Schlamm, Fäkalien

Aufräumen nach der Flut: Reservist Sebastian Genech hilft an der Ahr

Kampf gegen den Schlamm: Sebastian Genech im Einsatz auf einer Feuerwehrwache in Hagen. Mit Schläuchen wurde die „braune Suppe“ in die Ableitungen gespült.
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Kampf gegen den Schlamm: Sebastian Genech im Einsatz auf einer Feuerwehrwache in Hagen. Mit Schläuchen wurde die „braune Suppe“ in die Ableitungen gespült.

Sebastian Genech ist verheiratet, Vater von drei Kindern und arbeitet bei der Stadt Hamm. Und neben Familie und Beruf prägt noch etwas sein Leben maßgeblich: sein Hobby. Der 47-Jährige ist Reservist der Bundeswehr. Als das Hochwasser Teile NRWs verwüstete, war auch sein Einsatz gefragt. Genech war vor Ort, um den Flutopfern zu helfen.

Heessen – Neben seinem Engagement bei der Reservistenkameradschaft Alt-Heessen ist Genech auch als Oberstabsgefreiter der Reserve Mitglied der Heimatschutz-Kompanie „Westfalen“. Als aus den Katastrophengebieten die Hilfegesuche bei der Bundeswehr eintrafen, wurden auch er und seine Kameraden angefordert. „Am 17. Juli traf die Alarmierung bei mir ein. Ich habe das sofort mit meiner Familie und meinem Vorgesetzten abgesprochen“, so Genech.

Flutkatastrophe: Auch Wache der Feuerwehr zerstört

Am Montag, 19. Juli, war es soweit: Genech fuhr zum Mobilisierungs-Stützpunkt nach Düsseldorf. Er meldete sich dort mit vielen Kameraden, und die Einheit wurde noch am selben Tag nach Hagen verlegt. Das Kreisverbindungskommando – eine Einheit die im Krisenfall die zivil-militärische Zusammenarbeit koordiniert – gab den Reservisten ihre Aufträge, und die Helfer legten los: „Wir waren überall dort eingesetzt, wo man die Schäden nicht mit Großgeräten beseitigen konnte“, so Genech. Ausgerechnet in einer Wache der Feuerwehr hatten sie ihre erste Aufgabe: „Da stand der blanke Modder noch immer 20 Zentimeter hoch, und alles war zerstört“, so Genech.

Also räumten sie zunächst die Spinde und alles andere leer und schafften sie mit Muskelkraft hoch, bevor sie den Schlamm raus schafften. Da kam es ihnen zugute, dass sowieso alles vernichtet war: „Um der Lage Herr zu werden, zerschlugen wir schließlich die Klosetts und sprühten den Schlamm mit Feuerwehrschläuchen in die Ableitungen“, erinnert sich der Reservist. Dann kam eine Hauptschule dran, wo ein tief liegender Klassenraum ebenfalls komplett vollgelaufen war. Die letzte Station in Hagen war ein komplett zerstörter Kindergarten, der auch mit vielen anderen Helfern leergeräumt wurde.

Am Mittwoch wurde die Kompanie schließlich in eine Kaserne in Euskirchen verlegt. Sie war der Ausgangspunkt, von dem aus für den Rest des einwöchigen Einsatzes viele kleine Orte der Eifel aufgesucht wurden: Ob Gemünd, Schleiden oder Halltal – überall erwarteten sie Bilder der Zerstörung: „Einmal räumten wir eine komplette Wiese, die bei der Flut zum Flussbett wurde“, erinnert sich Genech. Schrott, Sperrmüll und umgestürzte Bäume mussten sie dort herausschaffen.

Flutkatastrophe: Öl und Fäkalien in der Turnhalle

Was ihn da am meisten berührte, war ein zerstörtes Klavier. Dieses stammte aus einem ebenfalls zerstörten Fachwerkhaus. „Die Eigentümer erzählten uns, dass dieses Instrument über 100 Jahre alt war und sogar den Zweiten Weltkrieg in Berlin überstanden hatte. Die waren ganz fertig“, erinnert sich Genech.

Eine besondere Herausforderung stellte auch die Räumung einer Turnhalle dar: „Die war erst vor einem Jahr komplett renoviert worden, hatte aber durch Öl und Fäkalien so viele Schadstoffe abbekommen, dass ein Messgerät der Feuerwehr die Innenraumluft überwachte“, berichtet der Reservist. Dort mussten sich die Soldaten alle 30 Minuten abwechseln. Was ihm aber imponiert habe, war der unglaubliche Zusammenhalt: „Ob Anwohner, Feuerwehr, THW, Bundeswehr oder sogar eine Pfadfindergruppe, die extra zum Helfen angereist war – alle waren hoch motiviert und unterstützten sich gegenseitig“, sagt Genech. Nicht nur die aufgebauten Versorgungspunkte kümmerten sich um die Helfer, auch Mitarbeiter von Pizzerien und Restaurants, ein Eisverkäufer oder Bürger luden die Helfer ein. „Das hat uns wirklich berührt“, so der Helfer.

Auch die positiven Rückmeldungen, die den Reservisten gemacht wurden, sorgten für Freude: „Zum einen bestätigten sie unser jahrelanges Üben, zum anderen gibt es ja gar nicht mehr so viele Berührungspunkte zwischen Soldaten und Zivilbevölkerung“, freut sich der Heessener.

Genech, der als Rettungssanitäter bei der Luftwaffe Zeitsoldat war, fühlt sich in seinem Ehrenamt bestätigt: „Ich bin ja gerade deshalb beim Heimatschutz, um den Menschen hier beizustehen“, so Genech. Die Bundeswehr bedeute zwar auch Kameradschaft und den Dienst an der Waffe, aber vor allem den Dienst am Heimatland.

Möglich machen die Einsätze die Rücksichtnahme der Familie und des Arbeitgebers. Darüber zeigt sich Genech entsprechend dankbar. Dabei sei es in der heutigen Zeit leider nicht mehr selbstverständlich, überhaupt freigestellt zu werden, sei es als Reservist, bei der freiwilligen Feuerwehr, oder dem Technischen Hilfswerk. Dabei sei das so wichtig, wie sich nun gezeigt habe.

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