Shitstorm gegen Marienhospital

Aufregung um Kopftuch-Video in Hamm - „Sind keine Rassisten“

Marienhospital Hamm
+
Das Kreuz gehört dazu: Am Innenstadt-Standort wird deutlich, dass das Marienhospital christlich geprägt ist.

Es ist ein Video mit Aufregerpotenzial. Eine junge Muslimin empört sich darüber, dass sie ihre Weiterbildung in der Intensivpflege des Marienhospitals in Hamm nicht antreten darf, weil sie Kopftuch trägt. Der Beitrag verbreitet sich wie ein Virus, es gibt Kommentare und vor allem Anfeindungen: Das Krankenhaus sieht sich mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert.

Hamm - Was war passiert? Das Hammer Krankenhaus kooperiert mit Partnereinrichtungen in Dortmund, auch zum Zwecke der Weiterbildung von Personal. Für vier Monate hatte die junge Frau eine Fachweiterbildung auf der Intensivstation absolvieren sollen.

Davon erfahren habe das Krankenhaus an der Knappenstraße eine Woche vor Dienstantritt, erläutert Pflegedirektor Jörg Beschorner. „Es hat ein Vorgespräch mit dem Leiter der Intensivstation gegeben, zu dem die junge Frau mit Kopftuch erschienen ist. Der Arzt ist davon ausgegangen, dass sie in ihrer Freizeit vorbeigeschaut hat und sie nicht explizit darauf hingewiesen, dass sie das Kopftuch bei uns nicht tragen kann“, erläutert Geschäftsführer Thomas Tiemann. Das sei unglücklich, aber verständlich gewesen.

Gemäß der Statuten des Krankenhauses dürfe zwar im Dienst kein Kopftuch getragen werden, aber Freizeit sei nun einmal Freizeit, so Tiemann. Da die junge Frau aus einem Krankenhaus kommt, in dem das Kopftuchtragen erlaubt ist, traf sie die Bitte um das Ablegen des Kopftuches wohl unvermittelt. Noch während weitere Gespräche liefen, bemühte man sich seitens der Klinik, eine Alternative zu finden. „Die junge Frau ist zwar erwachsen, aber eine sehr junge Erwachsene. Da lassen wir niemanden allein, und wir akzeptieren ihre Ansichten“, sagt Tiemann entschieden.

Aufregung um Kopftuch-Video in Hamm: Stellungnahme im Internet

Tatsächlich sei der Frau sofort ein anderer Platz in Dortmund vermittelt worden – sogar nah an ihrem Wohnort. „Das hat die junge Frau bereits gewusst, als sie das Video (das auf Instagram verbreitet wurde - die Red.) gedreht hat“, sagt Bettina Otte, zuständig für die Klinikkommunikation. Womöglich sei die Nachricht allerdings im Moment der ersten Aufregung nicht richtig zu ihr durchgedrungen, gibt Thomas Tiemann zu bedenken. Die junge Frau selbst reagierte bis zum Verfassen dieses Artikels nicht auf eine Kontaktanfrage seitens der Redaktion.

Bei Tiemann sind in den vergangenen Tagen anonyme Anrufe eingegangen: „Die Leute beschimpfen einen, nennen aber nicht einmal ihren Namen. Normalerweise würde ich bei so etwas auflegen, aber dafür ist mir das Thema einfach zu wichtig. Und es ist besser, es trifft mich als einen meiner Mitarbeiter“, sagt Tiemann, der sich eine sachliche Auseinandersetzung gewünscht hätte und keinen Shitstorm. „Aber im Netz ist ‘Rassist’ noch die freundlichste Formulierung. Ich weiß nicht, wie groß der Regenschirm sein sollte, den ich meinen Mitarbeitern in dem Shitstorm an die Hand geben müsste – ich kann ihnen eigentlich nur raten, sich da eher herauszuhalten.“

Nicht alle tun das. Das Krankenhaus hat auf seiner Internetseite eine Stellungnahme formuliert und diese auch ins hausinterne Intranet gestellt. Viele Mitarbeiter reagierten entsetzt: Sie fühlen sich durch das Internet-Geschehen angegriffen und haben das online in Worte gekleidet.

Aufregung um Kopftuch-Video in Hamm: Team multinational geprägt

Das Krankenhaus hat das Recht auf seiner Seite, wie aktuelle Urteile belegen. „Aber nur weil es rechtens ist, muss es nicht jedem gefallen“, weiß Tiemann, der die Ablehnung des Kopftuches im Dienst argumentativ begründet: Hygienische Aspekte, der Gleichheitsgrundsatz, dass vom Praktikanten bis zum Chefarzt alle gleich praktisch eingekleidet werden, und natürlich der Umstand, dass in einem christlichen Haus eben ausschließlich die christliche Symbolik eine Rolle spielt, sind da ebenso zu nennen wie das Anliegen der Klinik, dass Patienten das Personal wenigstens an der Frisur wiedererkennen können, wenn dieses Maske trägt.

Jörg Beschorner geht davon aus, dass der jungen Frau die Konsequenzen ihres spontanen Posts womöglich unklar gewesen sind. Er arbeite seit sechseinhalb Monaten im Marienhospital, aber ein Rassismusvorwurf sei ihm bislang wirklich nicht untergekommen. Das Team sei multinational und geprägt von gegenseitiger Rücksichtnahme. Ob Ostern oder Zuckerfest – man vertrete sich gegenseitig, gehe mit viel Verständnis auf die Kultur der Kollegen ein.

Allein auf der Liste der Mitarbeiter, die freiwillig als Dolmetscher einspringen, wenn Patienten Hilfe brauchen, sind 17 Sprachen gelistet. „Wie viele Nationalitäten und Religionen konkret vertreten sind, darüber führen wir keine Statistik. Es ist uns nicht wichtig. Wir sind ein Team. Wir sind nicht unfehlbar, aber wir sind keine Rassisten. Wir fühlen uns in unserer Ehre verletzt, das betonen zu müssen. Aber wir würden jeden und jede, die sich an dem Shitstorm auf unser Haus beteiligt hat, in unserer Klinik aufnehmen, behandeln und Leben retten“, sagt Tiemann.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion