Arbeitslosigkeit bei Frauen: Rollback durch Corona in Hamm?

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Die Bekämpfung des Coronavirus und der Lockdown werfen die Gleichberechtigung um Jahrzehnte zurück, erklären Politiker etwa von den Grünen und den Linken. Ähnliches sagen Sozialwissenschaftler wie Jutta Allmendinger. Sie warnt, die Virusbekämpfung führe dazu, dass die Fortschritte der vergangenen drei Jahrzehnte bei der Gleichberechtigung verloren gegangen seien. Stimmt das? Und stimmt das auch in Hamm?

Hamm – Das ist schwer zu greifen. Einzig Faktoren wie die Frage, wie häufig Frauen einem Beruf nachgehen und ob es sich um eine reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung handelt oder nicht, lassen sich aus Zahlen ablesen.

Im Mai war die Zahl der Arbeitslosen in Hamm deutlich gestiegen, im Vergleich zum Vorjahresmonat um 16,6 Prozent. Dabei zeigte sich: Männer verloren häufiger ihre Jobs. Die Zahl der arbeitslosen Männer stieg um 18,4 Prozent, die der arbeitslosen Frauen um 14,4 Prozent. „Es sind offenbar eher die Frauen, die gehalten werden“, sagt Martina Leyer, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt bei der Arbeitsagentur.

Ist es um die Gleichberechtigung auf dem Hammer Arbeitsmarkt also gut bestellt? Diesen Schluss lassen die Zahlen nicht zu. Schließlich ist eine andere Zahl niedrig: die der beschäftigten Frauen. Sie lag laut dem Regionalatlas der Statischen Landesämter im Jahr 2019 bei 50,2 Prozent – damit schafft es Hamm auf Rang 385 von 400 ausgewerteten Städten. Die Quote bildet ab, wie viele Menschen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung oder einen Minijob haben. Beamte und Selbstständige fehlen in der Zahl. Bei den Männern lag die Beschäftigungsquote bei 62,2 Prozent. Damit erreicht Hamm Rang 319.

Corona kann für berufstätige Frauen Vorteile bringen

Zudem hat etwa jede zehnte Hammerin im erwerbsfähigen Alter ausschließlich einen Minijob – der Anteil liegt etwa doppelt so hoch wie bei den Männern. Diese Frauen verdienen höchstens 450 Euro pro Monat. Kurzarbeitergeld bekommen sie nicht. „Da ist das Einkommen sofort weg“, sagt Leyer.

Zudem arbeiteten Frauen in Hamm vor der Krise häufig in Teilzeit. Das traf auf etwa die Hälfte der Frauen zu, aber nur ein Achtel der Männer.

Leyer verwendet einen großen Teil ihrer Arbeitszeit darauf, Frauen zu beraten, die nach einer Familienpause zurück in den Beruf einsteigen wollen. „Das Thema war praktisch tot“, sagt sie über die erste Phase des Lockdowns im März und April. Frauen wüssten nicht, wann und wie sie am besten wieder in den Job einsteigen konnten – oftmals betreuten sie in Zeiten geschlossener Kitas und Schulen ihre Kinder. „Jetzt gehen wieder die ersten Anrufe ein“, sagt Leyer. „Die Frauen wollen etwas zum Familieneinkommen beitragen.“

Martina Leyer glaubt, dass Corona für berufstätige Frauen auch Vorteile bringen kann. „Vielleicht ist es eine Folge der Krise, dass Arbeitgeber Arbeitsmöglichkeiten flexibler gestalten“, sagt sie. Dazu kommt, dass in der Krise deutlich geworden sei, dass in systemrelevanten Jobs häufig Frauen arbeiten. Es gibt seit Jahren Forderungen dazu, diese Jobs besser zu bezahlen – vielleicht kommt man ihnen nach der Krise endlich nach, hofft Leyer.

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