Selbsthilfe in Hamm auf Eis gelegt

Ausgleich durch Alkohol: Corona verstärkt die Sucht nach Hochprozentigem

Die drei Männer waren laut Polizei stark alkoholisiert.
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Mehr verlangen nach Alkohol: Die Sucht wird durch die Corona-Pandemie verstärkt.

Schlagzeilen im Februar 2021: Brauereien müssen um ihre Existenz bangen, der Bierabsatz ist im Keller. Ist ja klar: geschlossene Restaurants und Kneipen, keine Partys: der Umsatz der Braubranche sank im Jahr 2020 um 5,5 Prozent.

Hamm – „Ja, das habe ich auch gelesen“, sagt Heinz Rode. „Aber das Alkoholproblem ist nach wie vor vorhanden. Aufgrund der Corona-Krise gibt es eher mehr Alkoholkranke. Diese Menschen trinken in einer anderen Qualität – da geht es eher um Wodka, Korn.“

Rode muss es wissen. Der 75-Jährige ist seit vielen Jahren Abstinenzler – am 13. März werden es 46 sein – und hat vor 37 Jahren die Selbsthilfegruppe Abstinenzforum e.V. gegründet, die Alkoholkranken Hilfestellung auf dem Weg aus der Sucht anbietet. „Die Corona-Krise hat sehr große Auswirkungen auf den Alkoholkonsum der Menschen“, ist sich Rode sicher, der den größten Teil seines Berufslebens als Arbeitspädagoge verbracht hat und auch nach seinem Eintritt ins Rentenalter im Jahr 2008 noch immer verantwortlich für das Abstinenzforum ist. „Die Leute sind in Kurzarbeit, können ihre Hobbys nicht ausüben oder gewohnte Freizeitaktivitäten nicht nachgehen. Das erzeugt Frust. Und viele, die sich damit nicht auseinandersetzen können, versuchen das mit Alkohol auszugleichen.“

Selbsthilfegruppe nutzt Alternativen für Treffen

45 Betroffene zählt das Abstinenzforum, „mehr Frauen als Männer“, sagt Rode, der allein im Januar 20 Anrufe von Hilfesuchenden bekommen hat, „die gefragt haben, was sie machen sollen. Ich bin daran interessiert, dass der Partner zu den Gruppentreffen mitkommt. Alkoholsucht ist eine Krankheit, an der die Familien mehr leiden als der Betreffende selbst“.

Das Treffen in der Gruppe fällt aufgrund der Corona-Beschränkungen derzeit aus. Alternativen sind WhatsApp-Kontakte oder der klassische Spaziergang durch die Fußgängerzone. Mit vier, fünf der jüngsten Anrufer ist Rode in Kontakt geblieben. Dem ersten persönlichen Treffen folgten viele Telefongespräche. Denn das wichtigste ist der regelmäßige Austausch. „Die Gruppe existiert seit 1983, und so groß ist die Fluktuation gar nicht“, sagt Rode.

„Wir haben einen Stamm, der seit Jahren kommt. Aber es gibt natürlich auch Leute, die nach einem halben Jahr Gruppenarbeit meinen, sie wüssten Bescheid. Ich bin da anderer Meinung. Man kann sich da schnell überschätzen. Ich weiß ja nicht, wie es mir am 14. März geht. Es ist wichtig, langfristig damit umzugehen. Wenn ich keine Kontakte habe oder die Geschichte vernachlässige, fange ich leicht an, zu bagatellisieren. Das kann brenzlig werden und kann schnell in einen Rückfall münden.“

Corona verstärkt Alkoholsucht

Gerade in Corona-Zeiten wirkt die auferlegte Einsamkeit problemverstärkend. „Dieses Gefühl, nicht gebraucht zu werden, viele wissen nicht, warum sie morgens aufstehen sollen“, erklärt Rode. „Wir müssen Ziele haben, neugierig bleiben, interessiert. Wir brauchen konstruktive Auseinandersetzung, Stress – all diese Dinge halten uns am Leben.“

Wichtig, ist, effektiv helfen zu können. Daher steht Rode auch bei Bedarf im Austausch mit anderen Suchtberatungsstellen der Stadt – etwa der Caritas oder der Diakonie oder anderen Institutionen. „Wir sind zwar selbstständig. Aber wenn ich Fragen habe, wende ich mich auch an diese Stellen. Schließlich haben wir alle das gleiche Ziel – nur unterschiedliche Ansätze.“

Lernen mit der Krankheit zu leben

Als Mensch mit mehreren Vorerkrankungen gehört Rode zur Risikogruppe. In seiner Jugend musste ihm ein Teil der Lunge entfernt werden. Andere Krankheiten wie Schlaganfall oder Darmverschluss überstand er im Lauf seines Lebens. Und auch Corona will er überleben. „Grundsätzlich verstehe ich nicht, dass es immer noch Leute gibt, die gegen die Maßnahmen protestieren“, sagt er. „Diese Leute sorgen dafür, dass die Welle anhält und die Krankheit sich weiter verbreitet.“

Er selbst kommt gut mit dem Lockdown klar. „Ich sehe das nicht als Einschränkung“, betont er. „Ich kann spazieren gehen, einkaufen, im Prinzip machen, was ich will. Und was bleibt uns anderes übrig, als vernünftig mit der Krise umzugehen? Das ist wie die Alkoholkrankheit: Du musst lernen, damit zu leben, ohne ihn zu gebrauchen. Ich mache das nun schon seit 46 Jahren.“

Das Abstinenzforum Hamm ist unter Telefon 02381/21677 erreichbar, genauso wie hier auf der Homepage des Abstinenzforums. Hilfe für Betroffene und Angehörige gibt es auch beim Gesundheitsamt Hamm unter Telefon 17 64 01, oder bei der Caritas unter 144 430.

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