Mediziner immer älter

Junge Ärzte meiden Hamm - Liegt's nur am miesen Image der Stadt?

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Ganz so schlimm ist es noch nicht – dennoch: Hamms Ärzte arbeiten teilweise weit über die Ruhestandsgrenze hinaus.

Hamm - Einen Arzt zu finden, könnte für die Hammer in Zukunft schwierig werden: In mehreren Fachrichtungen geht altersbedingt etwa ein Drittel der Mediziner in wenigen Jahren in den Ruhestand.

Das Heessener Arzt Hans-Joachim Briefs fand keinen  Nachfolger.

Das geht aus Daten der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe hervor. Nachfolger sind vielfach nicht in Sicht. Es ist erst wenige Wochen her, dass Hans-Joachim Briefs aus Heessen anbot, seine Hausarztpraxis zu verschenken. 34 Jahre lang hatte er Patienten medizinisch versorgt. Als er in Ruhestand gehen wollte, fand er keinen Nachfolger – obwohl die Praxis gut lief, er etwa 1000 Patienten versorgte.

Briefs schloss die Praxis im Juli. Dem Beispiel könnten weitere folgen.

Knapp ein Drittel der 101 Hammer Hausärzte ist 60 Jahre oder älter. Viele dieser Ärzte dürften in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen und einen Nachfolger suchen. „Aufgrund der derzeit angespannten Nachwuchssituation könnte sich eine solche Suche allerdings als schwierig gestalten“, erklärt Jens Flintrop, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Auch unter den Augen-, Haut-, Kinder- und HNO-Ärzten ist mindestens ein Drittel der Mediziner 60 Jahre und älter.

„Ich kenne Kollegen, die ihre Praxis liebend gerne abgeben würden, es aber nicht können, weil sie keinen Nachfolger finden“, sagt Dr. Matthias Bohle, der Vorsitzende des Ärztevereins Hamm. Er berichtet von Kollegen, die arbeiten, obwohl sie selbst dreimal pro Jahr ins Krankenhaus müssen. „Die Kollegen machen weiter, weil sie wissen, dass ihre Praxen sonst kaputt gehen“, sagt Bohle. Sie fühlten sich verantwortlich für ihre Mitarbeiter, ihre Patienten.

Keine Erlaubnis für neue Hausärzte

Wenn eine Praxis doch schließt, müsste es für die Menschen in Hamm eigentlich einfach sein, einen neuen Arzt zu finden. Das legen zumindest die Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe nahe. Demnach ist Hamm überversorgt. Bis vor wenigen Wochen war der Grad der Überversorgung in Hamm derart hoch, dass die Kassenärztliche Vereinigung die Stadt sperrte. Neue Hausärzte durften sich nicht niederlassen.

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Wer allerdings einen Hausarzt suchte, wurde in einigen Praxen abgewiesen: Sie waren zu voll. Der Hammer Hausarzt Bohle bestätigt, dass die statistische Überversorgung nicht unbedingt bedeutet, dass es in Hamm mehr Hausärzte gibt, als die Menschen brauchen. „Historisch bedingt gelten im Ruhrgebiet andere Messzahlen“, sagt er. „Das führt dazu, dass sich mehr Patienten einen Arzt teilen mussten als anderswo.“ Pro Patient bleibt den Hammer Ärzten also weniger Zeit.

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Innerhalb der kommenden zehn Jahren sollen die Messzahlen nun angepasst werden, die erste Anpassung wurde in diesem Frühsommer gemacht, in der Folge entfiel die Sperre – neue Hausärzte dürfen sich in Hamm niederlassen.

Andere Versorgungsquoten bedeuten aber nicht, dass tatsächlich junge Mediziner in Hamm Praxen eröffnen oder die älterer Kollegen übernehmen. „Hamm steht nicht gerade im Fokus junger Mediziner, die in Münster oder Bochum studiert haben“, sagt Bohle. Das liege unter anderem am Image der Stadtdabei habe Hamm schöne Ecken.

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Ein weiteres Problem: Die Mehrzahl der Medizin-Absolventen sind mittlerweile Frauen. Viele von ihnen gründeten nach ihrem Studienabschluss eine Familie statt einer Praxis. „Viele Frauen, die mit Anfang 30 kleine Kindern zu Hause haben, trauen sich eine Selbstständigkeit nicht zu“, sagt Bohle. Dies liege auch an den Rahmenbedingungen. Er fordert, dass Kitas länger als von 8 bis 16.30 Uhr geöffnet sind, damit junge Ärztinnen überhaupt die Möglichkeit haben, sich selbstständig zu machen.

Und dazu kann er Kollegen nur ermutigen – auch in finanzieller Hinsicht. „Wenn man gescheite Arbeit macht, kann man in der Medizin gut verdienen“, sagt Bohle.

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