Grabungen an der Nordstraße

Mitten in Hamm! Archäologen finden historischen Weinkeller

Zwei Archäologen graben an der Nordstraße
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Hier war einst ein Weinkeller: Thies Evers (links) und Günter Wiesendahl forschen an der Nordstraße 6.

Archäologen haben mitten in Hamm einen historischen Weinkeller gefunden. Das Terrain war einst eine lokale Berühmtheit. Bald stehen dort Wohnhäuser.

Hamm - Die Baggerschaufel ist in den Hintergrund gerückt, jetzt sind Spaten, Spachtel und Handfeger die Werkzeuge der ersten Wahl: An der Nordstraße/Ecke Brüderstraße haben die Archäologen die Bauarbeiter abgelöst – zumindest für einige Wochen, bis die Firma Heckmann dort mit dem Bau eines viergeschossigen Mehrfamilienhauses mit 27 Appartements beginnen kann.

Dass die künftigen Bewohner auf einem Terrain leben werden, das einst eine lokale Berühmtheit für seine Zwecke nutzte, wissen der Archäologe Thies Evers von der Dortmunder Firma „Eggenstein Exca“ und der ehrenamtliche Stadtdenkmalpfleger Günter Wiesendahl: Karl Friedrich von Wolffersdorff (1716–1781), Generalleutnant des preußischen Militärs und Stadtkommandant.

Nach Ende des Siebenjährigen Kriegs (1756–1763) wurde von Wolffersdorff nach Hamm versetzt. Seinen Wohnsitz hatte er zwar offiziell auf Gut Ostholz (heute Alter Uentroper Weg 263). Doch an der Nordstraße 6, so die offizielle Adresse des Innenstadt-Eckhauses, ließ er ab 1769 ein Offizierskasino mit Weinkeller einrichten. Von letzterem haben die Archäologen den mit Backstein-Kacheln gefliesten Boden freigelegt.

„Das Haus wurde mit schweren Kosten ausgebaut“

„Das war schon etwas Besonderes“, sagt Wiesendahl und verweist auf Aufzeichnungen des Lehrers und Historikers Andreas Schulte. Er hat große Teile der Hammer Innenstadt-Geschichte durch akribische Recherchen in zahllosen Archiven rekonstruiert. Eine Notiz zu dem Gebäude besagt: „Das Haus wurde mit schweren Kosten ausgebaut.“ Bedeutet: Die Ausstattung war für die damalige Zeit sehr hochwertig und einem „Regimentshaus“ angemessen.

Dass es sich die Herren Offiziere an jener Stelle gut gehen ließen, belegt auch eine sehr gut erhaltene, aus Backsteinen gemauerte Rutsche. Wiesendahl vermutet, dass darüber die Fässer mit der Hammer Bierspezialität „Keut“ ins Haus gelangten. „Alles andere wäre zu eng und zu beschwerlich gewesen“, verweist er auf eine teilweise erhaltene, ebenfalls gemauerte enge Wendeltreppe mit schmalen Stufen.

Freigelegt haben die Archäologen einzelne Kellerräume, das Material der Wände verweist auf die wechselvolle Geschichte: Da findet sich naturbelassener grüner Sandstein älteren Datums neben Backsteinmauern, die laut Evers vermutlich aus dem 19. Jahrhundert stammen. Noch nicht „geöffnet“ wurde ein schwarzer Bereich: Dabei handelt es sich laut Evers wohl um einen Innenhof aus dem 17. Jahrhundert – komprimierter Lehm, in den vermutlich Ascherückstände wie Holzkohlereste eingetreten wurden, die einfach aus dem Haus gefegt worden waren.

Häufige Besitzerwechsel

Das Grundstück gehört zu dem Bereich, der beim Stadtbrand 1734 zerstört worden ist. „Die Mauern passen in diese Zeit“, sagt Evers. Der Wiederaufbau habe viele Bürger trotz einer Unterstützung durch den Staat überfordert. So wohl auch hier, denn drei Parzellen seien zusammengelegt worden. Das Haus wurde später wieder als Wohngebäude genutzt und wechselte häufig die Besitzer. Seit dessen Zerstörung 1945 im Zweiten Weltkrieg befand sich an der Stelle eine als Parkplatz genutzte Baulücke.
Für Thies Evers war es das aber noch nicht, er ist gespannt, was er unter dem freigelegten Kellerfußboden findet. „Das Mittelalter ist nicht weit“, hofft er auf weitere aufschlussreiche Funde.

Das Baumaterial, das dafür abgetragen werden muss, wird übrigens wiederverwendet: als Baumaterial, nachdem es geschreddert wurde. Bis dahin werden die einzelnen Bereiche archäologisch dokumentiert: nicht nur mit Fotografien, sondern auch mit Zeichnungen: „Die haben den Vorteil, dass man die Motive bereits interpretieren kann. Denn dem Foto kann ich nicht entnehmen, wie sich der Boden anfühlt, wie fest er ist und wie er riecht.“ Mit Letzterem spielt er auf Latrinen an, in denen Archäologen immer wieder fündig werden.

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