Auch Hammer Arzt warnt vor Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht"

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Die fiktionale Serie „Tote Mädchen lügen nicht“, sorgt seit ihrer Erscheinung bei dem Online-Video-Dienst Netflix Ende März für Diskussionen. Karl-H. Beine, Chefarzt im Marienhospital Hamm und Professor für Psychiatrie und Psychotherapie, sieht in ihr eine Gefahr für Kinder und Jugendliche.

In der 13-teiligen Serie wird der Selbstmord einer Schülerin thematisiert und der Weg dorthin detailliert dargestellt. Eine der Szenen zeigt auch den Suizid selbst. Experten in aller Welt warnen, die Serie könnte suizidale Gedanken fördern. In Neuseeland dürfen Kinder und Jugendliche sie aufgrund der drastischen Darstellungen nur im Beisein von Erziehungsberechtigten ansehen.

Karl-H. Beine, Chefarzt im Marienhospital Hamm und Professor für Psychiatrie und Psychotherapie, stimmt seinen Kollegen ich ihren Befürchtungen zu. „So wie sie aufbereitet ist, mit dem Hintergrund, dass sich Kinder und Jugendliche die Folgen alleine ansehen, sich alleine mit dem Thema auseinandersetzen sollen, sehe ich die Serie als Gefahr“, sagte der Experte im WA-Interview. Denn Jemand, der sich selbst schlecht oder einsam fühle, könne durch die isolierte Auseinandersetzung mit dem Inhalt noch tiefer in negative Gedanken geraten, Suizid-Gedanken können dadurch gefördert werden, so Beine.

Selbstmord wird glorifiziert

Bereits seit Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ sei in Fachkreisen bekannt, dass Medien, die sich auf diese Weise mit dem Thema Suizid befassen, die Selbstmordrate in die Höhe treiben können. In „Tote Mädchen lügen nicht“ würde der Selbstmord der Protagonistin glorifiziert.

„Hannah Baker wird zu einer Art Vorbild für Jugendliche, die mit ähnlichen Problemen und Gedanken kämpfen. Sie zeigt ihnen einen Weg auf, der gangbar ist. Dabei ist Suizid ein Weg, der niemals gegangen werden sollte. Er sollte nicht durch eine solche Serie salonfähig gemacht werden“, so Beine. Dabei sei das Verhalten der Protagonistin in der Serie keineswegs der richtige Weg. „Was die Protagonistin der Serie, Hannah Baker, auszeichnet ist Einsamkeit. Ihr fehlt die Kraft für notwendige Gespräche. Anstatt sich jemandem anzuvertrauen, isoliert sie sich, wenn sie es doch versucht, gerät sie an die falschen Personen.“

Drastisches Unterrichtsmaterial

Als Unterrichtsmaterial würde sich die Serie, nach Meinung des Experten, gut eignen. „Wenn sie gemeinsam mit Lehrern, Eltern und Geschwistern angesehen und das Thema Suizid besprochen wird, halte ich die Serie für gutes und drastisches Unterrichtsmaterial.“ Denn das Thema Suizid solle keinesfalls totgeschwiegen werden.

„Man muss darüber reden, jedoch auf eine andere Art und Weise. Es ist eine verzweifelte Tat eines verzweifelten Menschen, der das Licht am Ende des Tunnels nicht mehr sieht. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, das das Licht am Ende des Tunnels nie dunkel wird“, so Beine.

Eltern, deren Kinder die Serie sehen wollen rät der Experte: „Sie sollten sie mit ihren Kindern zusammen ansehen. Sich über das Gesehene austauschen, Fragen beantworten. Auf keinen Fall sollten die Kinder damit allein gelassen werden.“

Anmerkung der Redaktion:

Wir berichten in der Regel nicht über Selbstmorde bzw. mögliche Selbstmorde - außer sie erfahren, wie in diesem Fall, durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide.

Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

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