehen würde. Die Tochter und die Enkel leben nicht in Hamm, so dass familiäre Bindungen bei der Planung eine untergeordnete Rolle spielten. Schließlich entschied sich das Paar für eine Lösung mit Netz und doppeltem Boden: Sie kauften das niederländische Chalet, bauten es nach ihren Wünschen um, sicherten sich zusätzlich einen deutschen Wohnsitz, indem sie auf dem Hof von Freunden in Sachsen eine weitere Unterkunft bezogen.

Hammer Aussteiger und ihr neues Leben: Zeit für gemeinsame Erlebnisse

Für Frank Bierkemper war am 1. Juli endgültig Schluss mit dem Berufsleben: 26 Jahre Stadthalle Kamen – zuletzt als Prokurist; in Hamm hatte er zuvor im Maxipark versucht, mit begrenztem Budget das Maximum an Künstlern in den noch jungen Park zu holen und ihn so über Hamms Grenzen hinaus bekannt zu machen. Die Kontakte zu den Kreativen, den Künstlern und Machern schätzt er bis heute und pflegt die Freundschaften, die nicht zuletzt auch aus dem bewegten Berufsleben hervorgegangen sind. Und dann all die Jahre in der SPD, in der Bezirksvertretung, im Rat. Heute bezeichnet sich Bierkemper als „sozialdemokratisch Denkenden ohne Parteibuch“.

Seine zweite Ehe mit Gerda und eine Erkrankung, die beide gemeinsam durchgestanden haben, hat den Blickwinkel ein bisschen verändert und zu einer Umverteilung der Kräfte geführt. Gemeinsame Zeit und gemeinsame Erlebnisse – beides ist wichtiger geworden.

Hammer Aussteiger und ihr neues Leben: Mit dem Wohnmobil an der Atlantikküste

Vor wenigen Tagen hat Bierkemper sein Wohnmobil, eine gebraucht gekaufte Dethleffs EightyII Sonderedition, an der spanischen Atlantikküste geparkt. Seit Oktober sind die Bierkempers bereits auf Tour, Kurs Sonne, Süden, Wohlfühlen. Die Wintermonate wollen sie im Warmen verbringen. Portugal werden sie meiden: „Die Situation dort ist Corona-bedingt schwierig. Es gibt viele Auflagen.“

Mit an Bord sind Dobermann Buba und Malinois-Schäferhündin Leika, die natürlich auch beide aus dem Hammer Tierheim stammen und jeden potenziellen Einbrecher in die Flucht schlagen, wenn das Wohnmobil mal wieder auf einer einsamen Klippe mit Panoramablick parkt und das Paar den Sonnenuntergang bei einem leckeren Essen und einem Glas Wein genießt. Dabei sind die beiden Fellnasen eigentlich echte Kuschelexperten.

Mit dem Wohnmobil tourt das Ehepaar Bierkemper durch den europäischen Süden.

Die aktuelle Tour soll bis April dauern und wird online für Familie und Freunde dokumentiert. Mancher der europaweit in vorherigen (Camping-)Urlauben geknüpften Kontakte wird auf der Reise mit neuem Leben gefüllt, da die Bierkempers ohnehin ja gerade vorbeigerollt kommen.

Hammer Aussteiger und ihr neues Leben: Wohnmobil mit eingebauter Kaffeemaschine

„Im April müssen wir dann in Deutschland Tabletten für Buba abholen. Das könnten wir wohl auch woanders organisieren, aber die sonnigen Monate wollen wir dann doch gerne wieder in Deutschland und den Niederlanden verbringen“, sagt Frank Bierkemper, der auf Reisen gerne und viel schreibt, Alltagsbeobachtungen notiert und Begegnungen und Erlebnisse gerne in Buchform bringen würde.

2004 hatte sich das Paar erstmals einen Campingbulli zugelegt. Es folgte das Wohnmobil mit dem Luxuszusatz wie der eingebauten Kaffeemaschine. Nun sind auch noch Weihnachtsdeko und Lichterkette angebracht. An letzterer ist das rollende Zuhause gut zu erkennen – wenn auch nicht gerade hier in Deutschland.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare